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Grimmeishausen, Hans Jacob Christoph von



Geb. 1621 in Gelnhausen; gest. 17.8.1676 in Renchen/Baden
In der Vorrede zum Satyrischen Pilgram , G.s erster Veröffentlichung, fragt Momus, der personifizierte literarische Neid, was denn »von einem solchen Kerl wie der Author ist / zu hoffen« sei. Man wisse ja wohl, »daß Er selbst nichts studirt, gelernet noch erfahren: sondern so bald er kaum das ABC begriffen hatt / in Krieg kommen / im zehenjährigen Alter ein rotziger Musquedirer worden / auch allwo in demselben liderlichen Leben ohne gute disciplin und Unterweisungen wie ein anderer grober Schlingel / unwissender Esel / Ignorant und Idioth, Bernheute-risch uffgewachsen« sei. Gewiß, der Autor widerspricht sich selber mit dieser überlegten Verwendung des alten Be-scheidenheitstopos, der ja gerade auf seine Bildung, seine Kenntnis literarischer Techniken und Ãoberlieferungen verweist. Andererseits steckt in diesem Stück satirischer Selbstkritik ein Problem, das G. wohl zu schaffen gemacht hat: Seine Biographie trennen Welten vom typischen Lebenslauf eines humanistischen Gelehrtendichters, der auf

Grund seiner akademischen Ausbildung einen privilegierten Platz in der Gesellschaft beanspruchen konnte. Allerdings ist es schwierig, die ersten zwanzig Lebensjahre G.s zu rekonstruieren, da es an dokumentarischem Material fehlt. Man muß sich daher, methodisch durchaus fragwürdig, mit Rückschlüssen aus der Biographie von G.s Romanhelden Simplicius Simplicissimus behelfen, die autobiographische Züge aufzuweisen scheint.
      G. wurde im hessischen Gelnhausen, einer lutherischen Reichsstadt, geboren und wuchs bei seinem Großvater auf, dem Bäcker Melchior Christoph, der sich nicht mehr »von Grimmeishausen« nannte. Zunächst besuchte G. wohl sechs oder sieben Jahre lang die Lateinschule in Gelnhausen, doch im September 1634 wurde die Stadt von kaiserlichen Truppen geplündert und zerstört, und die Bevölkerung floh in die von Schweden und Hessen besetzte Festung Hanau. Das war für G. das Ende seiner formalen Ausbildung. Von da an bestimmte der Krieg sein Leben. Kr scheint nach einigem Hin und Her im kaiserlichen Heer gedient zu haben, war von 1637 bis 1638 in Westfalen stationiert und gelangte schließlich an den Oberrhein. Er wurde Regimentsschreiber des schauenburgischen Regiments in Offenburg - Schriftstücke von seiner Hand sind ab 1644 überliefert -, kurz vor Kriegsende nahm er noch einmal, als Regimentssekretär, an einem Feldzug in Bayern teil. Nach seiner Rückkehr heiratete der inzwischen zum Katholizismus übergetretene G. am 30. 8. 1649 Catharina Henninger, die Tochter eines angesehenen Zaberner Bürgers und späteren Ratsherrn. Im selben Jahr trat er in den Dienst seines früheren Offenburger Kommandanten und seiner Familie und bekleidete bis 1660 die Stelle eines »Schaffners« in Gaisbach bei Oberkirch , d.h. er war Vermögensverwalter, Wirtschafts- und Rechnungsführer der Freiherrn von Schauenburg. Anschließend, von 1662 bis 1665, versah er eine ähnliche Verwalterstelle auf der nahegelegenen Ul-lenburg. In den beiden nächsten Jahren betrieb er dann eine Wirtschaft in Gais-bach , bis es ihm 1667 mit der erfolgreichen Bewerbung um die Schultheißenstelle im benachbarten Renchen endgültig gelang, die Existenz seiner vielköpfigen Familie - zehn Kinder wurden zwischen 1650 und 1669 geboren - zu sichern.
      Die erhaltenen Dokumente geben keine Antwort auf die Frage, wie sich Vita und Werk vereinbaren lassen; wie, wo und wann G. Gelegenheit und Zeit fand, sich die umfangreichen Kenntnisse anzueignen, von denen seine Schriften zeugen; wie der Abstand zwischen einem tätigen bürgerlichen Leben in eher untergeordneten Verwaltungspositionen und dem großen Epiker und souveränen Satiriker zu überbrücken wäre.
      Mit Ausnahme zweier bereits 1666 erschienenen Schriften wurde die gesamte literarische Produktion G.s während seiner Renchener Zeil veröffentlicht. Thema der satirisch-realistischen Romane und Erzählungen ist immer wieder der Krieg. Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch und die sich anschließende Continuatio ... Oder Der Schluß desselben , fiktive Autobiographie in der Tradition des spanischen Pikaroromans, weiten die »Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten« aus zur grellen Schilderung einer heillosen Welt, der Welt des Dreißigjährigen Krieges, deren Verderbnis vor dem Hintergrund der christlichen Lehre und verschiedener innerweltlicher Utopien nur um so deutlicher wird. In engem thematischen und teilweise auch personellen Zusammenhang mit dem Simplicissimus stehen vier weitere Romane und Erzählungen, die der Autor selbst als Teile seines großen Romans bezeichnet: Courasche
, Der seltzame Springinsfeld , Das wunderbarliche Vogel-Nest . Den Gegenpol zu diesem satirischen »Romanzyklus« bilden die erbaulichen Romane Dietwalt und Amelinde und Proximus und Lympida , mit denen G. an seinen frühen Josephsroman anknüpft und Erzählweisen und Motive des höfischen Romans mit Legendenhaft-Erbaulichem verbindet. Das erzählerische Werk wird ergänzt durch Kalenderschriften und eine Reihe von satirischen Traktaten, die zum einen auf ältere Motive zurückgreifen , zum andern auch zu aktuellen Fragen der Absolutismus- und Staatsräsondiskussion Stellung nehmen . Nur »ein geringer Dorf-schultes«, wie Quirin Moscherosch, Pfarrer in einem Nachbarort, 1674 schreibt, »aber ein Dauß Eß, u. homo Satyricus in folio«: ein leutelskerl und Satiriker von großem Format.
     

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