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Hauff, Wilhelm



Geb. 29.11.1802 in Stuttgart; gest. 18.11.1827 in Stuttgart
Unter dem Pseudonym H. Clauren, dessen sich der preußische Hotrat Karl Heun als erfolgreicher Unterhaltungsschriftsteller bedient, erscheint in der zweiten Augusthälfte 1825 bei dem Stuttgarter Verlag Friedrich Franckh ein Roman mit dem reißerischen Titel Der Mann im Mond oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme. Als Multiplikator des »Aufsehens«, das diese keineswegs allgemein als solche erkannte Parodie erregt, wirkt der von dem Plagiierten angestrengte Prozeß, in dem Franckh schließlich zu der gemessen am Verkaufsertrag »geringen« Strafe von 50 Reichstalern verurteilt wird. Für den jungen Imitator, der sich nun auch als Verfasser der kurz zuvor anonym erschienenen und von der Kritik günstig aufgenommenen Mitteilungen aus den Memoiren des Satan zu erkennen gibt, eines im darauffolgenden Jahr um eine Fortsetzung erweiterten satirischen Kaleidoskops der frühen Restaurationszeit, steht der geschickt provozierte Skandalam Beginn einer steilen Karriere. Rasch avanciert er zu einem umworbenen Mitarbeiter verschiedener belletristischer Zeitschriften und Verlage.

      Die Art und Weise, in der H. sich ins Gespräch bringt, zeigt beispielhaft, daß er die Mechanismen des expandierenden Büchermarkts souverän durchschaut und sie seiner Strategie des sozialen Aufstiegs zielstrebig nutzbar zu machen versteht. Durchweg verrät der in Relation zur Entstehungszeit von nicht einmal drei Jahren staunenswerte Ertrag seiner hektischen Produktivität, die nach anfänglichen lyrischen Versuchen ausschließlich der Prosa gilt, ein sicheres Gespür für aktuelle Trends. Die Bereitschaft zur partiellen Anpassung an den Publikumsgeschmack verbindet sich freilich mit dem Anspruch »zeitgemäßer« Innovation. Lichtenstein »romantischen Sage aus der württembergischen Geschichte« nach dem Vorbild der historischen Romane Walter Scotts, verhilft dieser Gattung in Deutschland zum Durchbruch. H.s Beiträge zum zeitgenössischen »Modeartikel«, der Novelle - Die Bettlerin vom Pont des Arts etwa, Jud Süß oder Das Bild des Kaisers -, entfalten programmatisch einen urba-nen Erzählgestus jenseits aller literarischen »Schulen«, der breite Kreise für die »allgemeine Bildung« gewinnen und zugleich »den ernster denkenden ... fesseln« will. Am berühmtesten geworden sind indes zu Recht seine drei zyklischen »Märchenalmanache«: Die Karawane , Der Scheik von Allessandria und seine Sklaven sowie Das Wirtshaus im Spessart mit dem herausragenden Stück Das kalte Herz. Sie gehören nach Robert Walser »zum Schönsten und Kostbarsten«, »was in deutscher Sprache jemals gedichtet wurde.«
H. stammt aus einer Familie der alteingesessenen bürgerlichen »Ehrbarkeit« Württembergs. Der Vater, ein kurzvor der Geburt seines zweiten Sohnes als Republikaner denunzierter und zeitweise inhaftierter Jurist im Staatsdienst, stirbt 1809. In Tübingen besucht H. bis 1817 die Lateinschule. Auf Antrag der Mutter wird er bereits ein |ahr früher als üblich aus dem Seminar Blaubeuren 1820 zum Studium der protestantischen Theologie, mit Philologie und Philosophie als Nebenfächern, nach Tübingen entlassen. 1821 schließt er sich einer Nachfolgeverbindung der aufgrund der »Karlsbader Beschlüsse« zwei Jahre zuvor verbotenen Burschenschaft »Germania« an, deren Eintreten für gesellschaftliche Freiheitsrechte er teilt.
      Da H. das Pfarramt umgehen will, nimmt er unmittelbar nach seiner Abschlußprüfung im Spätsommer 1824 zunächst für eineinhalb Jahre eine Stelle als Hauslehrer in der Familie des württembergischen Kriegsratspräsidenten an, die ihm genügend Freiraum zur literarischen Arbeit läßt. Die obligatorische große Bildungsreise führt den inzwischen zum Dr. phil. Promovierten 1826 nach Paris, in die Normandie und nach Brüssel, anschließend hält er sich in einigen norddeutschen Städten auf. Die humoristischen Phantasien im Bremer Ratskeller erinnern an eine seiner Stationen.
      Mit Beginn des folgenden Jahres übernimmt H. im Verlag von Johann Friedrich Cotta die belletristische Redaktion des angesehenen Morgenblatts für gebildete Stände. Auch im Umgang mit dem neuen Dienstherrn behält er sein ausgeprägtes Selbstbewußtsein. »Ich fühle Kraft und Beruf in mir, Gutes, vielleicht, wenn ich reif genug sein werde, sogar Schönes und Erhabenes zu schaffen; daß dies jetzt noch nicht ist, weiß ich selbst«, hatte er am 7. September 1826 einem Freund geschrieben. Der frühe Tod, wenige Tage nach der Geburt seines Kindes, ereilt ihn mitten in neuen dichterischen Plänen und läßtdie angekündigten Fortschritte nicht mehr zu, deren Erwartbarkeit die Nekrologe übereinstimmend hervorheben. Selbst mit seinem vorliegenden Werk aber ist H. einer der wenigen wirklich populären »Klassiker« der deutschen Literatur.
     

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