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Hebel, Johann Peter



Geb. 10.5.1760 in Basel;gest. 22.9.1826 in Schwetzingen
Mit selbstironischer Verwunderung berichtet der knapp 62jährige einer guten Bekannten davon, daß aus ihm , offensichtlich »etwas geworden« ist; »Seit 1819 bin ich Prälat, Mitglied der Ersten Kammer und trage das Kommandeurkreuz des Zähringer Lö-wepordens. Ich möchte Sie sehen in dem Augenblick, wo Sie dieses lesen«. Nach dem Zeugnis eines frühen Biographen reagiert er auf die Nachricht von seiner Erhebung zu der in der evangelischen Landeskirche Badens bis dahin »noch nie erhörten Würde« mit einer bezeichnenden Reminiszenz: »Was würde meine Mutter sagen!« Im Umgang mit der höheren Gesellschaft nämlich hat H. den Abstand zu seiner Herkunft nie ganz überwunden: »Ihr habt gut reden«, antwortete er, einmal auf diese Scheu angesprochen: »Ihr seid des Pfarrers N. Sohn von X ... Ich aber bin ... als Sohn einer armen Hintersassen-Witwe zu Hausen aufgewachsen, und wenn ich mit meiner Mutter nach Schopfheim, Lörrach oder Basel ging, und es kam ein Schreiber an uns vorüber, so mahnte sie: >Peter, zieh's Chäppli ra.'s chunnt a HerPeter, blib doch stoh, zieh geschwind di Chäppli ab, der Her Landvogt chunnt!< Nun könnt Ihr Euch vorstellen, wie mir zu Mute ist, wenn ich hieran denke - und ich denke noch oft daran - und in der Kammer sitze mitten unter Freiherren, Staatsräten, Ministern und Generalen, vor mir Standesherren, Grafen und Fürsten und die Prinzen des Hauses und unter ihnen der Markgraf«.

      Erst verhältnismäßig spät, nach einem »langen Umweg«, beginnt H.s ungewöhnliche Karriere. »Ich habe schon in dem zweiten Jahre meines Lebens meinen Vater, in dem dreizehnten meine Mutter verloren«; beide Eltern standen im Dienst einer Basler Patrizierfamilie. Heimatliche Gönner ermöglichen dem Waisenjungen 1775 den Besuch des Karlsruher »Gymnasium illustre« und das Studium der Theologie in Erlangen. Da H.s Examen zwei Jahre später nicht zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen zu sein scheint, ziehen sich die bisherigen Mentoren zurück: »Elf Jahre lang, bis in das einunddreißigste meines Lebens, wartete ich vergeblich auf Amt und Versorgung. Alle meine Jugendgenossen waren versorgt, nur ich nicht«. Er arbeitet zunächst als Hauslehrer und Hilfsgeistli-cher in Hertingen, bevor er 1783 eine dürftig bezahlte Stelle als Präzeptorats-vikar am Lörracher Pädagogium erhält. Während der später als »glücklich« erinnerten Zeit entstehen enge Lebensfreundschaften. Zugleich trägt er sich der beruflichen Zurücksetzung wegen jedoch »lange mit dem Gedanken, noch umzusatteln und Medizin zu studieren«.
      Dieser Stillstand endet erst im Herbst 1791. Statt auf eine als idyllisches Wunschbild bis ins Alter hinein beschworene »Landpfarrei« im Südbadischen , wird H. als Subdiakon an seine frühere Schule berufen und bereits ein Jahr später zum Hofdiakon befördert. Sein Fächerspektrum reicht von den alten Sprachen bis zu den Naturwissenschaften, in denen er seine
Kenntnisse rasch selbständig erweitert. Wenige Jahre später schon ernennen ihn zwei »Naturforschende Gesellschaften« in Jena und Stuttgart zu ihrem Mitglied. Auf H.s pädagogisches Geschick aufmerksam geworden, »vertauscht ... das Konsistorium« 1798 seinen »bisherigen Titel mit dem eines Professors« und zieht ihn in der Folge als Berater und Mitarbeiter bei den Aufgaben der kirchlichen Verwaltung heran.
      Angeregt durch eine Zeitschrift im Umfeld zeitgenössischer Wiederentdek-kung der eigenen »Vorzeit«, beginnt er dreizehn Jahre nach seiner »Minnesän-ger«-Lektüre von 1787 wieder mit Versen in dem der »altdeutschen Ursprache« verwandten Dialekt seiner »geliebten Heimat«. Die kunstvolle Naivität der in »moralisch veredelnder Absicht genau im Charakter und Gesichtskreis« der einfachen Landbevölkerung bleibenden Alemannischen Gedichte verhilft H. schlagartig zu einem, wie Johann Wolfgang von Goethe in seiner Rezension der zweiten Auflage schreibt, »eigenen Platz aui dem deutschen Parnaß«. Als literarische Berühmtheit gewinnt der nunmehr zum Kirchenrat Ernannte die persönliche Gunst des regierenden Fürsten und erlangt, obschon er sich weiterhin in den »Wirtshäusern« heimischer fühlt, Zutritt in die »Zirkel, wo die Hofluft weht«.
      Zwischen 1807 und 1814, als er nach einer konfessionellen Polemik gegen ihn zurücktritt, dann noch einmal vier Jahre später, redigiert H. in alleiniger Verantwortung den zuvor in eine Absatzkrise geratenen protestantischen Landkalender, der »für den gemeinen Mann ein Stellvertreter der Zeitungen und Zeitschriften« ist. Schon aus dem neu gewählten Titel, Der Rheinländische Hausfreund, erhellt sein Selbstverständnis als vertrauter Gesprächspartner der »geneigten Leser«. Seine aus verschiedenen Quellen geschöpften »Artikels« realisieren eine »unterhaltende« Aufklärung »in natürlicher Sprache«, die nichtherablassend doziert, sondern vom »eigentümlichem Geschmack des Volks« ausgeht. Er hat »jene« - im 20. Jahrhundert von Ernst Bloch und Walter Benjamin über Martin Heidegger bis hin zu Elias Canetti und Heinrich Böll vielbewunderte - »echte und edle Popularität« im Blick, »die zwischen gebildeten und ungebildeten Lesern keinen Unterschied erkennend aus dem Menschen hervorgeht und den Menschen erfaßt«. Die »Mannigfaltigkeit« der Themen und Stoffe, von Personal und Schauplätzen, löst den Anspruch des »Kalendermachers« auf die Präsentation eines »Spiegels der Welt« ein. Da er mit diesem Konzept »in kurzer Zeit in ganz Deutschland eine seltene Aufmerksamkeit rege gemacht hat«, legt H. 1811 eine geringfügig überarbeitete Auswahl seiner Geschichten vor, das Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes.
      »Meine Lage ist den Musen nicht so günstig wie ich wünsche. Meine Geschäfte vermehren sich von lahr zu fahr statt sich zu mindern, und die gute Laune verliert sich unter ihrer I ast und unter ihren Zerstreuungen«, hatte er bereits 1807 auf die Bitte zur Mitarbeit an einem literarischen Almanach geantwortet. In den Briefen aus dem letzten Lebensjahrzehnt häufen sich, der gewachsenen Beanspruchung entsprechend, diese Klagen. 1821 zeichnet die Universität Heidelberg den undogmatischen Christen — »Wer aber ohne den Glauben gut handelt, auch dessen wird sich Gott erbarmen« - aufgrund seiner Verdienste bei der Union der lutherischen und reformierten Kirche in Baden mit der theologischen Ehrendoktorwürde aus. Als Schulbuch, das zur Freude des Autors auch in den katholischen Religionsunterricht übernommen wird, erscheinen zwei Jahre später seine Biblischen Geschichten für die Jugend bearbeitet. Bis zu seinem Ende lassen die Amtspflichten H. buchstäblich nicht mehr los: er stirbt auf einer Dienstreise, zu der er, schon »in der Qualität eines Patienten«, aufgebrochen war.
     

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Hebel,  Johann  Peter    





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