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Brentano, Clemens



Geb. 9.9.1778 in Ehrenbreitstein; gest. 28.7.1842 in Aschaffenburg
»Seit fünfzehn Jahren lebt Herr Brentano entfernt von der Welt, eingeschlossen, ja eingemauert in seinen Katholizismus ... Gegen sich selbst und sein poetisches Talent hat er am meisten seine Zerstörungssucht geübt ... Sein Name ist in der letzten Zeit fast verschollen, und nur wenn die Rede von den Volksliedern ist, die er mit seinem verstorbenen Freund Achim von Arnim herausgegeben, wird er noch zuweilen genannt.« Heinrich Heines kritische Marginalie in seiner Romantischen Schule ruft den bereits zu Lebzeiten vergessenen Dichterkollegen in Erinnerung, von dessen umfangreichem CEuvre nurmehr noch die frühe Volksliedersammlung Des Knaben Wunder-horn bekannt und geschätzt geblieben ist. Die weitere Wirkungsgeschichte von B.s Werk sollte Heines Nachrede auf den verschollenen Poeten bis heute nur bewahrheiten. Die Gründe für diese Vergeßlichkeit - »die Leute haben im Leben wenig von ihm gewußt und nach dem Tode ihn kaum vermißt« - welche die Nation dem »romantischsten ihrer Dichter« entgegenbrachte, sind kaum in B.s übersteigertem Romantizismus, im Geschmackswandel oder in einer verschütteten Rezeptionsgeschichte zu suchen; vielmehr finden sie sich, wie von Heine vermutet, in B.s »zerrissener« Biographie. Und es ist vor allem nicht der Katholizismus, zu dem sich fast alle Romantiker bekannten, der Heines Kritik herausfordert, sondern die Zerstörungswut, mit der B. im Zeichen der Religion gegen sein poetisches Werk vorgeht und es schließlich verleugnet. Allerdings war B. in seiner katholischen Phase keineswegs als Autor »verschollen«, wie Heine vorschnell annahm, sondern er war als Erbauungsschriftsteller erfolgreicher als alle seine dichtenden Zeitgenossen; seine religiösen Schriften, teilweise anonym erschienen, erreichten hohe Auflagen und wurden in alle wichtigen europäischen Sprachen übersetzt.

      Dieser Widerspruch in B.s Schaffen als Gegensatz von Poesie und Leben sollte nicht überbewertet, aber ebensowenig vorschnell harmonisiert werden: es zeigt sich vielmehr die innere Konsequenz eines enttäuschten, auf der Suche nach geistigem Rückhalt befindlichen Lebens, dessen äußere Bizarrie die Zeitgenossen immer wieder faszinierte und gleichzeitig verwirrte. »Die seltsamen Abenteuer, die seine eigene bizarre Ansicht der Welt ihm zugezogen« , sie beginnen 1798, als sich der Frankfurter Kaufmannssohn nach dem Tod von Vater und Mutter der aufgedrungenen bürgerlichen Berufsausbildung entzieht; aber auch der Besuch der Universitäten in Bonn, Halle, Jena und Göttingen führt zu keinem abgeschlossenem Studium: Bergwissenschaft, Medizin und Philosophie werden nacheinander betrieben und wieder aufgegeben. In Jena, dem Zentrum der frühromantischen Bewegung, trifft B. auf seine eigentliche Bestimmung; unter dem Einfluß von Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Wilhelm Joseph von Schel-ling, den beiden Schlegel, Ludwig Tieck und Ernst August Friedrich Klingemann beginnt er »eine freie poetische Existenz«; ein beträchtliches Erbe macht ihn unabhängig. Im Jenaer Kreis lernt er auch seine spätere Frau Sophie Mereau kennen, die er 1803 heiratet. Gemäß dem aufgelösten romantischen Gattungsbegriff setzt seine literarische Produktion auf verschiedenen Gebieten ein: Neben die Lyrik tritt die Literatursatire {Gustav Wasa, 1800) die sich hauptsächlich gegen August von Kotze-bue richtet, und der »verwilderte Roman« Godwi oder das steinerne Bild der Mutter , der in der Nachfolge des frühromantischen Bildungsromans eine verwirrende Formenvielfalt mit Witzund Sentiment verbindet; nach dem Lustspiel Ponce de Leon , das die Aufmerksamkeit Johann Wolfgang von Goethes findet, beginnt B. neben der im romantisch-mittelalterlichen Stil gehaltenen Chronika eines fahrenden Schülers mit seinem wohl ehrgeizigsten Jugendwerk, dem Versepos Die Romanzen vom Rosenkranz - »eine Reihe von romantischen Fabeln, in welcher sich eine schwere, alte Erbsünde mit der Entstehung des Rosenkranzes löst« -, dessen labyrintische Handlung zu keinem Abschluß kommt.
      Die Ãobersiedlung des jungen Ehepaares nach Heidelberg mit dem Freund und »Herzbruder« Achim von Arnim in einen Kreis gleichgesinnter Schriftsteller und Gelehrter führt zu einer fruchtbaren Epoche gemeinsamer Arbeit. Aus der Begeisterung für die alte deutsche Poesie geht die berühmte Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn hervor, eine Kontamination von gesammelter, umgearbeiteter und eigener, nachempfundener Lyrik, die den von den Brüdern Grimm vorgegebenen Maßstab von Kunst- und Volkspoesie überspielt. Als Pendant zu der Volksliedersammlung ist eine altdeutsche Prosasammlung geplant, deren ersten und einzigen Band B. 1809 vorlegt, die Neubearbeitung von Jörg Wickrams Goldfaden.
      Der Tod seiner Frau, eine kurz danach unüberlegt geschlossene Ehe und die Auseinandersetzung mit dem Homerübersetzer Johann Heinrich Voß um die Authentizität der Wunderhorn-Sammlung verleiden B. Heidelberg, das er 1809 zusammen mit Arnim verläßt. Nach einem längeren Aufenthalt in Bayern trifft er in Berlin wieder mit seinem Freund zusammen. Wie in Heidelberg, bewegen sie sich in den gesellig-gelehrten Zirkeln, die sich um die neugegründete Universität gebildet hatten. In Zusammenarbeit mit den befreundeten Brüdern Grimm faßt B. verschiedene Märchenpläne: ein Zyklus von eigenen

Rheinmärchen soll neben die Bearbeitung von Giovanni Basiles neapolitanischen Märchen aus dem 17. Jahrhundert treten; ebenfalls wird die Arbeit an den Romanzen vom Rosenkranz wiederaufgenommen. 1811 verläßt er Berlin; nach Reisen nach Böhmen - dort entsteht das historisch-romantische Drama Die Gründung Prags - und Wien, wo er in den katholischen Kreisen um den Historiker Adam Müller und den Theologen Clemens Maria Hofbauer verkehrt, kehrt er 1814 wieder nach Berlin zurück. Unter dem Einfluß einer unglücklichen Liebe zu der tiefreligiösen Pfarrerstochter Luise Hensel bricht in B. eine lang angestaute Lebenskrise durch; sie stellt ihn vor die Entscheidung zwischen Ã"sthetizismus oder einem bewußten, religiösen Leben. 1817 legt er die Generalbeichte ab und vollzieht damit den endgültigen Bruch mit seinem poetischen Vorleben: »Mein ganzes Leben habe ich verloren, teils in Sünde, teils in falschen Bestrebungen. Meine dichterischen Bestrebungen habe ich geendet, sie haben zu sehr mit dem falschen Wege meiner Natur zusammengehangen.« Nach der Konversion zum Katholizismus sucht B. eine seinen neuen, rigorosen religiösen Vorstellungen entsprechende Aufgabe. 1819 reist er nach Dülmen, um die Visionen der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick aufzuzeichnen. Diese selbstgewählte »Lebensaufgabe« hält ihn bis zum Tod der Nonne 1824 in Westfalen fest. Auf 16000 Folioseiten hat B. als Sekretär der Emmerick ein Material gesammelt, das er bis zu seinem Tod unter hagiographischen Gesichtspunkten bearbeitet: Er beabsichtigte, das Leben Jesu entgegen der zersetzenden Bibelkritik aus dem protestantischen Lager als historische Tatsache nach den aufgezeichneten Visionen und seinen eigenen religiösen Vorstellungen zu beschreiben: »Alles ließ den großartigen Zusammenhang ahnen, daß die heiligende Vorwelt, die entheiligende Mitwelt und die rich-tende Nachwelt sich fortwährend als ein historisches und zugleich allegorisches Drama nach den Motiven und der Szenenfolge des Kirchenjahres vor, in und mit ihr abspielten.« 1833 veröffentlichte er anonym Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi; postum erschienen Das Leben der Heil. Jungfrau Maria und Das Leben unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi . Alle Bücher hatten einen unglaublichen Erfolg; sie machten B. zum berühmten katholischen Erbauungsschriftsteller, dessen poetisches Werk allerdings vergessen war und das er selber als »geschminkte, duftende Toilettensünden unchristlicher Jugend« glaubte diskreditieren zu müssen. In seinen letzten Lebensjahren lebt er in München, dem »Hauptquartier der katholischen Propaganda« , im Kreis seiner Freunde und in enger Beziehung zu dem lugendfreund Joseph Görres, beschäftigt mit der Ausarbeitung der Emmerick-Papiere. Als man ihn drängte, sein poetisches Werk in einer Auswahl herauszugeben, lehnte er dies ab: »Ich habe /u wenig eine öffentliche Basis, als daß ich ein Flora veröffentlichen könnte; ich zittere vor dem Gedanken der Ã-ffentlichkeit und des Geschwätzes darüber.«

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Brentano,  Clemens    





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