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Borchert, Wolfgang



Geb. 20.5.1921 in Hamburg; gest. 20.11.1947 in Basel
B.s Hörspiel- und Dramenfassung von Draußen vor der Tür, in ganzen acht Tagen im Herbst 1946 als ein Vermächtnis der unbequemen Fragen an die deutschnationale Vätergeneration auf dem Totenbett geschrieben, führte zu einer langanhaltenden B.-Mode. Es war geradezu eine akustische Signatur der frühen Nachkriegszeit: die in den Ruinen der Trümmerzeit verhallenden letzten Fragen des Stücks, »Wo ist denn der alte Mann, der sich Gott nennt? Warum redet er denn nicht! ... Gibt denn keiner, keiner Antwort???«, trafen bei allem Anklang an Ernst Tollers Hinkemann und Bertolt Brechts Trommeln in der Nacht mit ihrem unideologischen, existentiellen Pazifismus den Nerv einer Zeit der Heimkehrer und hungernd Ãœberlebenden. B.s eigene, traurig kurze Biographie verlieh den allsonntäglich im Rundfunk und auf den Bühnen widerhallenden Fragen nach der Kriegsverantwortung das moralische Gewicht der reinen Stimme des Opfers; der Versuch seiner Figur Beckmann, die Verantwortung des kleinen, antifaschistischen Landsers für elf Kriegstote seinem vorgesetzten Offizier zurückzugeben, traf nicht nur die Gesinnungslage der frühen Gruppe 47 , er bot vielen Mitläufern »eine wunderbare, wenn auch uneingelöste Entlastung« an . Wie brisant sein Pazifismus dennoch blieb und bleibt, erwies sich in den frühen 1950er Jahren der neuen Bundeswehr, als kräftig ins Dritte Reich verstrickte konservative Kritiker wie Hans Egon Holthusen das Stück als »sauren Kitsch« zu entschärfen versuchten.

      Schon früh konnte es der einzige Sohn eines eher farblosen Volksschullehrers und der ihn stärker pragenden Mecklenburger Heimatschriftstellerin Hertha Borchert in der Hitlerjugend nicht mehr aushalten, auch wenn eine bündische Lagerfeuerromantik seinem frühen Hang zu Rainer Maria Rilke, Georg Trakl und existentieller Naturstimmung entgegenkam. Schon die Kleidung verriet den Bohemien und Nonkonformisten: rote Pompons statt der Krawatte, die vom Hut geschnittene Krempe, das exzentrisch geschnittene lange Haar bedeuteten in einer Zeit unterdrückter Individualität Gefahr. Die starke Mutterbindung bringt auch eine Scheu gegenüber anderen Bindungen an Frauen mit sich, ein unruhiges Wechseln der Partnerinnen, die Suche nach Verständnis bei Älteren, den Künstler in B. fördernden Frauen wie Ahne Bußmann . Bis zum Abitur hält er nicht durch, geht zwei Jahre vordem Abschluß als Lehrling in den Buchhandel, besucht dann heimlich die Schauspielschule Helmuth Gmelins und besteht im März 1941 die Prüfung vor der Reichstheaterkammer, gefolgt von drei glücklichen Monaten bei der Lüneburger Wanderbühne »Landesbühne Osthannover«, wo er Rollen in Volkskomödien übernimmt. Zwischen dem fünfzehnten und dem zwanzigsten Lebensjahr sind unzählige mittelmäßige Gedichte und drei Theaterstücke entstanden, so Yorick, der Narr! , nachdem B. Gustav Gründgens als Hamlet erlebt hatte, Granvella. Der schwarze General und eine skurrile Komödie mit dem Titel Käse. Die Komödie des Menschen . In der Figurengestaltung wird B.s Nietzsche-Lektüre, besonders von Zarathustra, deutlich. Zu B.s Gefängnisleiden und der angeborenen Leberkrankheit, die, lange nicht diagnostiziert, durch Haft und Fronteinsatz im russischen Winter 1941/1942 und den Fußmarsch von Frankfurt nach Hamburg bei Kriegsende zur unheilbaren Organschwache wird — wäre es nicht gekommen, wenn B. nicht immer wieder Pech mit Gesinnungsschnüfflern und Denunzianten gehabt hätte, mit subalternen Vorgesetzten und übertrieben pflichttreuen nationalsozialistischen Briefkontrolleuren. Es beginnt während der Buchhandelslehre mit der merkwürdig anmutenden Beschwerde einer Kollegin, die von »Rieke-Liebe« schwärmende Ode B.s beweise Homosexualität; als sich das Opus als Hommage an Rainer Maria Rilke erweist, hat der 19jährige die erste dunkle Nacht in einem Gestapo-Keller hinter sich und wird in seiner Nazi-Verachtung bestärkt. Die vielen Briefe, die er aus Kaserne und Lazarett schrieb, wurden sämtlich geöffnet und auf Verdächtiges hin überprüft. Als er im Januar 1942 im Raum Klin-Kalinin eine Handverletzung davontrug, war eine »Schmutzige Denunziation« die Folge: B. habe sich die

Verwundung selbst beigebracht. Im Juli 1942, in Nürnberger Untersuchungshaft, wartet er bei Androhung der Todesstrafe sechs Wochen lang auf sein Verfahren. B.s innere Wandlung vom Komödianten, der von einer Laune in die andere fällt, vom exzentrischen Bürgerschreck zum ernsten, ja haßerfüllten Gegner des kruden Kommiß und Militarismus vollzieht sich in dieser Nürnberger Zelle, die er in seiner ersten gelungenen Erzählung Die Hundeblume festgehalten hat. Der Schluß der Erzählung ist, aus der biographischen Situation erklärlich, von außerordentlichen Bildern der Verwandlung - in einen braunen Balinesen - und des Todes beherrscht. Dieser Anklang an das pessimistisch-romantische Credo seiner expressionistischen Vorgänger erscheint in dem kurz darauf geschriebenen Stück Draußen vor der Tür nochmals, wenn die lebensbejahende innere Gegenstimme Beckmanns, der »Andere«, am Ende verstummt: »In einer deshumanisierten und von allem Geist verlassenen Welt tauchen bezeichnenderweise als Ideal und Glücksvorstellung nicht die Freiheit, nicht Individualität und Persönlichkeitssteigerung auf, sondern der Rückzug ins Vorzivilisierte und - schließlich - in die Schmerz- und Namenlosigkeit des Todes« .
      Auch wenn man B. am Ende begnadigte, dann doch wieder zu Gefängnis wegen Staatsgefährdung verurteilte und schließlich wieder, nach verkürzter Haft, der zynischen »Frontbewährung« überließ, seine Gesundheit war unrettbar erschüttert. Nach der Winterschlacht bei Toropez wurde B. mit Fußerfrierungen und Fleckfieberverdacht im Januar 1943 ins Seuchenlazarett Smolensk eingeliefert. Mitte 1943, nach scheinbarer Rekonvaleszenz in Elend , kommt B. krank vor Heimweh und nicht mehr »frontdiensttauglich« nach Hamburg und tritt in der zerstör-ten Stadt im »Bronzekeller« mit Chansons ä la Ringelnatz auf. Nun erschienen pazifistische Gedichte wie »Brief aus Rußland« . Doch der Leidensweg wiederholt sich noch einmal; kurz vor der Abkommandierung an ein Fronttheater kommt es wegen einer Goebbels-Persiflage in der Kaserne zu erneuter Denunziation; er wird ins Gefängnis gesteckt, diesmal bis September 1944 in Berlin-Moabit, jedem der zahllosen Fliegerangriffe schutzlos ausgesetzt. Bis zu einer letzten »Frontbewährung« im Frühjahr 1945 bei Frankfurt a. M., wo die Franzosen B. gefangennehmen; er kann fliehen und wandert zu Fuß die 600 Kilometer nach Hamburg zurück; fiebernd und geschwächt muß er sich vorkommen, wie eine »Marionette« des Systems, erfüllt von einem »schönen, klaren Nihilismus«.
      Noch einmal Kabarett im Herbst 1945, noch ein Versuch zur Theatergründung und Mitarbeit an Helmuth Gmelins Nathan-Inszenierung, dann zwingt ihn das Leberleiden endgültig ins Bett. Alle verbleibende Lebenskralt bäumt sich im Schreiben auf. Draußen vor der Tür begründet mit der Hörspielsendung durch Ernst Schnabel im NWDR am 13. 2. 1947 und der Uraufführung in den Hamburger Kammerspielen B.s Ruhm. Er stirbt nach einem kurzen Basler Krankenhausaufenthalt, den ihm die Verleger Henry Goverts und Carl Oprecht ermöglichten, am 20. November 1947, einen Tag vor der Uraufführung des Heimkehrer- und Anti-kriegsdramas. Das Stück lebt, als expressionistisches Stationendrama und »morality play«, aus der Titelmetapher: »Draußen« der heimkehrende, hungrige, bindungslose, schuldbewußte Soldat, »drinnen« die reuelosen Offiziere und Kriegsgewinnler.
      Alfred Andersch hat vermutet, Ernst Schnabel bestätigt und Manfred Durzak nachgewiesen, wie rasch und virtuos sich B.s bleibende Leistung in der Kurzgeschichte an den amerikanischen Autoren der »Lost generation« und den Klassikern der Gattung, wie O. Henry, orientierte. Es entstanden exemplarische Seismogramme der Trümmerzeit mit ihrer Schuldverdrängung, ihren Hungerproblemen, dem wölfischen Ãœberlebensdrang und der dennoch unverhofft aufblühenden Mitmenschlichkeit inmitten der Ruinen. Einen der letzten Glücksmomente erlebte B. durch den bewundernden Brief, den ihm Carl Zuckmayer wenige Tage vor dem Tod schrieb: »Die Stärke Ihrer Sachen ist, man hätte sie auch aus dem Papierkorb in irgendeinem überfüllten Bahnhofs-Wartesaal herausklauben können, sie wirken nicht wie >Gedrucktes

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Borchert,  Wolfgang    





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