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Bachmann, Ingeborg



Geb. 25.6.1926 in Klagenfurt; gest. 17.10.1973 in Rom
Vom schrillen Mißklang einer politischen Katastrophe wurde sie als Elfjährige geweckt. Adolf Hitler ließ Mitte März 1938 deutsche Truppen in Ã-sterreich einmarschieren und vollzog damit den Anschluß an das Deutsche Reich: »Es hat einen bestimmten Moment gegeben, der hat meine Kindheit zertrümmert. Der Einmarsch von Hitlers Truppen in Klagenfurt. Es war so etwas Entsetzliches, daß mit diesem Tag meine Erinnerung anfängt: Durch einen zu frühen Schmerz, wie ich ihn in dieser Stärke vielleicht überhaupt nicht mehr hatte ... Diese ungeheuerliche Brutalität, die spürbar war, dieses Brüllen, Singen und Marschieren - das Aufkommen meiner ersten Todesangst.« Diese Todesangst hat ihr Leben und ihr Werk gezeichnet - der Roman Malina von 1971 aus dem unvollendet gebliebenen Zyklus Todesarten und ihr qualvoller Tod bezeugen es.

      Sie ist zusammen mit zwei Geschwistern im kleinbürgerlichen Haushalt eines Lehrers und späteren Hauptschuldirektors in Klagenfurt aufgewachsen, besuchte die Volksschule, das Bundesrealgymnasium, schließlich die Oberschule für Mädchen, wo sie 1944 die Matura ablegte. Im Wintersemester 1945/46 begann sie das Studium der Philosophie, das sie mit den Nebenfächern Psychologie und Germanistik 1950 in Wien abschloß, mit einer Dissertation über Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers. Zu schreiben hat sie begonnen »in einem Alter, in dem man Grimms Märchen liest«; 1948/49 werden erste Gedichte von ihr veröffentlicht. Anfang

1951 liest sie in London bei einer Veranstaltung der »Anglo-Austrian Society« aus ihren Gedichten vor, 1952 folgt die Ursendung ihres Hörspiels Ein Geschäft mit Träumen durch den Wiener Sender Rot/Weiß/Rot, bei dem sie inzwischen als Redakteurin angestellt ist. Noch im selben Jahr wird ihr Gedichtzyklus Ausfahrt veröffentlicht, erhält sie eine erste Einladung von Hans Werner Richter, während der Niendorfer Tagung der Gruppe 47 zu lesen. Inmitten einer männlichen Schriftstellergenera-tion, die, kaum älter, verhärtet, verzweifelt gerade den vielfältigen Schrecken und Todesgefahren des Dritten Reichs entkommen ist, haben ihre im Namen der Liebe ausgesprochenen Untergangsund Auferstehungsvisionen - zunächst unsicher vorgetragen - einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Hier wagte jemand, mutig und unbeirrt, wenngleich voller Zweifel, in weit ausgreifenden kosmischen, antikisierenden, biblischen Gebärden von der Verletzbarkeit und der Heilung des menschlichen Herzens zu sprechen: »Reigen - die Liebe hält manchmal/im Löschen der Augen ein,/und wir sehen in ihre eignen/erloschenen Augen hinein./ ... /Wir haben die toten Augen/gesehn und vergessen nie./Die Liebe währt am längsten/und sie erkennt uns nie.« Diese Signatur der Gebrochenheit, mit der sie zurück und nach vorn blickt, trägt ihr ein Jahr später den Preis der Gruppe 47 ein, als ihr erster großer Gedichtband Die gestundete Zeit erscheint. Die bis dahin unerhörte Radikalität der Liebe spricht auch aus ihrem zweiten Gedichtband Anrufung des Großen Bären, den sie 1956 veröffentlicht. Mit der ihr eigenen Geste des Warnens und der prophetischen Vorausschau, der Beschwörung der Natur und der Liebe als dem letzten Halt des Menschen, der in »gestundeter Zeit« lebt, schreibt sie ihr eigenes Kapitel in der Lyrikgeschichte der 1950er Jahre. Als geistige Landschaft, als seelische Heimat benennt sieden Süden, den sie erstmals 1952 mit ihrer Schwester Isolde bereist hat, als »erstgeborenes Land«, in dem ihr »Leben zufiel«; was sie daran faszinierte, war der unmerkliche, träumerische Ãobergang vom Topographischen zum Mythischen, der ihrer Sehnsucht nach Betäubung vollkommen entsprach. In einer Notiz zu dem Gedicht In Apulien hat sie dieses Ãobergängige bezeichnet: »Natürlich war ich in Apulien; aber In Apulien ist etwas anderes, löst das Land auf in Landschaft und führt sie zurück auf das Land, das gemeint ist. Es gibt wunderschöne Namen für die Ursprungsländer, die versunkenen und die erträumten, Atlantis oder Orplid ... Ich bin nicht sicher, ob es noch in Apulien oder schon in Lukanien war, als ich aus dem Zugfenster sah, in einen Olivenhain, auf einen riesigen Mohnteppich, der bis an den Horizont lief. In einem solchen Moment zündet man sich eine Zigarette an, oder man drückt sich an die Waggonwand, weil einer vorbei will; vielleicht war es aber auch nicht dieser unbedachte Moment, sondern der, in dem In Apulien geschrieben wurde. Der Prozeß besteht aus vielen Faktoren, aus Schreiben, Denken mit einer fortschreitenden Konzentration, die wieder in Schreiben mündet.«
1952 während der Niendorfer Tagung der Gruppe 47 hat sie den gleichaltrigen Komponisten Hans Werner Henze kennengelernt und sich in ihn verliebt. Sie schreibt Opernlibretti für ihn und sucht mit ihrer Liebe zu Henze einen Ausweg aus der Verzweiflung an der Sprache, die sie bis zum gefühlsgeladenen Verstummen treibt: »daß wir mit unserer Sprache verspielt haben, weil sie kein Wort enthält, auf das es ankommt«. In ihrer an Heinrich von Kleist erinnernden Unbe-dingtheit des Gefühls scheitert sie an Henze, wie später, von 1958 bis 1962, an Max Frisch, der seine ebenso bedrohte wie verletzte Eitelkeit als Schriftsteller in Montauk dokumentiert hat. Daß eine Frau nicht nur schrieb, was sie dachte und empfand, sondern damit radikal ernstzumachen suchte, war für die zünftige - selbst die schreibende -Männerwelt der 1950er und 60er Jahre offensichtlich ein Schritt, auf den sie nicht vorbereitet war.
      Die B. hat seit 1953, von kurzen Unterbrechungen abgesehen , in Italien, vornehmlich in Rom, gelebt. Sie ist viel gereist, hat übersetzt, u.a. die hermetischen, vielschichtigen Gedichte von Guiseppe Un-garetti, hat das Drama Herrschaftshaus des Engländers Thomas Wolfe für den Hörfunk bearbeitet, Essays und Hörspiele geschrieben. Im Wintersemester 1959/60 ist sie die erste Gastdozentin auf dem soeben geschaffenen Poetiklehrstuhl der Universität Frankfurt a.M. und hält eine Vorlesung über die Probleme zeitgenössischer Dichtung, die sie in Anlehnung an den von ihr hochgeschätzten Robert Musil in der Behauptung von »Literatur als Utopie« gipfeln läßt: »Es gilt weiterzuschreiben. Wir werden uns weiterplagen müssen mit diesem Wort Literatur und mit der Literatur, dem, was sie ist und was wir meinen, das sie sei, und der Verdruß wird noch oft groß sein über die Unver-läßlichkeit unserer kritischen Instrumente, über das Netz, aus dem sie immer schlüpfen wird. Aber seien wir froh, daß sie uns zuletzt entgeht, um unsertwillen, damit sie lebendig bleibt und unser Leben sich mit dem ihren verbindet in Stunden, wo wir mit ihr den Atem tauschen.« Dieser entschlossene Appell an die Sache der Literatur erscheint zwiespältig, wenn man die Bestandsaufnahme betrachtet, welche die B. von den rückschrittlich-fortschrittlichen 1950er Jahren macht: »In der Nachgeburt der Schrecken/Sucht das Geschmeiß nach neuer Nahrung.« Es ist das lang anhaltende Entsetzen, das sie an dieser scheinbar unangebrachten
Stelle wieder einholt, ein seit dem Schicksalsjahr 1938 im Zeichen der Liebe zurückgedrängter Zorn, eine bewußt kleingehaltene Trauer, die sich angesichts der Wirklichkeit, in der das Leben der B. zu leben ist, immer deutlicher mit den Momenten der Angst und des Ekels verbindet. Zwar hält sie diesem tödlichen Gefühl der Vereinzelung und Vereinsamung bis zuletzt eine utopische Entgrenzungssehnsucht und eine bisweilen klassisch-antike Feier des Irdischen entgegen: »nichts Schönres unter der Sonne/als unter der Sonne zu sein«, doch zeichnet sich mit ihrem Erzählungsband von 1961, Das dreißigste Jahr, ein Rückzug aus der »Utopia« des Gedichts und ein Schritt auf eine neue Menschlichkeit hin ab, die jenseits des »Reichs der Männer und jenseits des Reichs der Frauen« liegt. Sie hat damit eine neue, weibliche Form des Schreibens gefunden, deren Richtung zwar bis heute erahnt wird, unter anderem durch Christa Wolf, aber bei weitem nicht konsequent begangen worden ist. Hatten in der Erzählung Unter Mördern und Irren die Frage nach dem Sinn von Opfer und Widerstand und in der gleichnamigen Titelgeschichte des Dreißigsten Jahrs die Folgenlosigkeit des persönlichen Widerstands im Mittelpunkt gestanden, so war die B. jetzt noch einen Schritt weitergegangen: Ihre letzten Endes versöhnlichen, beschwichtigenden Rufe schienen aus einer anderen Welt zu kommen, waren kaum noch zu verstehen, kaum noch zu befolgen.
      Danach hat die B. lange Jahre geschwiegen, es folgten Zeiten ausgedehnter Reisen und öffentlicher Ehrungen . Nach nahezu zehn Jahren veröffentlicht sie 1971 ihren Roman Malina, mit dem sie den Zyklus Todesarten eröffnen will. Zwar glaubt sie in diesem im wesentlichen autobiographischen Roman noch an den Tag, »an demwerden die Menschen schwarzgoldene Augen haben, sie werden die Schönheit sehen, sie werden vom Schmutz befreit sein und von jeder Last«, aber sie rechnet auch in einem exakt-bedrängenden Seelendiagramm mit der faschistischen Vaterwelt ab, der sie entstammt und die sie noch heute lebendig glaubt: »Ich wollte zeigen, daß unsere Gesellschaft so krank ist, daß sie auch das Individuum krank macht. Man sagt, es stirbt. Doch das ist nicht wahr: Jeder von uns wird letzten Endes ermordet. Diese Wahrheit nebelt man in der Regel ein und nur bei einer Bluttat sprechen die Zeitungen davon. Das weibliche Ich meines Buches wird fortwährend in vielen >Todesarten< ermordet. Doch fragt niemand, wo dieses Töten beginnt. Auch die Kriege sind in meinen Augen nur die Konsequenz dieser verborgenen Verbrechen.« Mit diesem Roman, bei dem sie sich von ihrem Vater/Geliebten in die »Größte Gaskammer der Welt« eingeschlossen fühlt, sollten als Fortsetzung des Versuchs, »sich selbst zur Sprache zu bringen«, nach dem Er/ählungsband Simultan von 1972 Der Fall Franza und Requiem für Fanny Goldmann erscheinen. Der Tod hat diese Absicht vereitelt. Sie ist der offiziellen Version nach an den Folgen eines »Brandunfalls« gestorben. Demnach nahm sie in der Nacht auf den 26. September 1973 zunächst ein Beruhigungsmittel, dann legte sie sich mit einer brennenden Zigarette ins Bett. Sie schlief ein, Bett und Nachthemd fingen Feuer - als sie aufschreckte, war ihre Haut in großen Flächen verbrannt -jede Hilfe kam zu spät. Als hätte sie das Bezwingende, Geheimnisvoll-Konsequente ihrer Dichtung in das eigene Sterben - auch dieses noch gestaltend -hinüberretten und damit bewahrheiten wollen, läßt sie ihren Roman Malina enden: »Schritte, immerzu Malinas Schritte, leiser die Schritte, leiseste Schritte. Ein Stillstehen. Kein Alarm, keine Sirenen. Es kommt niemand zu Hilfe. Der Rettungswagen nicht undnicht die Polizei. Es ist eine sehr alte, eine sehr starke Wand, aus der niemand fallen kann, die niemand aufbrechen kann, aus der nie mehr etwas laut werden kann.«
Malina blieb der einzige Text des Todesarten-Projekts, der zu Lebzeiten der B. erschien. Seinen Ausgang hatte das Projekt - damit zurücklenkend auf B.s kindheitliche Erlebnisse 1938 auf den Straßen Klagenfurts - vermutlich von einem Essay Theodor W Adornos genommen, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit , der sich mit dem Nachleben des Nationalsozialismus im sozialpsychischen Haushalt der neuen demokratischen Staats- und Gesellschaftsformationen nach 1945 befaßte und skeptisch anmeldete, daß mit 1945 nicht schlagartig alles Vorbei gewesen sein könne, der »neuen« Demokratie und dem -»neuen« Menschen gründlich mißtrauend. Unser »alltäglicher Faschismus«, die kleinen, verborgenen, sich tagtäglich ereignenden Verbrechen sollten im Todesarten-Projekt ihren erzählerischen Orl linden. Vermutlich 1962 in der Klausur ihrer Wohnung im schweizerischen Uetikon am See begonnen, sollte es sich zusammensetzen aus Ein Ort für Zufälle , Das Buch Franza , Requiem für Fanny Goldmann , Wienerinnen , den Simultan-Erzählungen und Gier . Als Buchausgabe erschien der Todesarten-Zyklus, aus dem Nachlaß herausgegeben, erst 1995.
     

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Bachmann,  Ingeborg    





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