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Canetti, Elias



Geb. 25. 7. 1905 in Rustschuk ; gest. 14.8. 1994 in Zürich
»Mein ganzes Leben ist nichts als ein verzweifelter Versuch, die Arbeitsteilung aufzuheben und alles selbst zu bedenken, damit es sich in einem Kopf zusammenfindet und darüber wieder Eines wird.« Wenn auf einen modernen Autorder Begriff des Dichters im emphatischen Sinn noch paßt, dann auf C. Noch einmal verwirklicht sich in seinem Werk die Einheit von Denken und Schreiben, von philosophischer Universalität und künstlerischer Gestaltung. Imponierend schon die äußere Erscheinung C.s: die lebendige Offenheit; die menschliche Wärme, die von ihm ausstrahlt; nicht zuletzt die wache Neugier des Blicks, von dem man sich sofort durchschaut fühlt. Zugleich ist er - wie Susan Sontag schreibt - »auf charakteristisch unpersönliche Weise extrem mit sich selbst befaßt. Er ist ganz davon in Anspruch genommen, jemand zu sein, den er bewundern kann.« Wenn er spricht, gar vorliest - und er war ein hinreißender Rezitator seiner eigenen Werke -, dann scheint die Märchenerzählerin Scheherazade zu neuem Leben erwacht, so sehr vergißt man die Zeit. Imponierend aber auch der Ernst, die Unbedingtheit seines intellektuellen Anspruchs, die nicht nachlassende Begierde, einen Weg durch das Labyrinth des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu finden.

      C. blieb lange so gut wie unbekannt, ein unbequemer Einzelgänger gegen die Zeit, ein unnachsichtiger Kritiker der herrschenden Lügen. Erst die 1963 veranstaltete Neuausgabe seines Romans Die Blendung brachte ihm den Durchbruch zum späten Ruhm und das Interesse einer breiteren Leserschaft. Hauptfigur dieses Romans ist der Sinologe Kien, der in einer Art intellektueller Unzucht mit seinen Büchern gegen die Wirklichkeit anlebt . Der weltlose, kopfstimmige Gelehrte wird von seiner Haushälterin Therese durch einen Trick - listig zieht sie sich zum Lesen Handschuhe an, das Buch legt sie auf ein

Samtkissen - geblendet und zur Ehe verführt. Mit diesem Schritt liefert Kien sich den Niederungen des Lebens aus, banal-grotesken Figuren wie dem Hausbesorger und dem Intriganten Fischerle, in deren Netzen er sich mehr und mehr verfängt. Am Ende des schonungslosen Kampfes zwischen Geist und Wirklichkeit zündet Kien schließlich seine 25 000 Bände umfassende Bibliothek an und verbrennt mit seinen Büchern - ein beklemmendes, vielstimmig erzähltes Panorama über die Entzündbarkeit der Welt, deren kollektiver, totalitärer Wahn hier in hellsichtiger Analyse vorweggenommen ist.
      Für den Sohn sephardischer Eltern waren Spagno-lisch und Bulgarisch, später, nach der Ãobersiedlung der Familie nach Manchester 1911, Englisch die ersten Sprachen, die er lernte. 1912 starb der Vater plötzlich, erst 31 jährig - C. wird dieses Ereignis nie vergessen, den Tod immer als den Machthaber über das Leben hassen, ihn zum Angelpunkt und Eckpfeiler seines literarischen Werkes ma chen . Die Mutter übersiedelte mit ihren drei Kindern 1913 zuerst nach Wien, 1916 nach Zürich, 1921 nach Frankfurt a.M. Erst im Alter von acht Jahren lernte C. unter Anleitung der Mutter Deutsch - »eine spät und unter wahrhaftigen Schmerzen eingepflanzte Muttersprache«. Die magische Welt seiner frühesten Jugend, die Bizarrerie und Faszination des Balkans, schließlich die Eroberung der Wirklichkeit durch Sprache und Schrift hat er mit fesselnder Eindringlichkeit in der Autobiographie seiner Kindheit, Die Gerettete Zunge , beschrieben. 1924 ging er nach Wien zurück, begann dort das Studium der Chemie, das er 1929 mit der Promotion abschloß. Dort lernte er auch Veza Taubner-Calderon kennen, die er 1934 heiratete. Seine Entwicklung zum Schriftsteller im Wien der 1920er Jahre, unter der »Leibeigenschaft« desbewunderten Satirikers Karl Kraus, schildert Die Fackel im Ohr . Den Abschluß von C.s dreiteiligem Lebensroman bildet Das Augenspiel , das mit dem Tod der Mutter 1937 endet. Ein geplanter Band über die englischen Jahre blieb Fragment und erschien unter dem Titel Party im Blitz aus dem Nachlaß. Als Schriftsteller, dies zeigen die Bände der Autobiographie, geht C. äußerst behutsam mit seinen Erinnerungen um. In seiner unstillbaren Passion sucht er den Weg zu den »in sich selbst eingebundenen Menschen«, will er »Menschen erlernen«. In ihren Stimmen und Gesten läßt er sie, ein unersättlicher Beobachter und Zuhörer, wieder auferstehen, enthüllt er seine Wahrheit ihres Lebens. Stärker noch als die Galerie berühmter Zeitgenossen, denen er begegnete, prägen sich die überscharf belichteten Gestalten des bürgerlichen Pandämoniums ein: die deformierten, von der »tobsüchtigen Bewegung des Geldes« und der Machtblindheit geknechteten Zimmerwirtinnen, Pensionäre, I lausmeister und Dienstmädchen. Es ist jene groteske Welt, der wir in der Blendung, in den beiden frühen - von C. selbst besonders geschätzten - Theaterstücken Hochzeit und Komödie der Eitelkeit wiederbegegnen. C. bedient sich dabei, wie K. Kraus in seinem Lesedrama Die letzten Tage der Menschheit, der Technik des akustischen Zitats, der »akustischen Maske«, die noch die geheimsten Gedanken der Menschen enthüllt.
      Zum Schlüsselerlebnis wurde für C. der Brand des Wiener Justizpalastes, den die empörte Arbeiterschaft am 15. 7. 1927 anzündete. »Die Polizei erhielt Schießbefehl, es gab neunzig Tote ... Es ist das nächste zu einer Revolution, was ich am eigenen Leib erlebt habe ... Ich wurde zu einem Teil der Masse, ich ging vollkommen in ihr auf, ich spürte nicht den leisesten Widerstand gegen das, was sie unternahm.« Das Geheimnis der Masse - und damit von Macht und Ãoberleben - ließ ihn von nun an nicht mehr los, steigerte sich vielmehr durch die immer abschüssigere Fahrt der Geschichte, die Machtübernahme des Faschismus, den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust und den Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki zur Erkenntnis der universellen Bedrohung, in welche die Menschheit sich selbst gebracht hatte. In der das Schubkastendenken aller universitären Disziplinen verwerfenden Abhandlung Masse und Macht , wie in den diese Arbeit begleitenden aphoristischen Aufzeichnungen Die Provinz des Menschen , gelang es C., die Wurzeln der Gewalt zu entschleiern: Triebverdrängung und Aggressivität, Ordnung und Destruktion zeugen und stützen sich wechselseitig. Seit seiner Emigration im Herbst 1938 über Paris nach London hatte C. sich jede literarische Beschäftigung verboten, um ausschließlich an diesem Buch zu schreiben. Eingehende Studien der Anthropologie, der Ethnologie, der Sozialpsychiatrie, vor allem aber der chinesischen Philosophie und der Mythenüberlieferung der Menschheit haben es von Anfang an begleitet. Lange bevor sie Mode wurden, hat C. so die bedrängenden Themen unserer Zeit entwickelt: die Lust zum Untergang, die Zerstörung von Psyche und Umwelt, die Ausrottung der Natur. Am meisten mißverstanden wurde seine Besessenheit durch den Tod - er erkennt den Tod nicht an, weil dies hieße, sich der Macht zu beugen. Im Tod verkörpert sich für ihn alles Böse, alles Ãobel, weil er dem Leben Grenzen setzt, weil er alle Unterschiede gleich macht. Seine Tod-Feindschaft kennzeichne ihn, so Susan Sontag, als einen unverbesserlichen, bestürzten Materialisten, aber auch als einen unerbittlichen Don Quixote: »Denn immer weiß ich zu gut, daß ich gegen den Tod gar nichts ausgerichtet habe.« Als eine archaische, selbst schon mythische Gestalt ragte C. in die Literatur der
Gegenwart - ein glänzender Schriftsteller, ein universaler Denker, dem die Menschen so wichtig sind wie die Worte. Denn der Beruf des Dichters besteht für ihn in der Kraft zur Verwandlung, in der »Verantwortung für das Leben, das sich zerstört, und man soll sich nicht schämen zu sagen, daß diese Verantwortung von Erbarmen genährt ist«.
     

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