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Handke, Peter



Wie kaum ein zweiter Autor der Gegenwart ist H. in der literaturkritischen Auseinandersetzung der Anlass von vorbehaltloser Bewunderung wie auch von aggressiver Polemik: Man hebt seinen Mut zu Poesie und Individualismus ebenso hervor wie die sprachliche Genauigkeit in der Wiedergabe von Beobachtetem; auf der anderen Seite stehen Vorwürfe der Realitätsferne, des falschen Pathos und narzißtischer Selbstinszenierung.

      H. wurde 1942 in bäuerlich-proletarischen Verhältnissen geboren; die Erfahrungen von Kindheit und Jugend im Berlin der Nachkriegszeit und im ländlichen Kärnten haben Eingang in das stark autobiographisch geprägte Werk gefunden. Bereits die Schulzeit vermittelte grundlegende sprachliche Erfahrungen: »Sollte ich ein Erlebnis beschreiben, so schrieb ich nicht über das Erlebnis, wie ich es gehabt hatte, sondern das Erlebnis veränderte sich dadurch, dass ich darüber schrieb, oder es entstand oft erst beim Schreiben des Aufsatzes darüber, bis ich schließlich an einem schönen Sommertag nicht den schönen Sommertag, sondern den Aufsatz über den schönen Sommertag erlebte« . 1961 begann H. ein Jurastudium in Graz, wo er sich der Künstlergruppe »Forum Stadtpark« anschloss. Der Veröffentlichung kürzerer Prosatexte folgte eine Mitarbeit beim Rundfunk, für den H. Feuilletons und Buchbesprechungen verfasste. H.s erster Roman, Die Hornissen, erschien 1966; diese Publikation veranlasste ihn zur Aufgabe des Studiums und zur Entscheidung für eine freie schriftstellerische Existenz. Anknüpfend an die frühe Erfahrung der Wirklichkeitskonstitution durch Sprache thematisieren Die Hornissen das Problem des Erzählens als ein Wechselverhältnis von Inhalt und Form. Auch

H.s frühe Stücke, wie Publikumsbeschimpfung und Kaspar , beleuchten die Ordnungs- und Zerstörungsfunktion der Sprache; Kaspar stellt ein Subjekt vor, das Sprache erleidet und gebraucht und erst in diesem Doppelspiel ein Selbstbewußtsein ausbildet, das freilich nur ein vermitteltes und von immer neu aufbrechender Nicht-Identität gezeichnetes sein kann.
      H., inzwischen in die Bundesrepublik übergesiedelt, gelangte zu einiger Publizität, als er 1966 auf der Tagung der »Gruppe 47« in Princeton der zeitgenössischen Literatur »Beschreibungsimpotenz« vorwarf. In programmatischen Essays formulierte er seine eigene Position: Literatur ist für ihn ein Mittel, sich »über sich selber, wenn nicht klar, so doch klarer zu werden«. An ein literarisches Werk stellt H. den Anspruch, es solle noch nicht bewußte Möglichkeiten der Wirklichkeit aufzeigen und zur Destruktion konventionali-sierter Bedeutungen beitragen, ein Anspruch, den um Realismus bemühte Beschreibungsliteratur nicht einlösen könne. Ebenso bestreitet H. der sog. »engagierten Literatur« den Kunstcharakter: der literarische Gebrauch der Sprache verweise nicht auf die außersprachliche Realität, sondern sei notwendig selbstreflexiv.
      Die unter dem Titel Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt versammelten lyrischen Texte versuchen, H.s theoretischen Einsichten Rechnung zu tragen, und erweisen das Wechselverhältnis von Innen und Außen als sprachlich bedingt. Mit der 1970 erschienenen Erzählung Die Angst des Tormanns beim Elfmeter, 1971 von Wim Wenders verfilmt, wird die einmal angeschlagene Thematik weitergeführt. Der Text protokolliert die Wahrnehmung eines aus den stabilen Bedeutungsbeziehungen von Innen und Außen, Zeichen und Bezeichnetem herausgetretenen Bewußtseins.
      H., der auch Hörspiele und Filmbücher schrieb, lebte 1969/70 in Paris. Die Rückkehr in die Bundesrepublik leitete eine Werkphase ein, die durch die Erzählungen Der kurze Brief zum langen Abschied und Die Stunde der wahren Empfindung markiert ist. Das Attribut »Innerlichkeit«, mit dem H., 1973 Büchner-Preis-Träger, besonders seit den 1970er ]ahren belegt worden ist, bezeichnet eine entschlossene Suche nach dem Ich, dem im Rückzug aus der vereinbarten Welt auch die Vereinbarungen des Bewußtseins ungültig werden und dem nurmehr das Ideal eines unverstellten Blicks auf die Welt, gedacht als Erfahrung des authentischen Ichs, bleibt. Momente der Epi-phanie, Erfahrungen erkennenden Au-ßersichseins im Kurzen Brief verdichten sich in der Stunde der wahren Empfindung zum Glücksprogramm eines befreienden Sichverlierens und -wieder-findens. Nur scheinbar lenkt H. mit der Erzählung VunschU»e> IhigSiuk , die das Leben seiner Mutter beschreibt, von den das eigene Ich betreffenden Fragen ab, findet er doch in der Figur der Mutter die Spuren seiner selbst.
      Die Suche nach Unmittelbarkeit wird im Journal Das Gewicht der Welt fortgesetzt; Wahrheit, Schönheit, Universalität und Natur sind denn auch die Koordinaten seiner neuen Ästhetik, wie H. in der Kafka-Preis-Rede 1979 ausführt. Seit den 1980er Jahren trat H. auch verstärkt als Ãœbersetzer hervor
Die Wende zur Positivität wird noch einmal in der Tetralogie Langsame Heimkehr erzählt, die von den Aufzeichnungen der Geschichte des Bleistifts begleitet wird. Sie dokumentiert auch die Heimkehr des Autors H., der nach einer zweiten Zeit in Paris und mehreren USA-Aufenthalten 1979 nach Österreich zurückkehrte. Das artikulierte »Bedürfnis nach Heil«, entworfen als mystischer Augenblick, in dem Selbstverlust und Selbstfindung in der Erfahrung neuer Sinnhaftigkeit zusammenfallen, findet seine Antwort in einer zunehmend mythisierten Natur. Als ewige Schrift wird sie in der Schau -daher die Betonung des Visuellen in H.s späteren Texten - zum Ursprung der Kunst. Der 1983 erschienene Roman Der Chinese des Schmerzes setzt als Ursprungsort des Erzählens das Bild der »Schwelle« ein, das Ãœbergang und Trennung zugleich ist. Seit der Mitte der 1980er Jahre rücken H.s Arbeiten die Materialität des Schreibens selbst in den Mittelpunkt. Dies gilt insbesondere für Die Wiederholung und das »Märchen« Die Abwesenheit , die als Allegorien des Schreibens gelesen werden können. In einem ausführlichen Gespräch mit Herbert Camper, erschienen 1987 unter dem Titel Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen, gibt H. Auskunlt über sein neues, an Buchstabe und Schrift orientiertes poetologisches Selbstverständnis. Mit den drei »Versuchen« - Versuch über die Müdigkeit , Versuch über die Jukebox , Versuch über den geglückten Tag — nähert sich H., der seit Anfang der 1990er Jahre wieder bei Paris lebt, einer den Formprinzipien des Essays verpflichteten Schreibweise. Sprache, Schrift, Erzählen bleiben die Koordinaten der H.sehen Poetologie. Der 1994 erschienene, über tausend Seiten umfassende Roman Mein Jahr in der Nie-mandsbucht, der den Untertitel Ein Märchen aus den neuen Zeiten trägt, knüpft an das bereits in früheren Texten H.s präsente Motiv der Verwandlung an und spannt einen im Medium der Schrift erzeugten zeit-räumlichen Bogen, der um nichts als um das Schreiben selbst kreist. Vom reinen Erzählen und vom reinen Lesen handelt schließlich auch der Roman Der Bildverlust ,der, einmal mehr das Motiv der Reise mit dem Motiv sprachlicher Bewegung zusammenschließend, auf eine Sprache zielt, die alle Bildhaftigkeit, d.h. alle Referenz, hinter sich gelassen hat. Bewegung als Ereignis der Form ist auch das Prinzip von H.s späteren Theaterstük-ken. Inszeniert Die Stunde da wir nichts voneinander wußten das wortlose Gehen verschiedener Figuren über einen Platz und deren konstruiert zufällige Begegnungen als performatives Rollen-Spiel, zeigt das »Stationendrama« Untertagblues die Stationen einer aus dem Dunkel ins Licht führenden Metrofahrt als »Redestationen«, die Sprache als in Bewegung begriffenes Medium der Erzeugung und Dekompo-sition von Figuren und Bedeutungen erfahrbar machen.
      Für Irritationen sorgte H.s 1996 zuerst in der Süddeutschen Zeitung und anschließend als Buch veröffentlichter Text Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien, der den Versuch unternimmt, hinter die nach der Meinung des Erzählers einseitige Medienberichterstattung zum Jugoslawienkrieg zu schauen und ihr das Prinzip der »Augenzeugenschaft« gegenüberzustellen. Vorgeworfen wurden H. u.a. Unkenntnis der Verhältnisse, mangelnde Differenzierung und Befangenheit in subjektiver Selbstbespiegelung. Unbeeindruckt von dieser Kritik erschien 2002, ebenfalls in der Süddeutschen, eine gekürzte Version seines 2003 in Buchform veröffentlichten Textes Rund um das Große Tribunal, der den Prozeß gegen Slobodan Milosevic, den ehemaligen serbischen und jugoslawischen Präsidenten, zum Anlaß nimmt, nach der Rolle von Angeklagten in Rechtsverfahren, der Wirkung des Gesetzes und Begriffen von Schuld zu fragen.
      So sehr sich H.s Texte im Lauf der Jahre verändert haben, so konsequent ist die Entwicklung: Immer ist es die
Sprache selbst, als Wort und als Schrift, die den Zugang zur Wirklichkeit des Daseins erschließen bzw. ein höheres, epiphanisches Dasein eröffnen soll. Der Versuch, sprachliche Ãœbergangsmomente auf Dauer zu stellen, kann indessen ein Kippen der Balance in stilisierte Gewichtigkeit oder ins Unverbindliche kaum vermeiden.
     

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