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Fontane, Theodor



Geb. 30.12.1819 in Neuruppin; gest. 20.9.1898 in Berlin
Es gab ein geflügeltes Wort unter Theaterleuten, das F. immer wieder zitierte und das ihm zum Trostsatz wurde: »Um neun ist alles aus.« Um neun Uhr abends ging am 20. September 1898 das »künstlerisch abgerundete« Leben Es zu Ende. - »Man fährt bei solch autobiographischer Arbeit entweder, wie Lübke es tut, in einem offenen Wagen durch eine freie, weit sich dehnende Landschaft, oder man fährt umgekehrt durch eine Reihe langer Tunnels mit intermittierenden Ausblicken auf im Licht aufleuchtende Einzelpunktc.« So F. in einer Besprechung der Lebenserinnerungen seines Freundes, des Kunsthistorikers Wilhelm Lübke. Eine freie, weit sich dehnende Landschaft finden wir bei F. erst in den letzten zwei Jahrzehnten, nach dem Erscheinen seines ersten Romans Vor dem Sturm . Das Konzept dazu trug er überlange in sich herum, und keine Unterbrechungen durch andere Aufgaben konnten ihm die Ãoberzeugung nehmen, daß dieser Roman geschrieben werden würde, »weil ich diese Arbeit als ein eigentlichstes Stück Leben von mir ansehe.« Die Kriegsbücher hielten ihn auf, aber sie waren ihm »keine Herzenssache«. »Wird das Buch geschrieben - gut, wird es nicht geschrieben - auch gut; es geht der Welt dadurch von meinem Eigensten, von meiner Natur ... nichts verloren; der

Roman aber darf nicht ungeschrieben bleiben. Die Welt würde es freilich verschmerzen können, aber ich nicht. So liegt die Sache. Ich möchte das Kriegsbuch schreiben, weil der Roman ... doch unter allen Umständen geschrieben würde« . Vor dem Sturm war der Beginn für den Romancier, den Heinrich Mann als den Begründer des modernen deutschen Romans bezeichnete und den er als seinen und seines Bruders Vorgänger ansah.
      Es gab genügend »lange Tunnel« im Leben F. s. Zuerst den wirklich so genannten »Tunnel über der Spree«, den Berliner literarischen Sonntagsverein, dem sich F., durch Bernhard von Lepel eingeführt, 1844 anschloß. »Ein Tunnel ist kein Loch, er ist ein Durchgang«, meinte ein Mitglied, eine Verbindung also, die zu einem Ziel führt. Hier in diesem Berliner »Tunnel« wurde F., der mit seiner Balladendichtung dem herrschenden Geschmack entgegenkam, eine Anerkennung zuteil wie kein zweites Mal, so sehr er sich sein Leben lang danach sehnte. »Dort machte man einen kleinen Gott aus mir«, schrieb er fünfzig Jahre später. Dieser Balladenruhm gründete sich vor allem auf seine altenglischen und schottischen Balladen, die auch vielfach vertont wurden. Er ist F. zeit seines Lebens geblieben, später zu seinem Leidwesen, weil er auf Kosten seiner Romane ging. Und doch: Im Alter kehrte er noch einmal »zu den Göttern oder Hammeln« seiner Jugend zurück, so daß er »mit fünfundsechzig wieder bei fünfundzwanzig ... angelangt« ist: »Die Schlange, die sich in den Schwanz beißt, der Ring, der sich schließt« . Aber es ist kein Zurückgehen etwa auf die alte Heldenballade; jetzt dringt die zeitgenössische Wirklichkeit in die Ballade ein, und neue Töne werden hörbar, und mit der Spruchdichtung seines Alters findet F.einen neuen, ihm gemäßen Ausdruck lyrischer Empfindung. Der »Tunnel über der Spree« legte für F. auch das Fundament seiner Freundschaften, von denen viele bis in sein Alter erhalten blieben und denen er im Tunnelkapitel seiner Autobiographie Von Zwanzig bis Dreißig viele Seiten widmet.
      Vom Berliner »Tunnel über der Spree« war der Weg nicht weit zum Londoner Tunnel unter der Themse, dem technischen Wunder jener Zeit und Symbol des Fortschritts. »Seit ]ahren blickt' ich auf England wie die Juden in Ã"gypten auf Kanaan«, schrieb der Vier-undzwanzigjährige in das Tagebuch seiner ersten Englandreise , und in der Tat wurde ihm England das gelobte Land. Der zweiwöchigen Reise nach London folgten acht Jahre später ein halbjähriger Aufenthalt dort und dem wieder ein noch längerer von 1855 bis 1858. Hier war er nun, um »jenes eine große Kapitel England« zu studieren. Er hatte die politische Notwendigkeit eines solchen Studiums seiner Dienststelle, der Zentralstelle für Pielvingelegenhei-ten, nachdrücklich ans Herz gelegt und sich als den jungen Deutschen, »der Lust, ja die Begeisterung zu diesem Studium hat«, dringend zur Berücksichtigung empfohlen. Die Jahre dort waren nicht leicht und seine Arbeit als Korrespondent aufreibend. Und doch wurde England für seine Entwicklung in persönlicher und literarischer Hinsicht von ausschlaggebender Bedeutung. Immer hatte F. unter seiner kümmerlichen Schulbildung gelitten, denn schon mit sechzehn Jahren hieß es, den väterlichen Beruf des Apothekers zu erlernen. In diese vier Lehrjahre von 1836 bis 1840 fallen Es dichterische Anfänge. Erst in der Weltstadt London wurde ihm die Möglichkeit gegeben, seinen Horizont zu erweitern und sich zu entfalten. In Meine Kinderjahre gedenkt er daher dankbar seines Vaters, der ihm zu dem zweiten Aufenthalt in London ver-holfen hatte, der dann den dritten nachsich zog: »Und so fügte sich's denn, daß er, der in guten Tagen, in diesem und jenem, wohl manches versäumt hatte, schließlich doch der Begründer des bescheidenen Glückes wurde, das dieses Leben für mich hatte.«
Von der Schottlandreise führte den gebürtigen Neuruppiner, den Märker hugenottischer Abstammung, der Weg zur literarischen Erfassung der Heimat: Die Arbeit an den Wanderungen durch die Mark Brandenburg schloß sich unmittelbar an seine Bücher über England und Schottland an. Zweck dieses Werks war es, die Schauplätze, auf denen sich das politische Leben Preußens und der Mark abgesponnen hatte, »auf denen die Träger eben dieses politischen Lebens tätig waren«, zu beleben und die »Lokalität« wie die Prinzessin im Märchen zu erlösen. Wandernd, plaudernd, reisenovellistisch ging er vor. Als »historische Landschaft« charakterisierte ein Rezensent dieses Werk, das in unserer Gegenwart erneute Bedeutung erlangt hat.
      Die Wanderungen entstanden aus innerem Bedürfnis und stellten sich als folgerichtige schriftstellerische Entwicklung dar. Anders stand es mit den Kriegsberichten, die auf äußere Anstöße hin entstanden: die drei Bismarckschen Kriege von 1864, 1866 und 1870/71. Eine ungeheure Fleißarbeit am Schreibtisch und Reisen auf die Kriegsschauplätze waren nötig. Recherchieren kann gefährlich sein: Der als Spion verdächtigte Dichter wurde vor dem Denkmal der Jungfrau von Orleans in Domremy am 5. Oktober 1870 gefangen genommen. Mehrere Wochen saß F. auf der Isle d'Oleron gefangen. »Oh, Jeanne d'Arc! il faut que je paye eher pour vous«, schreibt er von dort an seine Frau. Wir lesen darüber in Kriegsgefangen. Erlebtes 1870 . Ãober ein Jahrzehnt hat F. an den Kriegsbüchern gearbeitet. Anerkennung haben sie ihm nicht gebracht, nur Enttäuschung. Erst jetzt wird ihnen eine positivere Einschätzung zuteil. Das Ende dieser Arbeit fiel in das Krisenjahr 1876, in dem F. noch einmal seiner Frau Emilie zuliebe den Versuch machte, sein Leben wirtschaftlich abzusichern. Im März 1876 wird er zum Ersten Sekretär der Königlichen Akademie der Künste in Berlin berufen. Ende Mai bittet er bereits wieder um seine Entlassung. Schon die berufliche Bindung in den 1850er Jahren war für ihn oft unerquicklich gewesen. Die zehn Jahre als Korrespondent des englischen Artikels in der konservativ-preußischen Kreuzzeitung waren erträglich, weil man ihm genug Zeit für seine Wanderungen ließ; aber auch diese Stellung gab er auf, um einen lockeren Vertrag mit der Vossischen Zeitung zu schließen, für die er fast zwanzig Jahre lang Theaterrezensionen schrieb, eine Arbeit, die seinem kritischen Blick entgegenkam. Der erneute Versuch, eine feste Anstellung zu erlangen, das Interludium einer Sekretariatsstelle an der Königlichen Akademie der Künste , endete mit Demütigungen und allseitiger Verstimmung. Er war schließlich froh, seinen Kopf aus »dieser dreimal geknoteten Sekretärschlinge herausgezogen zu haben« und wählte für den Rest seines Lebens, trotz »Abgrund und Gefahren«, die freie Schriftstellerexistenz: »Mir ist die Freiheit Nachtigall, den andern Leuten das Gehalt« . Die beiden letzten Jahrzehnte seines Lebens verliefen ebenmäßig, mit Ausnahme einer mehrmonatigen, schweren psychischen Krise . In der Zurückgezogenheit seines Arbeitszimmers entstanden nach dem Erscheinen von Vor dem Sturm hintereinander seine Romane und Novellen. Zu den Höhepunkten gehören Irrungen, Wirrungen , Unwiederbringlich , Frau Jenny Treibel , Effi Briest und Der Stech-lin . Die Entwicklung Berlins zur Weltstadt löste seine schöpferischen
Energien aus. Ã"ußere Unterbrechungen boten die Sommerfrischen, die durch die Begegnung mit neuen Menschen stimulierend wirkten: »Ich betrachte das Leben, und ganz besonders das Gesellschaftliche darin, wie ein Theaterstück und folge jeder Szene mit einem künstlerischen Interesse wie von meinem Parkettplatz No. 23 aus« . Ein solcher zweiter Parkettplatz wurde ihm vor allem Krummhübel in der Nähe seines Schmiedeberger Altersfreundes Georg Friedlaender. Dem geselligen Beisammensein schloß sich ein lebhafter Briefwechsel an, und diese uns erhaltenen Briefe Es stellen eine reiche Quelle für die letzten fünfzehn Jahre seines Lebens dar. Sie spiegeln vor allem seine immer kritischer werdenden Anschauungen über die Entwicklung in Preußen-Deutschland wieder. Auch hier schließt sich ein Kreis. Seit dem Briefwechsel mit dem Jugendfreund Bernhard von Lepel, aus dem das politische Engagement des jungen F. in den Revolutionsjahren 1848/49 deutlich hervorgeht, haben wir nur selten solche Töne gehört, wie in diesen letzten zwei Jahrzehnten. Eine lebhafte Auseinandersetzung mit seiner Zeit charakterisiert den jungen wie den alten F. Alles geht ein in sein Romanwerk, das, wie Heinrich Mann schreibt, »das gültige, bleibende Dokument einer Gesellschaft, eines Zeitalters« wurde. Hier in seinen Romanen zeigt sich Es Kritik an der Gesellschaft seiner Zeit subtiler als in seinen Briefen durch die Dialektik seiner Gespräche. Das Plaudern, der Dialog beherrscht seine Romane und verleiht ihnen ihren besonderen Reiz. Aus dem »strengen Zeitgenossen« wird der »versöhnliche Dichter« .
      F. war von einer nervösen Labilität und stark von Stimmungen abhängig. Durchdrungen von einem starken Selbstbewußtsein, war er in hohem Grade empfindlich; »Empfindung« nannte er sich selbst einmal. Jahrzehntelangstand er unter wirtschaftlichem Druck. Immer wieder raffte er sich auf, »das Leben zu zwingen«. Seine Romane verraten jedoch wenig von den Spannungen seines Wesens und Lebens, die ein weiser Humor verdeckt. Sie sind, wie Hans-Heinrich Reuter sagt, »das harmonische Ergebnis einer glücklich bewältigten Synthese von Lebensanschauung und Kunstverstand. »Das Endresultat«, schreibt F., sein Leben überblik-kend, »ist immer eine Art dankbares Staunen ... Es ist alles leidlich geglückt, und man hat ein mehr als nach einer Seite hin bevorzugtes und, namentlich im kleinen, künstlerisch abgerundetes Leben geführt, aber, zurückblickend, komme ich mir doch vor wie der Reiter über den Bodensee in dem gleichnamigen Schwabschen Gedicht, und ein leises Grauen packt einen noch nachträglich«, schrieb er am 23. August 1891 an seine Frau.
     

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Fontane,  Theodor    





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