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Grass, Günter



Geb. 16.10.1927inDanzig
»Als ich zweiunddreißig Jahre alt war, wurde ich berühmt. Seitdem beherbergen wir den Ruhm als Untermieter. Er steht überall rum, ist lästig und nur mit Mühe zu umgehen ... Ein manchmal aufgeblasener, dann abgeschlaffter Flegel. Besucher, die glauben, mich zu meinen, blicken sich nach ihm um. - Nur weil er so faul und meinen Schreibtisch belagernd unnütz ist, habe ich ihn in die Politik mitgenommen und als Begrüßgustav beschäftigt: das kann er. Ãœberall wird er ernst genommen, auch von meinen Gegnern und Feinden. Dick ist er geworden. Schon beginnt er, sich selbst zu zitieren ... Er läßt sich gerne fotografieren, fälscht meisterlich meine Unterschrift und liest, was ich kaum anlese: Rezensionen.« Es war das Erscheinen der Blechtrommel 1959, das das Leben ihres Autors so drastisch veränderte, wie er 13 Jahre später beschreibt. Ãœber Nacht wurde G. aufgrund eines einzigen Buches zu einer nationalen, bald auch zu einer internationalen Berühmtheit. Der Welterfolg der Schlöndorffschen Verfilmung von 1979 zementierte diese zentrale Bedeutung der Blechtrommel für die weltweite Reputation von G. noch. G. hat diese Fixierung auf seinen

Erstling sowenig gefallen wie Johann Wolfgang Goethe oder Thomas Mann -eine gewisse Berechtigung hatte sie schon, steckte der Autor in der Blechtrommel doch den epischen Raum für seine Hauptwerke bis hin zur Rättin von 1986 ab - Danzig und die Kaschubei -, erprobte er das Erzählmittel, das bis zum einstweilen letzten Roman dominiert: Ein erzählendes, reflektierendes Ich versichert sich schreibend seiner Vergangenheit - im Butt bis zur Steinzeit —, seiner Gegenwart und, vor allem in der Rättin, seiner Zukunft.
      Auch das bevorzugte Milieu ist in der Blechtrommel schon voll präsent, die »kleinbürgerlichen Verhältnisse«, in denen G. »selbst ... aufgewachsen« ist: 1927 wurde er als Sohn eines Kolonialwarenhändlers in Danzig-Langfuhr geboren, besuchte das Gymnasium, bis die Einberufung als Luftwaffenhelfer und später als Panzerschütze den Schulbesuch beendete. Nach dem Krieg studierte er nach kurzer Tätigkeit im Kalibergbau und einem Steinmetzpraktikum in Düsseldorf und Berlin Graphik und Bildhauerei, daneben erschienen erste Gedichte und Kurzprosa. Auch später, als er längst Schriftsteller im Hauptberuf war, kehrte er in Vorbereitungsphasen epischer Großwerke wie Butt und Rättin immer wieder zu Graphik und Bildhauerei als seinem erlernten Beruf zurück. In Berlin heiratete G. 1954 die Schweizer Ballettstudentin Anna Schwarz und zog mit ihr 1956 zum Abschluß ihrer Ausbildung nach Paris, wo er die Hauptarbeit am Blechtrom-me/-Manuskript leistete. 1958 diente eine erste Polenreise, der viele weitere folgten, letzten Recherchen. 1960 kehrte das Ehepaar mit den 1957 geborenen Zwillingen nach Berlin zurück, wo 1961 und 1965 zwei weitere Kinder geboren wurden. Seine Erfahrungen in Kindheit und Jugend bilden aber nicht nur den Erlebnishintergrund der Blechtrommel und ihrer Erweiterung bis 1963 zur Danziger Trilogie, sie sind auch das zentrale Motiv seines politischen Engagements in den 1960er Jahren: Als Jugendlicher hatte er seine eigene Verführ-barkeit erlebt, hatte er den totalen Krieg begrüßt und an die Gerechtigkeit der deutschen Sache geglaubt - geblieben war ihm ein untilgbares Schuldgefühl und die Angst vor allen Ideologien. Die Angriffe auf den Emigranten Brandt, den Kanzlerkandidaten der SPD und Regierenden Bürgermeister von G.' neuer Heimat im Jahr des Mauerbaus führten zum ersten politischen Engagement im Jahre 1961, dem in den folgenden Wahlkämpfen von 1965, 1969 und 1972 ein für einen deutschen Schriftsteller beispielloser Einsatz folgte: In eigener Regie und auf eigene Kosten führte er 1965 über fünfzig, später jeweils weit über einhundert Wahlveranstaltungen für die SPD in der Bundesrepublik durch - gegen die »Restauration«, für mehr Demokratie, soziale Gerechtigkeit, für eine Aussöhnung mit Polen und Israel. Die antiideologische Konstante blieb, die Angriffsrichtung verschob sich: G., der praktische Erfahrungen nur mit rechten Ideologien hatte, sah sich ab 1967 einer militanten Neuen Linken gegenüber, was vor allem den Wahlkampf von 1969 prägte. Hatte G. sein schriftstellerisches Werk und sein politisches Handeln bis jetzt säuberlich getrennt - verbunden waren sie durch den eingangs genannten »Ruhm«, der auch »Gegner und Feinde« ihn ernst nehmen läßt - so vermischt sich in dieser Phase beides: Von Die Plebejer proben den Aufstand über örtlich betäubt bis zu Aus dem Tagebuch einer Schnecke sind die dichterischen Werke stark von den gleichzeitigen politischen Auseinandersetzungen geprägt.
      Nach 1972 zog sich G. aus der Öffentlichkeit zurück - wortwörtlich an einen Zweitwohnsitz in Wewelsfleth in Holstein. Private Gründe - das Scheitern der ersten Ehe, eine neue Beziehung, die
Geburt eines Kindes - und die intensive Arbeit am Butt wirkten zusammen.
      1978 wurde die erste Ehe geschieden,
1979 heiratete G. die Organistin Ute Grunert, die er im Butt , in Kopfgeburten und Die Rättin porträtiert. Das optimistische Eintreten für Demokratie und soziale Gerechtigkeit in den 1960er und frühen 70er Jahren wich zu Beginn des achten Jahrzehnts einer tiefen Skepsis: Bereits Der Butt gestaltete das Ende aller positiven Zukunftsperspektiven, das bloße »Fortwursteln« im völlig unzulänglichen »Krisenmanagement« angesichts von Kriegen, wachsendem Elend in der Dritten Welt und globaler Umweltzerstörung. Drei Werke der 1980er Jahre sind diesen Themen gewidmet: In Die Rättin gestaltet Grass in Anlehnung an biblische und apokryphe Apokalypsen das Ende des Äons des Menschen, der an seiner Aggressivität gegenüber seinesgleichen und der gesamten Schöpfung scheitert, und den Anbruch des Äons der Ratten, die zur Solidarität fähig sind. Zunge zeigen berichtet vom Indien-Aufenthalt 1986/87 in einem Essay und einem Motive des Essays verknappenden Langgedicht; Elendsszenen, angesichts deren es Grass die Sprache verschlägt, werden in Zeichnungen festgehalten. Totes Holz bietet in Reproduktionen großformatiger Kohlezeichnungen Bilder vom Kriegsschauplatz Wald, vor denen der Schreiber G. nahezu verstummt.
      In Zunge zeigen ist die Grundidee des Romans Ein weites Feld bereits angelegt: Schon auf dem Flug nach Indien liest G. ein Vorabexemplar von Joachim Schädlichs Roman Tallhover , der Biographie eines Polizeispitzels von der Metternich-Zeit bis zur frühen DDR. Mit dessen Tod ist G. nicht einverstanden und will das dem Autor schreiben - die Tallhovers sind unsterblich. Ute G. hat >Fontane< mit auf die Reise genommen - aus der Metonymie wird eine Gestalt, der »Un-sterbliche« , der sie nach Indien begleitet hat. Seit 1986 wartet das symbiotisch verbundene Paar auf seine epische Wiederbelebung, die dann 1989/90 mit Mauerfall und Wiedervereinung erfolgt. Tallhover mutiert zum Stasi-Offizier Hof-taller, und Fontane lebt in der Gestalt des Fontane-Kenners Theo Wuttke als IM wieder auf. Beider Gedächtnis reicht bis zum Vormärz zurück, und mit diesen eineinhalb Jahrhunderten Geschichtsperspektive erleben beide die DDR und ihr Ende und machen so das Werk zum intertextuell komplex komponierten historischen Roman über den Arbeiter- und Bauernstaat und seinen jähen Fall aus der Sicht der Verlierer. Einer seit Katz und Maus erprobten Schreibpraxis folgend, schiebt G. jedoch zwischen die Großwerke Rättin und Ein weites Feld eine kürzere Erzählung Unkenrufe : Ein mit G.-Biographica ausgestatteter Erzähler rekonstruiert aufgrund von Archivalien die Geschichte eines polnisch-deutschen >Versöh-nungstriedhofs< in Gdansk, wobei gerade der glänzende Erfolg des Unternehmens den gut gemeinten Ansatz kommerzialisiert und korrumpiert und damit letztlich scheitern läßt. Zugleich dient G. das archivalische Erzählen als Etüde für Ein weites Feld, das von einem Kollektiv - »Wir vom Archiv«, i.e. das nie genannte »Fontane-Archiv« - erzählt wird.
      Die katastrophale Aufnahme von Ein weites Feld in den Medien verletzte den Autor tief und nachhaltig; er flüchtete sich in seinen erlernten Beruf und wandte sich dem Aquarellieren zu. Daraus erwuchs ein den Jahreszeiten folgender Zyklus von Aquarellen aus der nächsten Umgebung in Behlendorf, Dänemark und Portugal, wobei den Blättern jeweils mit dem Pinsel notierte haikuähnliche Kurzverse eingeschrieben sind . Zugleich erweist sich der Bildband als Keimzelle für ein neues Großprojekt,aus dem Tagebuch wird ein Jahresbuch, ein >CentannoneKrebs< wie aus einer Fuge: »Das hört nicht auf. Nie hört das auf.«
1999 krönte nach vielen hohen nationalen wie internationalen Auszeichnungen der Nobelpreis für Literatur G.s Lebenswerk, »weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat«.
     

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Grass,  Günter    





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