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Celan, Paul




Geb. 23.11.1920 in Czernowitz/ Bukowina; gest. vermutlich 20.4.1970 in Paris
»Vielleicht darf man sagen, daß jedem Gedicht sein >20. Jännen eingeschrieben bleibt? Vielleicht ist das Neue an den Gedichten, die heute geschrieben werden, gerade dies: daß hier am deutlichsten versucht wird, solcher Daten eingedenk zu bleiben? - Aber schreiben wir uns nicht alle von solchen Daten her? Und welchen Daten schreiben wir uns zu?« Entgegen vielen ignoranten Exege-ten der 1950er und 60er Jahre, die C. ob seiner vermeintlichen Esoterik und Hermetik abwechselnd lobten und tadelten, hat dieser sich für jeden, der es wissen wollte, von Beginn an von bestimmten Daten herund ihnen zugeschrieben. Das entscheidende persönliche Datum ist die Ermordung seiner Mutter durch Genickschuß im Lager Michai-lowka östlich des Bug Ende 1942, nachdem der Vater schon Ende September des gleichen Jahres ebenfalls in diesem Lager umgekommen war. Das politische Datum, von dem diese und Millionen andere Morde sich wiederum herschreiben, ist der 20. Januar 1942, an dem von den Nazis auf der sog. Wannsee-Konferenz in Berlin die Ausrottung der Juden planmäßig organisiert wurde. Aufdiesen »20. Jänner« bezog sich C. in seiner Büchnerpreis-Dankesrede vom 22. 10. 1960 , und auf dieses Datum bezog er sich Zeit seines Lebens. Große Teile nicht nur seiner frühen Lyrik sind eine Art imaginäres Gespräch mit der ermordeten Mutter, und in diesem Sinne kann man C. einen eminenten »Erlebnislyriker« nennen.

      C. wuchs als einziges Kind jüdischer Eltern in Czernowitz/Bukowina auf. Das »Buchenland« war bis 1918 Bestandteil der Habsburger-Monarchie, danach Rumäniens. Die Gemeinsprache der Gebildeten - nicht nur der Juden -war das Deutsche. Es wurde für C., wie für andere bedeutende Lyriker der Bukowina zur lebenslangen Sprache der Poesie, auch wenn man ansonsten Rumänisch sprach. Nach dem Abitur im |uni 1938 ging C. nach Tours in Frankreich, um Medizin zu studieren. Er reiste über Berlin - seine Ankunft dort fiel mit dem 10. 11. 1938 auf den Tag nach der >Kristallnachtaufgehobenherkunftsloser< Step-penwolf zumeist, mit weithin erkennbaren jüdischen Zügen«, als den, »den es nicht gibt«. Seine Pariser Isolation war für ihn nach seinem eignen Verständnis die einzige Möglichkeit, ein seinen immer gegenwärtigen traumatischen Erfahrungen der 1940er Jahre angemessenes poetisches Werk zu schaffen. Nur hier, am entferntesten Punkt, war es ihm möglich, »solcher Daten eingedenk zu bleiben«, von denen die Büchnerpreis-Dankesrede spricht. C. reiste wieder und wieder nach Westdeutschland - 1958 erhielt er den Bremer Literaturpreis, 1960 den Büchnerpreis -, doch die deutsche »Unfähigkeit zu trauern« schwand nicht, vielmehr begegnete sie ihm wieder und wieder und verletzte ihn tief. Eine Dichtung der Erinnerung und des Gedächtnisses als eines »scharfen Messers« entstand in den Bänden Mohn und Gedächtnis , Von Schwelle zu Schwelle , Sprachgitter , Die Nie-mandsrose und Atemwende : des Gedächtnisses an die Opfer der Geschichte in den Lagern, in den Revolutionen, in den Exilen. Doch mit zunehmender Zeitdauer wurde C. sein eigenes poetisches Konzept fragwürdig. Es ging, so merkte er, nicht mehr nur um das Problem, ob der »deutsche, der schmerzliche Reim« , ob die »eisige Mutter-Sprache« , die »Mördersprache« den Greueln der Zeit angemessen sei, sondern um die sprachliche Sagbarkeit des Erfahrenen schlechthin. Deutlich vom Band Sprachgitter an rückt die Sprache mit ihrem Eigenleben ins Zentrum von C.s Lyrik. Die Skepsis gegenüber den »Wortkadavern« , dem »Metapherngestöber«, ja dem Raum präg-matisch-instrumenteller Sprachverwendung überhaupt wurde immer unabweisbarer. »Das Namengeben hat ein Ende«, heißt es schließlich 1967. In den späteren Lyrikbänden Fadensonnen , Lichtzwang , Schneepart und Zeitgehöft ist denn auch an die Stelle des direkten, abbildenden, »wirklichkeitsmächtigen« Sprechens ein indirektes, uneindeutiges, stockendes, stotterndes Sprechen getreten, in dem Zitate dominieren, Objekt- und Metasprache einander durchdringen und Sprachzeichen aus heterogensten Bereichen in wachsender Reduktion und Komplexität miteinander verknüpft werden. Und so wie sich C. in seiner Poesie immer mehr aus dem Raum menschlich-gesellschaftlicher Kommunikation zurückzog in menschenleere Räume des Vegetabilischen und Mineralischen, um »Lieder ... jenseits der Menschen« zu singen, so war es auch im gelebten Leben. Dem »absoluten Gedicht« entsprach das »absolute Exil«, dem auch ein später Besuch Israels im Herbst 1969 keine Wende mehr geben konnte. Ende April 1970 wählte C, der bedeutendste Avantgardelyriker deutscher Sprache, den Freitod in der Seine. Seither wächst, wie sein Ruhm, stetig die Auseinandersetzung um eine angemessene Auslegung seiner Gedichte. Dabei helfen u.a. zwei anspruchsvolle kritische Werkausgaben, die innerhalb weniger Jahre weit gediehen sind, wie auch die 1997 aus dem Nachlaß veröffentlichten Gedichte. Mittlerweile liegen zudem bedeutende Briefwechsel kritisch ediert vor.
     

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Celan,  Paul    





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