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George, Stefan



Geb. 12.7.1868 in Rüdesheim;gest. 4.12.1933 in Minusio bei Locamo
Zu Lebzeiten war G. wie weiland Richard Wagner eine umstrittene Größe: den Verehrern standen die Gegner unversöhnlich gegenüber, Neutralität schien es nicht zu geben. Den Jüngern galt er als eine der genialsten Figuren abendländischer Kultur, als eine »antike Natur«. »Nur George hat heute den lebendigen Willen und die menschliche Wesenheit, die zuletzt in Goethe und Napoleon noch einmal Fleisch geworden, die in Hölderlin und Nietzsche zuletzt als körperlose Flamme gen Himmel schlug und verglühte« - so feiert 1920 der anerkannte Literarhistoriker Friedrich Gundolf den Dichter. Diametral entgegengesetzt ist das Urteil Franz Werfeis, das die christlich-religiösen Einwände versammelt. In seinem monumentalen Roman Stern der Ungeborenen , der eine Bilanz abendländischer Kulturleistungen zieht, steht G.s Name »für alle von Herrschsucht berstenden Kalligraphen, die anstatt in Sack und Asche, mit stark geschweiften Röcken, gebauschten Krawatten und falschen Danteköpfen einherwandeln und ihre Schultern und Hüften drehn, wobei sie einen kranken Lustknaben öffentlich zum Heiland machen und die blecherne Geistesarmut in kostbaren Gefäßen umherreichen, während die von ihnen Verführten dem rohesten und blutigsten aller Teufel schließlich ins Garn gehn«. Auch moderne Würdigungen stehen nicht jenseits der Parteien Haß und Hader. Und das, obwohl es seit den 1930er Jahren um G. gänzlich still wurde, sein Werk auch nach 1945 ohne Resonanz blieb.

      Stefan Anton G. war der Sohn eines Weingutsbesitzers und Gastwirts. Aber sein Sinn strebte nach Höherem: Nach dem Besuch des Darmstädter Gymnasiums und dem kurzzeitigen Studium der Romanistik, Anglistik, Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Berlin erkannte er seine höhere Bestimmung und verzichtete, da das elterliche Vermögen ihm dies erlaubte, bewußt auf die Ausübung eines Brotberufs. Sein ganzes Leben war ausschließlich der Dichtung und dem »Umdichten« fremdsprachiger Lyrik geweiht, wozu seine Sprachbegabung ihn prädestinierte. Er soll außer Griechisch und Latein, Französisch und Englisch, Italienisch, Spanisch, Holländisch, Dänisch, Norwegisch und Polnisch beherrscht haben. Aus den meisten dieser Sprachen liegen Ãobersetzungen vor, deren künstlerische Geschlossenheit ihresgleichen sucht. Außer im Elternhaus wohnte G., der ein unstetes Reiseleben führte, bei Freunden, die er aus Altersgenossen, später aus der jüngeren Generation systematisch um sich scharte. Bevorzugte Wohnorte waren München, Bingen, Berlin, Heidelberg, Basel, Würzburg und Marburg.
      In G.s Gestalt kulminiert der Wille einer ästhetischen Lebensgestaltung, die konsequent zur Verabsolutierung des Künstlerideals führt. Auf der Suche nach geeigneten Dichterkollegen begegnete G. dem jungen Hugo von Hofmannsthal, der sich freilich nach einer stürmischen Freundschaft vom besitzergreifenden Kollegen distanzierte. Das Scheitern der Verbindung ist einigermaßen symptomatisch; G. konnte nur zweitrangige Genies um sich versammeln; die größeren brauchten zur Entfaltung ihrer Eigenart keinen Schulmeister. Hochgestylter Dichteranspruch und pädagogisches Streben sind bei G. zeitweise so eng miteinander verknüpft, daß seine eigene Dichtung geradezu Lehrbuchcharakter annimmt - freilich nicht den eines Schulbuchs für jeder-mann, sondern einer Bibel für Eingeweihte. Denn exklusiv wollte G. sein, bis zur totalen Abschirmung gegen die kulturlose Außenwelt, was bereits die konsequente Kleinschreibung und die neugeschaffene Schrifttype indizieren. Hatte G. anfangs nur die Erneuerung der Literatur auf seine Fahnen geschrieben, so weitete er später diesen Anspruch auf die Kultur, die Gesellschaft, den Staat und sogar die Religion aus. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte das etwas wässrig-klassizistische Ideal des Münchner Kreises um Emanuel Geibel und Paul Heyse dominiert; von ihnen und vom vulgären Naturalismus distanzierte sich G. mit Verve. Sätze wie: »In der dichtung ist jeder der noch von der sucht ergriffen ist etwas >sagen< etwas wirken zu wollen nicht einmal wert in den vorhof der kunst einzutreten« und: »Den wert der dichtung entscheidet nicht der sinn sondern die form«, bilden den Kern seiner aus dem französischen Symbolismus übernommenen Kunstdoktrin des »l'art pour l'art« . Bezeichnend für seinen Kunstwillen ist die Partialität, mit der er sich ihre Themen und Stoffe aneignete: alles Häßliche wurde rigoros ausgeschieden; Aufnahme fand nur das Sittlich-Schöne, das geistig-seelische Erhebung gewährte.
      Geistiges Haupterlebnis des jungen G. war neben der Beziehung zu den Symbolisten der Einfluß Friedrich Nietzsches. Persönliche Begegnungen spielten im Grunde eine untergeordnete Rolle; mit Frauen hatte er, nach einer mißglückten Beziehung zu Ida Coblenz, die bald darauf aparterweise seinen poetischen Intimfeind Richard Dehmel heiratete, nichts mehr im Sinn; geistigen Kontakt mit ebenbürtigen Männern vermochte er wegen seiner wachsenden Herrschsucht nicht pflegen. Die Briefwechsel und die Zeugnisse seines Krei-ses zeigen auf erschreckende Weise, daß nicht nur die Jüngeren, sondern auch die Gleichaltrigen sich dem Anspruch des Dichters nahezu willenlos unterordneten. Für sie alle galt er als der unfehlbare »Meister«. Gespräche gab es im Grunde nie, die Jünger führten nur seine Anordnungen aus. Wer sich seinem Willen nicht beugte, wurde aus Kreis und Freundschaft verbannt. Dieses Schicksal traf denn auch mit vorhersehbarer Konsequenz die etwas selbständigeren Geister, die Literaturwissenschaftler Friedrich Gundolf und Max Kommerell - beide ursprünglich besonders treue Anhänger. Unzweifelhaft prägte G.s Dichtertum ein homoerotisches Moment. Exemplarisch und geradezu tragisch-skurril kommt dieses Erleben in seiner Begegnung mit dem Knaben Maximilian Kronberger zum Ausdruck, in dem er zunächst ein säkulares poetisches Genie zu entdecken glaubte und ihn als moderne Antinous-Figur verherrlichte, ihn jedoch, nach seinem frühen Tod, nachgerade zur reli giösen Kultfigur stilisierte. Die blinde Anhängerschar machte diese Farce er-gebenst mit: Kronberger erhielt in einer Art Neuauflage der antiken Apotheose den Götternamen »Maximin« und die poetische Unsterblichkeit in G.s Gedichtbuch Der siebente Ring . G. selbst verstand sich vorderhand als Prophet des toten Gottes Maximin; spätere Altersweisheit ließ ihn von dieser Abstrusität jedoch Abstand nehmen.
      Wie stark der Wille sein dichterisches Schaffen prägte, zeigen die frühen, noch weitgehend epigonalen Werke . G. ist ausschließlich Lyriker, weil er nur im lyrischen Ausdruck seine esoterische Sprachkunst verwirklichen konnte. Am Beginn selbständiger Produktion stehen die drei Bücher Hymnen , Pilgerfahrten und Algabal ; die Welt des heidnischen Kaisers Heliogabal dokumentiert den Absolutheitsanspruch des Dichter-Schöpfers. Die nächste Sammlung Die Bücher der Hirten- und Preisgedichte, der Sagen und Sänge und der Hängenden Gärten führen die bukolischhymnische Thematik weiter; als Gipfel dieser erlesenen Filigrankunst muß das 1897 erschienene Werk Das ]ahr der Seele gelten, das G.s reinste Naturgedichte enthält, obgleich seinen Parklandschaften immer etwas Gewaltsames anhaftet: Einzelwahrnehmungen erscheinen ins künstlerische Gebilde gehämmert und mit symbolischem Sinn aufgeladen. Zunehmend macht sich in G.s lyrischem Werk eine konstruktive Tendenz bemerkbar. Wirken bereits die einzelnen Gedichte wie sorgfältig abgewogene Klang- und Reimkörper, so sind die Gedichtsammlungen selbst von streng symmetrischer Architektur. Das Ruch Der Teppich des Lehens und die Lieder von Traum und Tod mit einem Vorspiel besteht aus zwei mal 24 in Zweiergruppen angeordneten Gedichten, jedes Gedicht hat 4 Strophen mit vier Versen. Hier kündigt sich die definitive Wendung des Nur-Ã"sthetikers zum Lehrmeister an, der Dichtung nur noch als Mittel zum Zweck erkennt. Zunehmend treten politische und historische Themen in den Vordergrund; Zeitkritik im Gefolge Nietzsches nimmt im monumentalen Gedichtbuch Der siebente Ring einen beträchtlichen Rang und Platz ein. G. spielte sich nun als dantesker Richter der Gegenwart auf: was nicht in sein konservativ-hieratisches Weltbild paßte, wurde schlankweg verworfen und mit maßlosen Schmähungen bedacht. Der Stern des Bundes galt als Gesetzbuch der Bewegung: in den 100 Sprüchen, die sich auf drei Bücher zu je 30 Gedichten, einem Eingang mit 9 Gedichten und einem Schlußchor verteilen, wird Reinheit zum obersten Gebot und zwar in recht äußerlichem Sinn - Frauen, Demokraten und Fremdrassige hatten im Geheimklub nichts zu su-chen. Alltagsprobleme waren den erlauchten Mitgliedern zu gewöhnlich; man beschäftigte sich lieber mit epochalen Genies. Ein Sproß dieser biographisch-elitären Geisteshaltung ist die Geschichtsschreibung des George-Kreises, der sich immerhin einige hagiogra-phische Meisterwerke verdanken, etwa Friedrich IL von Ernst Kantorowicz, Napoleon von Berthold Vallentin, Goethe von Friedrich Gundolf, Wagner und Nietzsche und Piaton von Kurt Hildebrandt, Nietzsche. Versuch einer Mythologie von Ernst Bertram - allesamt Monumentalwerke, die historische Entwicklungen getreu der Devise »große Männer machen Geschichte« in heroisch frisierter Weise darstellen. Maßgebliches Organ von G.s »Kunstlehre« waren die 1892 gegründeten Blätter für die Kunst, die bis 1919 in 12 Folgen erschienen, und das zwischen 1910 und 1912 publizierte Jahrbuch für die geistige Bewegung. Ãober sie gewann G. zeitweilig großen Einfluß auf die deutsche Geisteswissenschaft, zumal zahlreiche Georgeaner den Berui des Hochschullehrers ergriffen.
      Das letzte Gedichtbuch, das ältere und neuere Stücke zusammenfaßt, heißt nicht zufällig Das neue Reich . Merkwürdigerweise erscheint G.s Anspruch hier zurückgeschraubt: so finden sich neben hellsichtiger Zeitdiagnose wieder rein lyrische Gebilde von geradezu schlichter Zartheit, die wie eine Rücknahme der früheren Position anmuten. Unverkennbar ist Resignation ein Wesenszug der letzten Jahre des Dichters. Lehnte er früher Dichterehrungen als Ausdruck des verabscheuten Literaturbetriebs prinzipiell ab, so erteilte er Kultusminister Rust, der ihm einen »Ehrenposten« in der deutschen Dichterakademie anbot, auch aus politischen Gründen eine Absage. Seine Ausreise aus Deutschland im Jahr 1933 kann jedoch nicht als Emigration gewertet werden.
      G. hat sich als »Ahnherr jeder natio-nalen Bewegung« verstanden. Seine Haltung gegenüber dem neuen Regime schwankt zwischen Zustimmung und Distanz. Am 19. September 1933 äußerte er gegenüber Edith Landmann, es sei doch immerhin das erste Mal, daß seine Auffassungen ihm »von aussen wiederklängen«. Edith Landmanns Hinweis auf die Brutalität des nationalsozialistischen Vorgehens verharmloste er, »im Politischen gingen halt die Dinge anders«. Ã"hnlich wie bei Ernst Jünger ist seine Distanz weniger Ausdruck der politischen als der aristokratischen Gesinnung: auch wenn er am Nationalsozialismus positive Züge entdeckte, dessen Vertreter waren ihm zu vulgär. Die anfängliche Vereinnahmung seines Werkes und das Faktum, daß viele seiner Anhänger zum nationalsozialistischen Regime umschwenkten, dokumentiert immerhin die Verwandtschaft von ästhetischem Führerkult und politischem Faschismus.
      Die Nachwelt teilt sich, wie immer bei polarisierenden Geistern, in die Gruppe der glühenden Anhanget und die Gruppe der erbitterten Gegner. Die Ansicht der dritten, eher unbeteiligten Gruppe manifestiert sich in Bert Brechts nonchalantem Urteil von 1928: »Ich selber wende gegen die Dichtungen Georges nicht ein, daß sie leer erscheinen: ich habe nichts gegen Leere. Aber ihre Form ist zu selbstgefällig. Seine Ansichten scheinen mir belanglos und zufällig, lediglich originell. Er hat wohl einen Haufen von Büchern in sich hineingelesen, die nur gut eingebunden sind, und mit Leuten verkehrt, die von Renten leben. So bietet er den Anblick eines Müßiggängers, statt den vielleicht erstrebten eines Schauenden«.
     

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