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Dürrenmatt, Friedrich



Geb. 5.1.1921 in Konolfingen bei Bern; gest. 14.12.1990 Neuchätel
Er habe überhaupt »keine Biographie«, behauptet er hartnäckig: »ich schreibe nicht, damit Sie auf mich schließen, sondern damit Sie auf die Welt schließen«. In der Tat scheint D. den Standort seines Landes auch zu seinem persönlichen Platz gemacht zu haben: neutral, aus der Distanz beobachtend, und, wie er selbst einmal sagte, »hinter dem Mond«. Ab 1952 wohnt D. in Neuchätel, hoch über dem See, zunächst in einem Haus, dann schon bald in zwei stattlichen Eigenheimen mit Swimmingpool; alles gut bewacht von zwei mächtigen, aber harmlosen Hunden. Von da aus verfolgt er kritisch das Weltgeschehen, das für ihn auch das gesamte kosmische Geschehen einschließt, und schleudert sporadisch seine einfallsreichen, aber stets bösen Beschimpfungen in Formvon Theaterstücken, Romanen, Hörspielen und Erzählungen unter die Leute, um sie aus ihrem Alltag aufzuschrek-ken: ein militanter Neutralist. Sein Werk sucht nicht den Ausdruck der Persönlichkeit, insofern ergibt sich aus ihm tatsächlich keine Biographie; sein Werk versucht vielmehr, der vor sich hinwurstelnden Welt den Spiegel vorzuhalten, und zwar den der grotesken Verzerrung, um sie so kenntlich zu machen, nämlich als eine nicht wahrgenommene Chance. Um diese Thematik kreist sein Gesamtwerk. Die Astronomie, eines seiner wichtigsten Hobbys, beweist nur, daß der Kosmos aus lauter Katastrophen besteht: als Supernovae verglühen die Sonnen, die Materie verschwindet in den schwarzen Löchern des Alls, das Leben ist nur ein vorübergehender Zufall. Und wenn schon der Kosmos nur aus Chaos besteht, vermag D. nicht einzusehen, warum die Menschen mit ihrer schönen Erde nicht behutsamer umgehen, warum sie nicht, wie der Engel, der nach Babylon kommt, den blauen Planeten als die große Ausnahme, als das Kleinod unter den kosmischen Wüsteneien erkennen und annehmen. Statt dessen versuchen sie immer wieder und immer erfolgloser, die Welt zu verbessern, zu verändern. Aber irgendein läppischer Zufall macht alles menschliche Planen zunichte und die Planenden zu Narren, und am Ende jagt doch nur eine Katastrophe die andere, oder dramaturgisch mit D.s Werk gesagt: folgt eine schlimmstmögliche Wendung der anderen.

      Zweifellos steht das Frühwerk, das Gesamtwerk bestimmend, unter dem Eindruck der gerade vergangenen faschistischen Barbarei als >Ergebnis< einer sich human und zivilisiert dünkenden Kulturnation. Und diese hinterließ nichts anderes als die Atombombe, die nun endgültig für den globalen Kollaps sorgen kann. Mit ihr sind für D. die »Geschichten« der einzelnen Länder, der einzelnen Menschen vorbei. Die
Atombombe läßt niemanden mehr aus; die ehemalige Geschichte der Vaterländer wird zur Weltgeschichte , wie es Die Physiker vorführen. »Was alle angeht, können nur alle lösen«, lautet der bekannte Satz, den D. diesem Stück beigab. Deshalb spielen fast alle Stücke D.s auch im globalen Rahmen und mit kosmischen Ausblik-ken; sei es der Meteor , der in Gestalt eines rüpelhaften, gottlästernden Nobelpreisträgers der Literatur einfällt und durch seine Auferstehung zum ewigen Leben das Leben um sich vernichtet, oder sei es die »Weltparabel« in Porträt eines Planeten , das die Weltgeschichte mitleidlos als Schlachthaus »entlarvt«, mit dem Fazit: »hops geht sie ohnehin«, die Erde, weil ihr kosmisches Ende schon vorprogrammiert ist. Sein Fazit war: Wenn wir nur überleben können, indem der Status quo erhalten bleibt, ist jeder Versuch, an ihm noch etwas ändern oder gar >die Welt< verbessern zu wollen, heller Wahnsinn und nur die Vorbereitung der nächsten schlinimstinöglichen Wendung, die Ãobernahme des Weltlaufs durch Irre, wie etwa durch die groteske Figur der Mathilde von Zahnd in den Physikern. Der Zusammenbruch der DDR und das sich vor D.s Tod abzeichnende Ende der Sowjetunion konnten ihn in seiner Ãoberzeugung nicht erschüttern. Im Gegenteil meinte er in einem seiner letzten Interviews: Die Weltlage sei viel grotesker, als er sie sich in seinen Werken habe ausdenken können, die Wirklichkeit führe ein unüberbietbares Schmierentheater auf. So bleiben auch seine letzten Buchpublikationen, voran Die Stoffe , von der Ost-West-Konfrontation bestimmt, wenn sie nicht ohnehin in kosmische Dimensionen ausbrechen und weiterhin die Macht des Zufalls beschwören. D. forderte als Gegenpol den »mutigen Menschen«, der die Welt aushält, wie sie ist. Er will nur noch im »Kleinen« wirken, wie der König Augias in der Komödie Herkules und der Stall des Augias , der auf dem Mist, der die Welt bedeutet, einen Garten »Eden« für sich selbst angelegt hat, indem er den Mist als Humus nutzt. Der mutige Mensch geht freilich im Spätwerk D.s immer mehr verloren und wird durch bitterböses Gelächter, das Mensch und Weltlauf gilt, ersetzt.
      Daß D. das Leben eines »mutigen Menschen« gelebt hat, darf angenommen werden, zumal es nach entbehrungsreichen Anfängen ein gutes Leben geworden war, abgerungen einer Welt, die D. verachtet hat . Nach literarischen und philosophischen Studien in Bern und Zürich ab 1945, wo er nur die Literaturwissenschaft hassen lernt und sich zum Hobby-Philosophen ausbildet , wagt er sich schnell auf den Literaturmarkt, um Geld zu verdienen. Die geschickte Verbindung von Trivialgenres, philosophischem Tielsinn, der manchmal auch recht flach ist, und Einfallsreichtum bringt rasch den Durchbruch, der mit seinem wohl besten Stück, Der Besuch der alten Dame, bereits 1955 zum Weltruhm führt. Von da an ist D. ein Mythos, dessen bewußte Herausforderungen immer neu für Schlagzeilen sorgen, aber auch zu zahlreichen Preisen und Ehrungen führen: u. a. dem Schillerpreis der Stadt Mannheim 1959, dem Großen Literaturpreis des Kantons Bern 1969, der Buber-Rosenzweig-Medaille 1977 und Ehrendoktoraten der Temple Uni-versity, Philadelphia 1969, der Universität Nizza, der Hebräischen Universität lerusalem 1977. Durch sie fühlt er sich freilich nicht belästigt, wie der Literat seiner Komödie Der Meteor, Wolfgang Schwitter: »Ein Schriftsteller, den unsere heutige Gesellschaft an den Busen drückt, ist für alle Zeiten korrumpiert«. D. verhindert die Korruption durch sporadisch erneuerte Invektiven gegen
Kollegen und vor allem Kritiker, die er inzwischen in seinen Werken selbst abkanzelt . Er nannte 1970 Hans Habes Kritik an Harry Buckwitz, der am Züricher Schauspielhaus arbeitete, eine »Schweinerei« und den Autor selbst einen »einzigen Faschisten«, was prompt zu einer Verleumdungsklage durch Habe führte. Oder er hielt öffentlich - 1980 in einem Interview mit dem Playboy - Carl Zuckmayers Werk für »Scheiße«, Günter Grass für »zu wenig intelligent, um so dicke Bücher zu schreiben«, Max Frisch für einen »Autor der Fehlleistungen« und 1985 - in einem Sfem-Interview -Adolf Muschg für besonders langweilig. Aber seine Skandale sind stets Skandale, die sein Werk betreffen, nie seine Person, und sie sind immer so inszeniert, daß D., dessen letzte Werke nur noch mäßigen Frfolg hatten, wieder in Erinnerung gerät: ein böser Autor, der aus der Schweizer Distanz schoß und es sich ansonsten gut sein ließ; trotz Diabetes und zweier Herzinfarkte bleibt er zeitlebens ein gewaltiger Rotweintrinker, guter Esser - sein bester Freund war der Hotelier und Koch Hans Liechti - und selbst ein guter Koch. »Die Kochkunst, richtig ausgebildet, ist die einzige Fähigkeit des Menschen, von der sich nur Gutes sagen läßt, und darf poetisch nicht mißbraucht werden«. Beim Essen und Trinken verstand der Autor, der nur Komödien schrieb, keinen Spaß.
      D. stammt aus protestantischem Pfarrhaus, das prägend wird für die immer wieder antönende religiöse Thematik seines Werks . Er heiratet 1947, in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, die Schauspielerin Lotti Geißler, mit der er drei Kinder hat. Gelegenheitsarbeiten im Kabarett prägen die späteren Komödien; den Griff zum Trivialgenre erzwingt der notwendige Gelderwerb. Der frühe Erfolg macht den Rückzug möglich. In Zeiten, als alle sich engagieren , arbeitet D. am Theater . Danach zieht er sich wieder enttäuscht zurück: er hält jedes Engagement für verfehlt. 1981 läßt er sich - zum Anlaß seines 60. Geburtstags - mit einer 30-bändigen Werkausgabe als Klassiker ehren. 1982 stirbt die geliebte Frau Lotti; 1985 heiratet er die Filmemacherin Charlotte Kerr, die einen Vierstunden-Film über ihn gedreht hatte . Seine Komödientheorie ist auch das Fazit seines Lebens. Es wäre schauerlich, Kunst und Leben miteinander zu verwechseln , in einer Zeit, in der Kreons Sekretäre den Fall Antigone erledigen, kann es kein verantwortliches und verantwortungsbewußtes Handeln im Großen mehr geben. Wer es dennoch versucht, macht sich zum Narren. Welt und Leben sind, gerade wenn sie sich tragisch ernstnehmen, eine Komödie: zum Totlachen.
     

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Dürrenmatt,  Friedrich    





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