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Gryphius, Andreas



Geb. 2.10.1616 in Glogau; gest. 16.7.1664 in Glogau
»Der Autor über seinen Geburts-Tag den 29. Septembr. des MDCXVI Jahres«, so lautet die Ãœberschrift eines Sonetts von G. Das Datum ist falsch, der Autor entscheidet sich bewußt gegen die historische und für eine symbolische Wahrheit. Er wählt den Tag als Geburtstag, »An dehm der Engel-Printz den Teuffei triumphirt«, den Tag des Erzengels Michael: Zeichen dafür, daß er sein Leben unter dem besonderen Schutz Christi und seiner »Engel Schar« sieht -und ein Hinweis darauf, daß man im 17. Jahrhundert ein besonderes Verhältnis zur historischen Wahrheit hatte.
     
G. wurde, und das ist die historische Wahrheit, am 2. Oktober 1616 in Glogau geboren. Der Dreißigjährige Krieg und die damit verbundenen konfessionellen Konflikte prägten seine Jugend. Sein Vater, ein protestantischer Geistlicher, kam auf ungeklärte Weise ums Leben, als Friedrich

V.

von der Pfalz, der »Winterkönig«, 1621 auf der Flucht durch Glogau zog; das evangelische Gymnasium, das G. seit 1621 besuchte und an dem sein Stiefvater Michael Eder lehrte, wurde im Zuge der Reka-tholisierungspolitik Wiens 1628 geschlossen. Erst 1632 konnte G., dessen Mutter inzwischen ebenfalls gestorben war, wieder eine Schule, das Gymnasium in Fraustadt, besuchen. Den Beginn einer besseren Zeit bedeuten die anschließenden Jahre in Danzig und auf dem Gut des angesehenen Rechtsgelehrten Georg Schön-borner in der Nähe von Fraustadt . In Danzig vermittelten ihm die Lehrer des Akademischen Gymnasiums auch den Zugang zur neueren deutschen Dichtung - zwei lateinische Herodes-Epen hatte er schon 1634 und 1635 veröffentlicht -, und Georg Schön-borner verlieh 1637 seinem Hauslehrer kraft seiner Rechte als Kaiserlicher Pfalzgraf Adelstitel und Magisterwürde und krönte ihn zum Poeten.
      Inzwischen waren nämlich G.' erste deutsche Gedichte, die sogenannten Lis-saer Sonette erschienen. Sie enthalten bereits einige seiner bekanntesten Texte und nehmen auch schon das Thema auf, das kennzeichnend für sein gesamtes Werk werden sollte: »Ich seh' wohin ich seh / nur Eitelkeit auff Erden.«
Das gute Verhältnis zur Familie Schönborner führte dazu, daß G. die beiden Söhne zum Studium an die cal-vinistische Universität Leiden begleiten durfte, beliebter Studienort für protestantische Schlesier. G. nutzte die Zeit in Leiden zu intensiven Studien, wobei seine besonderen Inter-essen der Staatslehre und den modernen Naturwissenschaften galten. Zugleich wuchs sein dichterisches Werk: 1639 erschienen die Son- undt Eeyrtags-Sonnete, die den sonntäglich zur Vorlesung kommenden Evangelienabschnitten folgen, 1643 das erste Buch der Sonette , Oden und Epigramme. Entscheidend für seine späteren dramatischen Versuche war die Begegnung mit den Werken des holländischen Dramatikers Joost van den Vondel, die häufig im neuen Amsterdamer Schauspielhaus gegeben wurden. Die folgende Reise durch Frankreich und Italien brachte ihn nicht nur zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten — ihnen gelten einige Sonette -, sie führte auch zu neuen wissenschaftlichen und literarischen Kontakten und zur Erweiterung seiner Kenntnis des europäischen Theaters: Pierre Corneille in Paris, die Oper und die Commedia dell'arte in Venedig.
      Ãœber Straßburg - hier vollendete er sein erstes Trauerspiel l.eo Annemus -kehrte er 1647 nach Schlesien zurück, erhielt ehrenvolle Berufungen an mehrere Universitäten, lehnte jedoch ab und trat statt dessen 1650 das Amt eines Syndikus in Glogau an. Damit war er Rechtsberater der Landstände in einer Zeit, in der die Habsburger die Gegenreformation in Schlesien weiter voranzutreiben suchten. Im Zusammenhang mit der Abwehr dieser Bestrebungen steht die von G. herausgegebene Dokumentensammlung Glogauisches Fürsten-thumbs Landes Privilegia .
      Das stetige Wachsen seines literarischen Werkes zeigen die Sammelausgaben von 1650 , 1657 und 1663 . Vieles war freilich schon früher, vor seinem Amtsantritt in Glogau, entstanden. Das gilt nicht zuletzt für das dramatische Werk, mit dem G. das deutschsprachige Kunstdrama begründet. In seinem ersten Trauerspiel Leo Armenius spricht er von der Absicht, »die Vergänglichkeit menschlicher Sachen in gegenwertigem / und etlich folgenden Trauerspielen vorzustellen«. Diesem Programm sind die folgenden Stücke verpflichtet - Catharina von Georgien , Cardenio und Celinde , Carolus Stuardus , Papinianus -, wenn auch die aktuelle politische Bedeutung gerade der Märtyrerstücke nicht zu übersehen ist: Catharina von Georgien stirbt für »Gott und Ehr und Land«, Papinianus widersetzt sich standhaft dem kaiserlichen Ansinnen, Unrecht zu rechtfertigen, und das aktuelle »Trauer-Spil« um Karl 1. vertritt ganz im lutherischen Sinn das göttliche Recht der Könige.
      Daß es an der herrschenden Ordnung nichts zu rütteln gibt, lehren auch die Lustspiele Horribilicribrifax und Peter Squentz : Wer den ihm angemessenen Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie verkennt, wirkt komisch. Die Lustspiele, das opernhafte Festspiel Majuma und ein aktweise wechselndes Mischspiel , sind allerdings eher seltene Ausflüge des tiefsinnigen Melancholikers ins Heitere. Schwerwiegender - auch für eine Interpretation der Lyrik und der Trauerspiele - scheinen die großenteils postumen Veröffentlichungen von Werken geistlichen Inhalts: Ãœbersetzungen von Erbauungsbüchern des Engländers Richard Baker , Bearbeitungen von Kirchenliedern Josua Stegmanns und die eigenen Disser-tationes Funebres, Oder Leich-Abdank-kungen . Es sind Werke, die zu seinem Vorhaben zurückführen, »die Vergänglichkeit menschlicher Sachen« vorzustellen, um so den Blick für das, »was ewig« ist, zu schärfen.
     

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