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Frisch, Max



Geb. 15.5.1911 in Zürich; gest. am 4.4.1991 in Zürich
An einer Stelle der Erzählung Montauk , in der er ausschließlich biographische Fakten verarbeitet, äußert sich F. auf folgende Weise über sein Verhältnis zu Frauen: »Ich erfinde für jede Partnerin eine andere Not mit mir. Zum Beispiel, daß sie die Stärkere ist oder daß ich der Stärkere bin. Sie selbst verhalten sich danach, jedenfalls in meiner Gegenwart ... Ob es mich peinigt oder beseligt, was ich um die geliebte Frau herum erfinde, ist gleichgültig; es muß nur überzeugen. Es sind nicht die Frauen, die mich hinters Licht führen; das tue ich selber.« Dergleichen mag mancher mißbilligen: Fehlt es F. an Lebensernst, gibt er sich als Spieler auf der Klaviatur fremder Existenzen aus, auch auf der seines eigenen Inneren? Jedenfalls zeigt sich hier eine komplizierte
Persönlichkeit. Ein Mensch mit dem Bedürfnis nach Ich-Veränderung und Daseinsvariation im Leben wie auch durch die bloße Erfindung tritt uns entgegen, und wer sich schon einmal mit ihm beschäftigt hat, wird fragen, ob sich in dieser psychischen Disposition der Grund für seinen unruhigen Lebensgang, sein Verlangen nach beruflichem Wandel, seine stets neue Darstellung des menschlichen Fluchttriebs findet. Hängen Leben und Werk so eng zusammen? Machte F. einerseits aus seiner Existenz Dichtung, bilden seine poetischen Werke andererseits das Porträt seiner Biographie?
Den Roman Stiller , der seinem Autor nach und nach den Durchbruch als Erzähler brachte, läßt F. mit dem Satz »Ich bin nicht Stiller« beginnen: Ein Mensch kann sich mit seiner Vergangenheit nicht identifizieren und will daher auch äußerlich als ein anderer erscheinen. Der Roman Mein Name sei Gantenbein gibt bereits durch seinen Titel zu verstehen, daß nicht von Fakten, sondern von Vorstellungen die Rede ist: Ein Ich erzählt nicht von seinem wirklichen Leben, sondern von seinen Lebensmöglichkeiten, die allesamt unrealisiert bleiben, aber in ihrem Zusammenspiel ahnen lassen, was es mit dem redenden Ich auf sich haben könnte. Wer ist dieser Erzähler? Eine erfundene Figur oder der Autor selber? -Das ist nicht zu entscheiden, wir erfahren buchstäblich nichts von der Identität dieses Erzähler-Ichs. Drei Jahre später erschien das Theaterstück Biografie: Ein Spiel , in dem der Protagonist sogar Gelegenheit erhält, seine Vergangenheit zu verändern, sich über alle Lebensfakten hinwegzusetzen und sich in dieser Welt neu und anders zu etablieren. Schon in seinem ersten Theaterstück Santa Cruz begegnen wir der Konstellation, daß zwei Männer jeweils von dem Leben träumen, das der andere führt: »Solange ich lebe«, sagt der eine über den anderen, »begleitet ihn meine Sehnsucht ... Ich möchte ihn noch einmal kennenlernen, ihn, der mein anderes Leben führt.« Abermals gefragt: Kommt hier die oft beschworene Identitätsproblematik des modernen Menschen zum Ausdruck oder lediglich die des problematischen Individuums Max F.? - In Montauk lesen wir den Satz: »My greatest fear: Repitition«. Das klingt nun wahrhaftig wie ein persönliches Bekenntnis. Doch selbst in diesem Fall kann man nicht sicher sein, daß es sich nicht doch um pure Literatur handelt, denn wir haben die Übersetzung eines Satzes aus Stiller vor uns: »Meine Angst: die Wiederholung -!«
Es läßt sich wohl tatsächlich nicht leugnen, daß bei F. Lebensgang und intellektuelle Entwicklung, Werkgeschichte und persönliche Daseinserfahrung eng miteinander verknüpft waren. Kaum häufiger als bei anderen Autoren lassen sich biographische Fakten als Textdetails wiederfinden — wenn man von Montauk absieht. Aber klarer als bei den meisten Dichtern läßt sich zeigen, daß die Lebensgeschichte in derselben persönlichen Disposition fundiert war wie die Entwicklung des poetischen Werks. Es beruflicher Werdegang, der ihn über die Matura zum Germanistik-Studium , von dessen vorzeitiger Beendigung zum Journalismus, von dort zum Zweitstudium als Architekt , schließlich zum Angestellten und endlich zum selbständigen Architekten führte, bevor der Dichter 1954 das eigene Büro aufgab und es mit dem freien Schriftstellerleben versuchte, weist ebenso auf ein Bedürfnis nach Verwandlung hin wie der häufige Ortswechsel. In Zürich geboren und dort zunächst wohnhaft, kaufte F. später eine Wohnung in Berlin, dann auch eine in Zürich; in Berzona baute er ein Haus, nachdem er von 1960 bis 1965 in Rom gelebt hatte, wohnte jedoch nicht nur dort, sondern auch in
Zürich, später häufig in New York, wo er ebenfalls eine Wohnung erwarb. Die meisten Ortswechsel markierten innere Krisen und deren Lösungen. Seit 1942 mit Constanze von Meyenburg, einer Kollegin, verheiratet, trennte er sich von seiner Frau 1954, zur Zeit der Auflösung des Architektenbüros, und zog nach Männedorf bei Zürich. Es war zudem das Jahr, in dem Stiller erschien. 1959 lebte F. in Zürich mit Ingeborg Bachmann zusammen, dann wieder getrennt: erst die Übersiedlung nach Rom brachte eine vorübergehende Beruhigung in diese verzehrende Beziehung. Als 1964 Mein Name sei Gantenbein erschien, ließen sich die Spuren dieses Erlebnisses wohl noch erkennen, aber das Erlebnis selbst war bewältigt. F. lebte inzwischen mit Marianne Oellers, die er 1968 heiratete und für die er das Haus in Berzona baute: »letzt möchte ich ein Haus haben mit Dir«, heißt es in Montauk, jenem Werk, das am Ende dieser Beziehung steht und in dem von diesem Ende die Rede ist. Dabei konfrontiert F. seine Vergangenheit, gerade auch die wesentlichen Begegnungen, mit der Wochenendbeziehung zu einer Verlagsmitarbeiterin namens Alice Locke-Carey, die in der Erzählung Lynn genannt wird; allein, auch hieraus ergab sich, gänzlich unvermutet, eine Lebensveränderung: Nach vielen Jahren sah F. die junge Mitarbeiterin wieder und lebte fortan längere Zeit mit ihr zusammen. Manchmal, so will es scheinen, nimmt nicht nur die Biographie auf die Poesie, sondern - umgekehrt - auch das Werk auf das Leben seines Verfassers Einfluß.
      Dabei hatte F. schon 1937 einen ernsthaften Versuch unternommen, sein Leben aus dem Zusammenhang mit der Literatur zu lösen. Wiewohl er zu diesem Zeitpunkt außer einigen Kurzgeschichten mit dem Roman fürg Reinhart und der Erzählung Antwort aus der Stille bereits zwei umfänglichere Prosaarbeiten vorgelegt hatte,glaubte er nicht an sein literarisches Talent: »Mit 25 Jahren war ich fertig mit der Schriftstellerei: Ich wußte, daß es mir im letzten Grund nicht reicht, und verbrannte alles Papier, das beschriebene und das leere dazu, fertig mit falschen Hoffnungen.« Solches Mißtrauen hatte zur Folge, daß F. zunächst nichts Poetisches produzierte, sondern ein Tagebuch. Die Blätter aus dem Brotsack bilden die Aufzeichnungen eines vom Krieg verschonten eidgenössischen Soldaten. Diese Form hat nachgewirkt. 1950 erschien das Tagebuch 1946-1949, ein allerdings schon als literarisch zu klassifizierender Text, der keineswegs nur Zeit- und Lebensbeobachtungen, sondern auch Reflexionen und poetische Passagen bündelt. Und das 1972 publizierte Tagebuch 1966-1971 besitzt eine noch weitaus artistischere Form. F. montiert vier in unterschiedlichen Schrifttypen gesetzte Textarten miteinander: Nachrichten, persönliche, literarische und fiktive Aufzeichnungen. Dergleichen war das Ergebnis der längst wieder aufgenommenen, rein poetischen Produktion.
      Sieht man von dem an Jürg Reinhart anknüpfenden Roman J'adore ce qui me brule oder Die Schwierigen ab, so versuchte es F. nach der literarischen Selbstverbrennung zunächst mit dem Theater. In rascher Folge erschienen und wurden aufgeführt Nun singen sie wieder , Die Chinesische Mauer , Als der Krieg zu Ende war , Graf Oderland , Dramen, in denen F. sein Augenmerk erstmals auf gesellschaftliche Tatbestände richtete. Dies ist - wenn auch nicht allein - dem Einfluß Bertolt Brechts zuzuschreiben, mit dem F. seit dem Herbst 1947 in engem Kontakt stand. Die dramaturgischen Wirkungen dieser Begegnung machten sich jedoch erst später bemerkbar, in den nachgerade zur Pflichtlektüre für deutsche Schüler avancierten Stücken Biedermann und die Brandstifter und Andorra . Nichtshat Es Erfolg bei Lesern und Käufern von Büchern und bei jenen, die literarische Preise zu vergeben haben, so befördert wie diese beiden Stücke.
      Dabei wurde F. schon vorher von der Kritik höchst wohlwollend behandelt und mit Preisen reichlich geehrt. Außer dem Nobelpreis, für den er wohl alljährlich vorgeschlagen wurde, fehlt kaum ein wichtiger Preis oder eine große Ehrung. Unter ihnen findet man den Charles-Veillon-Preis ebenso wie den Georg-Büchner-Preis , den Schillerpreis des Landes Baden-Württemberg ebenso wie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels , zum Dr. h. c. ernannte ihn die Philipps-Universität Marburg bereits 1962, und 1982 tat die City University New York dasselbe. In den 1960er Jahren der wohl prominenteste Autor deutscher Sprache, ist F. danach stärker in den Hintergrund getreten. Sein spätes Drama Triptychon wurde - auch wegen entsprechender Bestimmungen des Autors -kaum aufgeführt. Seine gesellschaftski i-tische Stimme, die sich noch 1971 in Wilhelm Teil für die Schule und 1974 im Dienstbüchlein artikulierte und in der Schweiz auf bieder-zornige Ablehnung stieß, erhob sich kaum noch, und die beiden Erzählungen Der Mensch erscheint im Holozän und Blaubart fanden nicht jene Resonanz, auf die Arbeiten des Autors F. früher zählen konnten. Allerdings wurde Blaubart 1983 von Krzystof Zanussi verfilmt. Gegen Ende des Streitens findet sich ein Gag, den der Regisseur zwar von Hitch-cock entliehen hat, der aber gut auf F. paßt, auf den Dichter also, dessen Leben seine Kunst und dessen Kunst sein Leben prägte: Für einen Augenblick kann man F. leibhaftig im Publikum des Blaubart-Prozesses sehen. So wurde denn der Dichter schließlich zu einem Kunstelement seines eigenen Werkes. Dergleichen belegt wohl noch deutlicher als die Verleihung des Heine-Preises durch die Stadt Düsseldorf im Jahre 1989, daß F. am Ende seines Lebens zu einem Klassiker geworden ist.
     

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