Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Autoren

Index
» Autoren
» Deutschsprachige autoren
» Eich, Günter

Eich, Günter



Geb. 1.2.1907 in Lebus an der Oder; gest. 20.12.1972 in Salzburg
»Günter Eich ist ein Meister der Tarnung« , »ein Dichter, einer der wenigen, die das hohe Wort zu Recht tragen« , »ein stiller Anarchist« . E. gilt als einer der bedeutendsten deutschen Lyriker der Nachkriegszeit und als Schöpfer des poetischen Hörspiels. Sein Werk ist nicht umfangreich: ein halbes Dutzend Gedichtbände, knapp dreißig Hörspiele, zwei Marionettenspiele, zwei schmale Prosabände, ein paar Kurzgeschichten, wenige Miszellen: Das ist die

Ausbeute einer mehr als vierzigjährigen schriftstellerischen Tätigkeit. Das ist gleichzeitig ein Hinweis auf das Charakteristische seiner Arbeit. Zeitlebens ging es ihm nicht um das Beschreiben der Welt, sondern um die Erfahrung der Wirklichkeit durch die Poesie. Er war nicht eloquent, er schilderte nicht bildhaft, wortreich, sondern lakonisch, knapp, verschwiegen. »Ich bin Schriftsteller, das ist nicht nur ein Beruf, sondern die Entscheidung, die Welt als Sprache zu sehen .... Ich schreibe Gedichte, um mich in der Wirklichkeit zu orientieren. Ich betrachte sie als trigonometrische Punkte oder als Bojen, die in einer unbekannten Fläche den Kurs markieren. Erst durch das Schreiben erlangen für mich die Dinge Wirklichkeit. Sie ist nicht meine Voraussetzung, sondern mein Ziel. Ich muß sie erst herstellen.«
Dieses Bekenntnis trug E. 1956 vor, als er sich das einzige Mal in seinem Leben in eine poetologische Diskussion einließ. Spätere Fragen nach den Impulsen für seine Arbeit beantwortete er mit dem für einen Schriftsteller immerhin verblüffenden Satz: »Eigentlich schreibe ich, weil ich gar nicht schreiben kann« -der Bitte nach einer Interpretation eigener Texte begegnete er: »Ich lehne es immer und überall ab, mich zu mir und meinen Sachen zu äußern.« E. hatte eine auffallende Scheu, ja Scham, über sich selbst, seine Biographie, seine Dichtung zu sprechen. Und wenn er es dennoch tat, dann lakonisch, distanziert, aut äußere Daten reduziert. Er stellte mehr Fragen, als daß er Antworten parat gehabt hätte.
      Mit elf Jahren zog E. mit seiner Familie aus dem ländlichen Oderbruch nach Berlin. 1925 begann er, dort Volkswirtschaft und Sinologie zu studieren; in Paris setzte er diese Studien fort. Die ausgefallene Fächerkombination erklärte er mit dem Hinweis, daß er ein Studium gewählt habe, das keine gesellschaftliche Nützlichkeit erkennen lasse. Offensichtlich wollte schon der junge E. seine Tätigkeit der leichten Verwertbarkeit entziehen. Dieses Bestreben sollte sich als Konstante durch sein gesamtes Werk ziehen: »Seid unnütz«, fordert er seine Zeitgenossen in dem berühmten Hörspiel Träume auf; und: »Späne sind mir wichtiger als das Brett«, formuliert er 1968 in seinen Maulwürfen.
      Mit 21 Jahren veröffentlicht E. unter dem Pseudonym Erich Günter erste Gedichte in der von Willi Fehse und Klaus Mann herausgegebenen Anthologie jüngster Lyrik. Es sind spätexpressionistische, naturmagische Gedichte, die auf einen empfindsamen, melancholischen Autor schließen lassen: »O ich bin von der Zeit angefressen und bin in gleicher Langeweile vom zehnten bis zum achtzigsten Jahre«, so schrieb E. 1928. Danach hat man von dem Lyriker E. nichts mehr gehört. Er taucht erst 1945 wieder auf.
      Sein Studium gibt E. 1932 ohne Abschluß auf; er beschließt, Berufsschriftsteller zu werden. Er arbeitet für den Berliner Rundfunk, gemeinsam mit Martin Raschke verfaßt er die Monatsbilder des Königswusterhäuser Landboten, Kalendergeschichten und Hörfeatures, Umarbeitungen von literarischen Vorlagen, Spiele, die offenbar harmlos waren und ihn mit dem neuen Medium vertraut machten, auch wenn sie keinen eigenständigen literarischen Rang geltend machen können. Den Krieg überlebt E. als Soldat. Auch über diese Zeit hat er öffentlich geschwiegen. Er gerät in amerikanische Gefangenschaft. Und hier in Sinzig am Rhein, zwischen Stacheldraht und Latrine, schreibt er wieder Gedichte, Verse von verzweifelter Ironie, erniedrigter Menschlichkeit ohne jede Larmoyanz. Gedichte, die offenbar so sehr den Nerv der Sensiblen ihrer Zeit trafen, daß sie eine Gattung begründeten, die sogenannte »Kahlschlagpoesie«. Das berühmteste Gedicht aus dieser Zeit heißt Inventur: »Dies ist mei-ne Mütze/dies ist mein Mantel hier mein Rasierzeug / im Beutel aus Leinen/ Konservenbüchse: / Mein Teller, mein Becher / ich hab' in das Weißblech / den Namen geritzt.« Durch die Kargheit seiner nur noch aufzählenden Sprache wurde dieses Gedicht zum Inbegriff für dichterischen Neubeginn und Sprachreinigung nach 1945.
      Aus der historischen Distanz der 1980er Jahre wird eine andere Charakteristik E.s bereits hier deutlich: In den Gedichten aus der Gefangenschaft, die 1948 in dem Band Abgelegene Gehöfte erscheinen, experimentiert E. mit den verschiedensten poetischen Formen, er schreibt Prosagedichte wie Volksliedverse, er benutzt literarische Vorlagen, die an Heinrich Heine und Friedrich Hölderlin erinnern, und füllt sie mit neuen, erlebten Inhalten; ironisch verknüpft er romantische, lyrische Versatzstücke -»es flüstert verworren der Rhein« - mit seiner verlausten, unappetitlichen Realität: »Ãober stinkendem Graben / Papier voll Blut und Urin / umschwirrt von funkelnden Fliegen / hocke ich in den Knien / .../ Irr mir im Ohre schallen / Verse von Hölderlin / In schneeiger Reinheit spiegeln / Wolken sich im Urin.« Dieses Auseinanderbrechen von Zusammenhängen als Prinzip, dieses Neuverknüpfen von Unerwartetem und Disparatem wird E. vor allem in seinen späten Prosa-Texten, den Maulwürfen, wieder aufnehmen und damit in neue poetische Bereiche vordringen. Nach seiner Entlassung aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft widmet er sich neben den Gedichten vor allem dem Hörspiel. Die Erstsendung seiner Träume wird zur »Geburtsstunde des poetischen Hörspiels« . Jeweils zum Ende der vier Träume appelliert der Autor an seine Hörer: »Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind! Seid mißtrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen! Wacht darüber, daß eure Herzen nichtleer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird! Tut das Unnütze, singt Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet! Seid unbequem, seid Sand, nicht das Ã-l im Getriebe der Welt!«
Die Erfahrungen des Dritten Reichs sind noch frisch, und Dichter wie E. warnen eindringlich davor, sie zu verdrängen. Karl Korn urteilte damals: »Traumdeutung ist Günter Eichs Gedicht, und man kann zu seinem Ruhme wohl nicht mehr sagen, als daß er unser aller Träume dichtet.« Gemeint waren wohl vor allem die kollektiven Alpträume. E.s Hörspiele beginnen harmlos, in alltäglichen Situationen. Im Laufe der Handlung aber geht die Sicherheit verloren, eine ungeahnte Wirklichkeit überlagert die sichtbare Realität. Die Hörspiele verlassen die eingeübten Pfade, verunsichern, wollen aufmerksam, wachsam stimmen, Mißtrauen erwek-ken gegen die scheinbare Sicherheit der wahrnehmbaren Gegenwart. Es ist eine Zeit, in der E. gegen die Erkenntnis der »verwalteten Welt« den totalen Ideologieverdacht anmeldet, in der er jeder Meinung mißtraut, jeden Standpunkt als Möglichkeit von Machtmißbrauch ablehnt. Gegen Ende seines Lebens hat E. die Unmittelbarkeit, das Pathos seiner berühmten Verse nicht mehr gemocht. An den Inhalten aber hat er stets festgehalten: er fühlte sich verantwortlich: »Alles was geschieht, geht dich an.«
Er wollte seine Arbeit als Herausforderung der Macht und der Mächtigen verstanden wissen: »Wenn unsere Arbeit nicht als Kritik verstanden werden kann, als Gegnerschaft und Widerstand, als unbequeme Frage und als Herausforderung der Macht, dann schreiben wir umsonst.« Er wehrt sich gegen alle Institutionen, auch gegen die Natur: »Nachrichten, die für mich bestimmt sind / weitergetrommelt von Regen zu Regen - von Schiefer- zu Ziegeldach / eingeschleppt wie eine Krankheit
/ Schmuggelgut, dem überbracht / der es nicht haben will / ... / Bestürzt vernehme ich / die Botschaften der Verzweiflung / die Botschaften der Armut / und die Botschaften des Vorwurfs / Es kränkt mich, daß sie an mich gerichtet sind / denn ich fühle mich ohne Schuld« .
      Zwischen 1955 und 1968 liegt eine Phase, in der E. an den Rand des Ver-stummens geriet. 1962 war er nach Japan gereist. Die Steingärten, Meditationsstätten der berühmten Tempel wurden für den abendlandmüden deutschen Dichter zur existentiellen Erfahrung des Ganz-Anderen, des Sprachlosen. Er war an einem schöpferischen Endpunkt angelangt. Seine Gedichte, Einzeiler häufig, konzentrierte, komplizierte Aphorismen betrauern das Vergebliche der »bösen Hoffnung«. Sie erschienen in dem Band Anlässe und Steingärten . Es wurde still um E., der 1953 die Schriftstellerin Ilse Aichin-ger geheiratet hatte und nun mit ihr und den Kindern Clemens und Miriam in Groß-Gmain bei Salzburg abgeschieden lebte. Er war berühmt. Man hatte ihm schon 1950 den ersten Preis der Gruppe 47 verliehen, er war Träger des Hörspielpreises der Kriegsblinden und nahm 1959 den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung entgegen. Endlich, 1967, sorgt er noch einmal für literarischen Wirbel. Auf der letzten Tagung der Gruppe 47, zu deren Gründungsmitgliedern er ja zählte, trug er seine neuen, irritierenden Prosatexte vor, die er Maulwürfe nannte, Tiere, mit denen er sich listig vergleichen wollte. E. reflektiert Literatur in seiner Literatur, er montiert Heterogenes, Aphorismen und Banalitäten, Redewendungen, Nonsens, Sprachklischees und politische Slogans. Eine anarchische Literatur, ein Anarchist in der Literatur. »Wäre ich kein negativer Schriftsteller, möchte ich ein negativer Tischler sein. Die Arbeit ist nicht weniger geworden, seitdem der liebe Valentin den Hobel hingelegt hat. Staatsmänner haben ihn übernommen. Aber es lebe die Anarchie! Mit diesem Hochruf gehe ich in die nächste Runde. Späne sind mir wichtiger als das Brett.« 1970 erscheint der zweite Band Ein Tibeter in meinem Büro. 49 Maulwürfe. Schließlich veröffentlicht E. einen letzten schmalen Gedichtband, Nach Seu-mes Papieren , und ein Hörspiel, Zeit und Kartoffeln . E. ist schwer krank. Er wird immer dünner, filigraner. Der Mann, der das Mitleiden, das Mitfühlen, die Mitverantwortung ins Zentrum seiner literarischen Arbeit gestellt hatte, litt jahrelang sichtbar dem Tode zu. Walter Jens übermittelt ein letztes Gespräch mit dem Freund aus dem November 1971: »Wir sprachen über seine Gedichte, da hielt er plötzlich inne und fragte: Findet ihr nicht auch, daß sie immer trauriger werden? Immer kürzer, immer trauriger? Im Grunde sei er des Schreibens längst leid; was zu sagen sei, sei jetzt gesagt«.
     

 Tags:
Eich,  Günter    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com