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Büchner, Georg



Geb. 17.10. 1813 in Goddelau bei Darmstadt; gest. 19.2.1837 in Zürich
»Büchners Briefe lesend, muß man sich mitunter mit Gewalt erinnern, daß es nicht die eines Zeitgenossen sind« - so 1978 Volker Braun. Oder 1967, nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg, Heinrich Böll in seiner Büchner-Preis-Rede: »Die Unruhe, die Büchner stiftet, ist von überraschender Gegenwärtigkeit, sie ist da, anwesend hier im Saal. Ãober fünf Geschlechter hinweg springt sie einem entgegen«. B.s Modernität, seine politische wie ästhetische Aktualität hat durchaus Tradition, auch wenn dies, unter Hinweis auf eine in der Tat fulminante »Spätrezeption«, meist unbeachtet blieb: Schon 1837 ist B. für den Jungdeutschen Karl Gutzkow ein »Kind der neuen Zeit«. 1851 erklärt der demokratische Publizist Wilhelm Schulz, B.s Werke ragten »an tausend Stellen ... frisch und unmittelbar« in die nachmärzlich-reaktionäre »Gegenwart« hinein. Dreißig Jahre'später ist er für die deutschen Frühnaturalisten »unser genialer Georg Büchner«, seine die »Ã"sthetik des Häßlichen« vorwegnehmenden Dichtungen werden intensiv und auch produktiv aufgenommen. Wiederum eine Generation weiter feiert ihn der Expressionismus als »unerreichtes Vorbild« . Mit seinem in der kurzen Frist von drei Jahren entstandenen dichterischen Werk ist B. seither für die Weltliteratur wie für das Welttheater richtungweisend geworden, revolutionäre Demokraten erblicken im Mitverfasser des Hessischen Landboten einen Vorläufer, das Interesse auch an seinen philosophischen und naturwissenschaftlichen Schriften hält unvermindert an.

      Herkunft und Elternhaus plazieren B. in das Spannungsfeld zwischen den Relikten der alten Feudalordnung und den Freiheitsbestrebungen der liberalen Epoche. Während die traditionell im Arztberuf tätigen Vorfahren väterlicherseits den Geist des emanzipierten Bürgertums repräsentieren, ist er durch die Verwandtschaft seiner Mutter eng mit dem Absolutismus des 18. Jahrhunderts verbunden, kennt dessen Privilegien und Schwächen. Seit 1816 leben die B.s in Darmstadt, wo der Vater zum Assessor am Großherzoglichen Medizinalkolleg ernannt wird; seine Heirat mit der Tochter eines leitenden Beamten hat ihn in verwandtschaftliche Beziehungen zu den tonangebenden Familien der Stadt gebracht. Bis zum Alter von sieben Jahren erhält B. vermutlich Elementarunterricht durch seine Mutter, an der er »mit liebender Verehrung« hängt . Vier Jahre lang besucht er dann eine private »Erziehungsund Unterrichts-Anstalt«, ehe er 1825 in die Tertia des Großherzoglichen Gymnasiums eintritt, das er bis zum Frühjahr 1831 durchläuft und mit einem »Exemtionsschein« verläßt, in dem ihm »gute Anlagen« und ein »klarer und durchdringender Verstand« attestiert werden. Als z.T. durch die Schule vermittelte, gelegentlich sich im Werk wi-derspiegelnde Lektüre sind für diese Zeit nachgewiesen: Homer, Aischylos, Sophokles, Winckelmann, Bürger, Goethe , Schiller, Matthi-son, Jean Paul, die Brüder Schlegel und Platen; Tieck , Brentano und andere »Hauptromantiker« sowie »alle Volkspoesie, die wir auftreiben konnten« , daneben Byron, Calderon, Werke der französischen Literatur und, besonders ausgiebig, Shakespeare: v. a. Hamlet, Maß für Maß, Macbeth, Julius Caesar und die Heinrichdramen, aber auch Der Kaufmann von Venedig. Aus der Gymnasialzeit sind eine Reihe von überwiegend den republikanischen Heroenkult in den Mittelpunkt stellende Aufsätze bzw. Reden überliefert, Plädoyers für patriotische Ehre und Pflicht, Kühnheit und Größe, etwa der Helden-Tod der vierhundert Pforzheimer oder eine Rechtfertigung des Kato von Utika . In diesen Schülerschriften erweist sich B. bereits als »Vergötterer der Französischen Revolution« , wie sich denn auch in seinem letztem Schulheft neben Notizen über Hieroglyphen heimlich hingekritzelte Verse aus dem Großen Lied der radikalen Gießener Burschenschaft finden . Die Auseinandersetzung mit den deutschen Verhältnissen wird zunehmend konkreter: Einem unter den etwa 15jährigen Gymnasiasten gegründeten »Primanerzirkel« bietet nach dem Zeugnis des Schulfreundes Luck der »residenzliche Culturboden« Anlaß und »er-götzlichen Stoff zu allerlei kritischem und humoristischem Wetteifer in Beur-theilung der Zustände«.
      Am 9. November 1831 immatrikuliert sich B. an der medizinischen Fakultät der Straßburger Academie. Der Studienort ist auf »Wunsch des Vaters« gewählt worden, weil sich hier Aneignung von französischer Lebensart und Wissenschaftsmethode mit bestehenden verwandtschaftlichen Relationen verbinden. Quartier bezieht B. bei der Familie des verwitweten Pfarrers Jaegle, mit dessen Tochter er sich im Frühjahr 1832 heimlich verlobt. Mit Ausnahme von einem dreimonatigen Ferienbesuch in Darmstadt verbringt B. fast zwei Jahre in Straßburg. Der Aufenthalt gibt Gelegenheit, gesellschaftliche Prozesse in einem gegenüber seiner hessischen Heimat fortgeschrittenen politischen System über einen längeren Zeitraum zu verfolgen. B. erlebt in Straßburg modellhaft die wachsende Macht eines neuen »Geldaristokratismus« und ist überzeugt, damit einen Blick in Deutschlands Zukunft getan zu haben, sofern es nicht gelingt, die Interessen der »niederen Volksklassen« gegen den Egoismus der liberalen Bourgeoisie durchzusetzen. Die bis heute bekannten Zeugnisse belegen nur Teilbereiche von B.s Straßburger Aktivitäten: sie zeigen ihn als »hospes« der Theologenverhindung »Fugenia« und als nicht unproblematischen, »absprechend spröden« Begleiter auf einer mehrtägigen Voge-senwanderung, an der ebenfalls überwiegend Theologen teilnehmen. Doch selbst die »Eugenia«-Protokolle spiegeln alles andere wider als nur stille Teilhabe am fidelen Verbindungsleben: »Büchner spricht in etwas zu grellen Farben von der Verderbtheit der deutschen Regierungen«, heißt es am 24. Februar 1832, am 28. Juni verzeichnet das Protokolleine lebhafte Debatte über »das sittliche Bewußtseyn«, über die Strafgesetze, u. über das Unnatürliche unsers gesellschaftlichen Zustandes, besonders in Beziehung auf Reich u. Arm«, und am 5. Juli wagt sich »der so feurige u. so streng republikanisch gesinnte deutsche Patriot« - so sehen ihn seine Freunde aus dem Theologenkreis um die Brüder Stoeber - sogar an die »constitutionelle Verfassung« unter Louis Philippe, die nach B.s Ansicht »nie das Wohl u. das Glück Frankreichs befördern« werde. Mit der »in neuerer Zeit gelernt[en]« Einsicht, »daß nur das nothwendige Be-dürfniß der grossen Masse Umänderungen herbeiführen kann« und »alles Bewegen und Schreien der Einzelnen« dagegen »vergebliches Thorenwerk« sei, kehrt B. im Spätsommer 1833 nach Hessen zurück. Die sich anschließenden beiden Semester an der »Pflichtuniversität« Gießen sind geprägt von den polizeilichen Verfolgungen im Anschluß an den Frankfurter Wachensturm, an dem B. »weder aus Mißbilligung, noch aus Furcht« nicht teilgenommen haben will, sondern weil er »im gegenwärtigen Zeitpunkt jede revolutionäre Bewegung als eine vergebliche Unternehmung« ansehe , von den bedrückenden »politischen Verhältnissen«, nicht nur im Großherzogtum , von einem Widerwillen gegenüber dem inzwischen verhaßten Brotstudium im »abscheulichen« Gießen , und von einem heimlichen »Heimweh« nach Straßburg und der Freundin, die er Ostern 1834 ohne Wissen der Eltern besucht. Die von hier aus erfolgte Bekanntgabe seiner Verlobung löst bei seinem Vater, der mit seiner Strenge schon früh den Keim zu B.s Opposition gelegt hat, »äußerste Erbitterung« aus.
      Inzwischen hat B. den führenden Kopf der oberhessischen Opposition kennengelernt, den Butzbacher Rektor Friedrich Ludwig Weidig, und lebt, bis auf den Umgang mit dem »etwas verlotterten und verlumpten Genie« August Becker, der für Weidig als Emissär arbeitet, sehr zurückgezogen . Im Winter 1833/34 vertieft er sich in die Lektüre der französischen Revolutionsgeschichte, die ihn in der Historie einen »gräßlichen Fatalismus« walten sehen läßt, einen - oberflächlich vom Zufall beherrschten - ewigen Kampf zwischen Privilegierten und Unterdrückten, der 1789 wie 1830 zugunsten der Bourgeoisie entschieden worden war. Jede durchgreifende Revolution mußte also eine soziale sein, mußte gleichsam, wie es in einem späteren Brief an Gutzkow heißt, »von der ungebildeten und armen Klasse aufgefressen werden.« Und obwohl B. wegen der »unabwendbaren Gewalt« und der Unkontrollierbarkeit der weiteren Folgen fast zurückschreckt vor dem revolutionären Handeln, entscheidet er sich im Frühjahr 1834 für die Sozialrevolutionäre Agitation: Gründung einer Darmstädter und einer Gießener Sektion der geheimen »Gesellschaft der Menschenrechte« mit strikt republikanischer und egalitärer Zielsetzung bis hin zur »Gütergemeinschaft«, Entwurf und Verbreitung des Hessischen Landboten: eine »eingreifende Untersuchung« , mit der B. einerseits »die Stimmung des Volks und der deutschen Revolutionärs erforschen«, andererseits zum Aufstand ermutigen will: »Soll jemals die Revolution auf eine durchgreifende Art ausgeführt werden, so kann und darf das bloß durch die große Masse des Volkes geschehen, durch deren Ueberzahl und Gewicht die Soldaten gleichsam erdrückt werden müssen. Eshandelt sich also darum, die große Masse zu gewinnen, was vor der Hand nur durch Flugschriften geschehen kann.« Verrat und erpreßte Geständnisse, aber auch Vorbehalte Weidigs und anderer führender Oppositioneller lassen B.s Konzept scheitern.
      Im September 1834 kehrt B. nach Darmstadt zurück. Während er sich nach außen hin auf Druck des Vaters mit fachwissenschaftlicher Lektüre beschäftigt, beteiligt sich die von ihm geleitete Darmstädter Sektion der »Gesellschaft der Menschenrechte« an Geld-sammlungcn für die Anschaffung einer Druckpresse zur heimlichen Flugschriftenherstellung und, vordringlich, an Plänen zur Befreiung der politischen Gefangenen, die schon bis zur Beschaffung eines Betäubungsmittels und von Nachschlüsseln gedeihen. Gleichzeitig erfolgt die Niederschrift des Revolutionsdramas Dantons Tod, in dem B. ein »wirklichkeitsnahes Bild« der historischen Situation , die B. in vieler Hinsicht als modellhalt erkannte, wie der »Gesellschaftstotalität« des Jahres 1794 zeichnet. Widersprüche und Konflikte werden offengelegt, »die Motive der Handelnden erscheinen zweideutig«, dem Zuschauer fällt die Entscheidung über »Recht und Unrecht« schwer - kein Drama der revolutionären Begeisterung, sondern der Probleme und Grenzen einer »politischen« Revolution, welche die Gleichheit aller postuliert und die Grundlage der Ungleichheit, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, unangetastet läßt: das Volk hungert weiter.
      Anfang des Jahres 1835 erhält B. mehrere gerichtliche Vorladungen, denen er jedoch keine Folge leistet; einer Verhaftung kommt er durch Untertauchen zuvor, woraufhin er behördenintern »wegen Hochverrat mit Steckbriefen verfolgt« wird. Noch bevor Ende März der Frankfurter Phönix, an dessen Verleger J.D. Sauerländer und Feuille-tonredakteur Karl Gutzkow er sich in separaten Briefen gewandt hatte, mit dem auszugsweisen Druck des Dramas beginnt, flieht B. nach Straßburg, wo er zunächst inkognito, mit den Papieren eines elsässischen Weinkellners, lebt. Die im Großherzogtum gegen ihn laufenden Ermittlungen werden mit dem 18. Juni durch einen Steckbrief in der Lokalpresse öffentlich gemacht. Der Buchdruck von Dantons Tod, den der Phonix-Redakteur Eduard Duller mit dem tendenziös-verharmlosenden Untertitel Dramatische Bilder aus Frankreichs Schreckensherrschaft versieht, erfolgt ohne B.s Mitwirkung, aber auch ohne behördliche Beanstandung: Umsichtig-zensorische Eingriffe Gutzkows haben das Manuskript druckfähig gemacht. Ein nachträgliches Verbot erfolgt nicht, obwohl eine Pseudonyme Rezension in der Beilage der Dresdner Abend-Zeitung geradewegs dazu auffordert.
      Im Straßburger Exil übersetzt B. für Sauerlander die Victor-Hugo-Dramen Lucrece Borgia und Marie Tudor, Brotarbeiten, die ihm - wie der Danton -bescheidene 100 Gulden Honorar einbringen. B.s Ãobersetzungen sind drastischer, lakonischer, aber auch subtiler als das Original; das Pathos der französischen Schauerromantik wird hier auf ein Minimum reduziert. Eine »Novelle« über den Aufenthalt des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz bei dem philanthropischen Pfarrer Johann Friedrich Oberlin im elsässischen Steintal, die Fallstudie eines künstlerischen, psychischen und damit auch sozialen Grenzgängers, in der B. durch die mitempfindende Darstellung einer schizophrenen Psychose und die am Rande formulierten Grundsätze seiner antiidealistischen Ã"sthetik literarisches Neuland betritt, bleibt trotz mehrfacher Ermunterungen Gutzkows unvollendet. Statt dessen wirft B. sich mit aller Gewalt in das »Studium der Philo-sophie«: es entstehen die Schriften über Cartesius und Spinoza und Teile seiner kommentierten Auszüge aus Wilhelm Gottlieb Tennemanns Geschichte der griechischen Philosophie.
      Als Thema seiner Dissertation wählt B. jedoch einen »naturhistorischen Gegenstand«: Für die zuerst in der Straßburger »Societe du Museum d'histoire naturelle« vorgetragene, erst 1837 erschienene Abhandlung Sur le Systeme nerveux du Barbeau wird ihm am 3. 9. 1836 von der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich die »Doktorwürde« verliehen. Parallel dazu verfaßt B., als Wettbewerbsbeitrag zur »Preisaufgabe« des Cotta-Verlags »für das beste ein- oder zweiaktige Lustspiel«, die Komödie Leonce und Lena, deren »Grundstimmung« blanker »Haß« ist, Wut über die deutschen »Verhältnisse« im System des Spätabsolutismus. Da B., der von Besuchern zu dieser Zeit als nervös-aufgeregt und erschöpft erlebt wird, den Einsendeschluß um zwei Tage verpaßt, erhalt er sein Manuskript »uneröffnet« zurück.
      Gewissermaßen als Gegenstück zum >höfischen< Lustspiel entwirft B. ein »bürgerliches Trauerspiel« , in dessen Mittelpunkt-erstmals in der deutschen Literaturgeschichte - die Figur eines »pauper« steht, der Stadtsoldat Woyzeck, der im Zustand physischer wie psychischer Zerrüttung seine Geliebte ersticht. Der sozialen Tragödie liegt, »wie dem Hessischen Landboten, ein System zugrunde: das System der Ausbeutung, Unterdrük-kung und Entfremdung ... Es ist seine Armut«, die Woyzeck »rettungslos ausliefert, und es ist die bis zum Extrem gesteigerte entfremdete Arbeit, die ihn erdrückt ... Vom >Mord durch Arbeit< haben wir in Dantons Tod nur gehört, im Woyzeck sehen wir ihn als dramatische Wirklichkeit« . Das titellose Fragment bleibt jahrzehntelang ungedruckt und wird erst 1875 von Karl Emil Franzos veröffentlicht.
      Mit dem unsicheren Status eines politischen Flüchtlings versehen, siedelt B. im Oktober 1836 nach Zürich über. Von den dortigen Professoren, vor allem Lorenz Oken, gefördert und seit einer »Probevorlesung« als Privatdozent zugelassen, gibt B., vor meist nur einem einzigen Zuhörer, »zootomi-sche Demonstrationen«. Neben den Vorbereitungen für das Sommersemester entsteht in Zürich die Fassung letzter Hand von Leonce und Lena; eine Weiterarbeit an Woyzeck ist nicht belegt. Ein viertes Drama B.s, das erstmals 1850 von seinem Bruder Ludwig erwähnt wird und den Renaissanceschriftsteller Pietro Aretino zum Mittelpunkt gehabt haben soll, ist unter Umständen nur Legende.
      In dieser Phase produktivster Anstrengung fällt B. am 19. 2. 1837 einer Typhusinfektion zum Opfer. »Mit einer flüchtigen Bemerkung auf seinem To-desbette: >Hätte ich in der Linabhängig-keit leben können, die der Reichthum gibt, so konnte etwas Rechtes aus mir werden< - wies er selbst auf den tieferen, auf den sozialen Grund seines frühzeitigen Todes. Aber selbst seine nächste Umgebung konnte sein baldiges Ende nicht ahnen; denn B., der Proletarier der geistigen Arbeit und das Opfer derselben, hatte sich lächelnd zu Tode gearbeitet« .
     

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