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Grabbe, Christian Dietrich



Geb. 11.12.1801 in Detmold; gest. 12.9.1836 in Detmold
»Wie Plato den Diogenes sehr treffend einen wahnsinnigen Sokrates nannte, so könnte man unsern Grabbe leider mit doppeltem Recht einen betrunkenen Shakespeare nennen.« Heinrich Heines Vergleich charakterisiert treffend die innere Zerrissenheit der Dichterbiographie. Das Leben des Dramatikers G. glich einer »lebendigen Anomalie«, einer »Natur in Trümmern: von Granit und Porphyr«, wie Karl Immermann, der Freund in den letzten Lebensjahren, das paradoxe Erscheinungsbild des Detmolder »Olympiers« in seinem Nachruf zeichnet. G. begriff sich selbst als eine

Zwischenexistenz, Abbild der politischen Zerrissenheit seiner Zeit. Der ständige Rückschritt der Metternich-schen Restauration stellt G. in seinen Dramen immer wieder vor die Frage, ob die Geschichte überhaupt Sinn und Entwicklung kennt oder nicht. Die Erfahrung des Scheiterns hochfliegender Pläne an der eigenen provinziellen Beschränkung wird zur biographischen Signatur. Das Zerbrechen eines einheitlichen Stilwillens mit dem Ende der Kunstperiode und die Zweifel am Idealismus als einem tragenden poetischen Prinzip bilden den Ausgangspunkt seiner Geschichtsdramen . In seinen Protagonisten finden sich autobiographische Züge, etwa die Stilisierung des handelnden Individuums als einsame, tragisch-heroische Figur. Aber das Charisma des Weltenlenkers tällt G.s Faszination am Schrecken, am gewaltsamen Untergang zum Opfer. Die Verzweiflung über eine lehlgeschlagene Sinngebung der Geschichte und das Erkennen der Realität als eine ad absurdum geführte Theo-dizee erklären den zynisch-sarkastischen Grundton seiner Werke. Ludwig Tieck wies in einem Brief von 1822 auf die bereits im Gothland, G.s erstem dramatischen Versuch, vorhandene Ambivalenz hin, die in späteren Stücken noch augenscheinlicher werden sollte: »Ihr Werk hat mich angezogen, sehr interessiert, abgestoßen, erschreckt und meine große Theilnahme für den Autor gewonnen.« Die zwiespältige Welterfahrung bleibt das lebenslange Trauma des »Schnapslumpen Grabbe«, wie ihn die kleinbürgerlichen Spießer in der Enge der kleinen Residenzstadt Detmold hinter vorgehaltener Hand nannten. »Eben dadurch, daß Ihr Werk so gräßlich ist, zerstört es allen Glauben an sich«, heißt es noch in dem Brief Tiecks, dessen Urteil G. sehr am Herzen lag. Das Lustspiel Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung ist wesentlich auf G.s Rezeption der romantischen Literatursatire, vor allem der Stücke Tiecks zurückzuführen. In diese Zeit fällt auch die intensive Beschäftigung mit William Shakespeare, die den unter Zeitgenossen heftig umstrittenen Aufsatz über die Shakespeaw-Manie zur Folge hatte. Darin erklärt G. die Grundzüge seines ästhetischen Programms; er polemisiert gegen eine epigonale Aneignung und Vergötterung des englischen Dramatikers und hält das Prinzip eines nationalen Dramas, wie er es bei Friedrich Schiller entdeckt zu haben glaubte, dagegen. G. trifft mit seiner Polemik die Epigonen und Trivialliteraten seiner Zeit, die als nachromantische Schwärmer und poetische Belletristen in seinen Augen den beispielhaften Rang von Shakespeare abwerteten. Aber auch der ästhetische Anspruch des >Jungen Deutschland< , radikal von der Literatur weg zum Leben hinzuführen, wird durch G.s zynisch-melancholische Diktion entlarvt. Damit aber ist auch die biographische Diskrepanz formuliert, die G. in seiner Provinzialität von den Höhentraumata der >wahren Olympiers der Klassiker in Weimar, trennte. Als einziger Repräsentant dieses großbürgerlichen »discours extraordinaire« verblieb Ludwig Tieck als romantischironischer Sachwalter der Shakespeare-schen Komödientradition. Im Vormärz jedoch schrieb man andere Verse auf die dramatischen Fahnen: die politische Emanzipation sollte nicht nur Forderung, also >ästhetische< Utopie bleiben, sondern wollte bewirkt, erfahren und realisiert werden. »Wahre Kunst, wahres Leben; Modernismus, Kunst und Kommerz, Literatur und Revolution für ein besseres Leben«. G. war ästhetisch und biographisch Vorbild und Warnung zugleich. Sein Ahnenkult jedoch verbot ihm die »Grabschändung« seines Ahnherrn Shakespeare.
      G.s Versuche, während der Jahre des
Jurastudiums in Leipzig und Berlin nicht nur Anschluß an die literarisch bedeutsamen Kreise seiner Zeit zu gewinnen, sondern möglichst auch eine seinen künstlerischen Ambitionen entsprechende Wirkungsmöglichkeit am Theater zu finden, haben trotz seiner schauspielerischen Qualitäten keinen Erfolg. Der Druck des ersten Bandes seiner dramatischen Werke fällt zeitlich mit der Anstellung als Hilfsauditeur in Detmold zusammen. Fortan bleibt G. in seiner Geburtsstadt, deren Mauern er nur zu zwei kurzen Aufenthalten in Frankfurt bei seinem Verleger Kettembeil und Düsseldorf bei Immermann verlassen hat. Der Widerstand gegen eine ihn vereinnahmende kleinbürgerlich-ärmliche Existenz als Militärgerichtsbeamter fällt in eine literarisch sehr produktive Phase. 1829 erscheint das einzige, zu seinen Lebzeiten aufgeführte Drama Don Juan und Faust, zu dem Albert Lortzing eine Bühnenmusik komponierte. G.s Bemühen, trotz seiner chronischen Trunksucht ein bürgerlichen Maßstäben angemessenes Leben zu führen, scheitert ebenso, wie die 1833 geschlossene Ehe mit der um zehn Jahre älteren Louise Clostermeier, die noch kurz vor seinem Tod den Antrag auf Scheidung einreichte. Der »unglückliche und geniale Dichter G.«, wie ihn seine wenigen Freunde nannten, ist in die Schar der sogenannten »Gescheiterten« einzureihen, sein Name wird im gleichen Atemzug mit Georg Büchner, Heinrich von Kleist, lakob Michael Reinhold Lenz, Frank Wedekind, Georg Heym genannt: Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen; überall nahm er etwas auf, viele beeinflußte er wesentlich in ihrem Schaffen . Seine Dramen und Theaterkritiken bilden immer noch eine beständige Irritation in der heutigen Diskussion um Dramen- und Theatertheorie, seine Person bildet den Hintergrund von Romanen . Das »absurde Theater« der Nachkriegszeit sah in G. einen seiner Stammväter, und auch das epische Theater im Sinne Bertolt Brechts hat in G. einen Vorläufer unter anderen. Selbst die Nationalsozialisten glaubten, G.s Werk als völkisch-germanisches Heldenepos verstehen zu können. Dies jedoch dürfte zu den tragischen Irrtümern der Wirkungsgeschichte zu rechnen sein und unterstreicht nur mehr den widersprüchlichen Fragmentcharakter seines Werkes.
     

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Grabbe,  Christian  Dietrich    





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