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Arnim, Achim von



Geb. 26.1.1781 in Berlin; gest. 21.1.1831 in Wiepersdorf
»Von Rechts wegen sollte dieses Büchlein in jedem Hause ... am Fenster, unterm Spiegel, oder wo sonst Gesang-und Kochbücher zu liegen pflegen, zu finden sein, um aufgeschlagen zu werden in jedem Augenblick der Stimmung oder Unstimmung.« Johann Wolfgang Goethe stand 1806 mit seiner Begeisterung über den gerade erschienenen ersten Band von Des Knaben Wunderhorn nicht allein. Diese Sammlung »alter deutscher Lieder« beeinflußte nachhaltig die Lieddichtung der deutschen Romantik und wirkte noch auf die nachfolgenden Balladendichter . Wie kaum ein anderes Werk ist das Wunderhorn Ergebnis einer Freundschaft zwischen zwei Menschen, den Schriftstellern Clemens Brentano und A., die sich zum ersten Male 1801 als Studenten an der Universität Göttingen begegnen. Beide haben gleichartige künstlerische Neigungen und Interessen entwickelt, in jungen Jahren Zugang zum Kreis der Frühromantiker gefunden; aus enger Geistesverwandtschaft erwächst langanhaltende Freundschaft, die Spuren im dichterischen Werk beider Autoren hinterläßt. A., altem brandenburgischen Adel entstammend, wächst als Halbwaise bei der Großmutter in Berlin auf, da der Vater zunächst als preußischer Diplomat unterwegs ist, dann die Leitung der Berliner Oper übernimmt und sich später nur um die Bewirtschaftung des eigenen Gutes in der Uckermark kümmert. Der »trübe gepreßten Luft einer zwangvollen Kin-derstube« entzieht sich A. durch die Flucht in »allerlei Gelehrsamkeit«, beschäftigt sich besonders mit deutscher und Weltgeschichte sowie aufklärerischer Philosophie, erwirbt Kenntnisse und bildet Neigungen aus, die später zur Grundlage seines erzählerischen und dramatischen Werkes werden. 1798 beginnt A. in Halle Jurisprudenz zu studieren, interessiert sich aber mehr für Naturwissenschaften und romantische Naturphilosophie. Als häufiger Gast im Hause des bekannten Komponisten Johann F. Reichardt auf dem Gie-bichstein trifft er mit Ludwig Tieck und anderen bekannten Autoren der Frühromantik zusammen. Als A. im Jahr 1800 nach Göttingen geht, sind ihm die Künste schon wichtiger als die Wissenschaften, arbeitet er bereits, angeregt von Goethes Werther, an seinem ersten Roman, Hollins Liebesleben . Gespräche mit Goethe selbst wie mit anderen Dichtern bestärken ihn in seiner Hinwendung zur Poesie. 1802 besucht A. in Frankfurt a. M. den Freund Clemens Brentano, an dessen Schwester Bettine ihn bald ein herzliches, dauerhaftes Verhältnis bindet, das 1811 zur Eheschließung führt. A., dessen Wesen etwas »wohltuend Beschwichtigendes« hat , unternimmt mit dem lebhaften Brentano im Juni 1802 von Frankfurt a. M. aus eine Rheinfahrt, die für die schriftstellerische Arbeit der kommenden Jahre zum Schlüsselerlebnis wird. In der lebensprallen Atmosphäre eines Marktschiffes fühlen sich die beiden als »fahrende Spielmänner«, werden »im Gesänge der Schiffer von tausend Anklängen der Poesie berauscht«, erliegen der Faszination des Volksliedes. A. sucht jetzt mündlich Ãoberliefertes, sammelt Bücher und Flugschriften mit volkstümlichen Liedern, trägt auf einer großangelegten Bildungsreise, die ihn durch die Schweiz, Frankreich, England führt, weiteres Material zusammen. Nachmehrjähriger Sammelarbeit beschließen die Freunde die Herausgabe eines »wohlfeilen Volksliederbuches«, von dem 1805 der erste Band erscheint. Mit Des Knaben Wunderhorn wollte A. aber weniger eine authentische Textsammlung bieten, sondern vielmehr ein »Denkmal deutschen Geistes« errichten. Stärker als Brentano neigt A. zur Neubearbeitung, dichtet Texte willkürlich um, paßt sie dem Zeitgeschmack an, um so mit »alten deutschen Liedern« ein Bollwerk aufzubauen gegen das »gewaltsame Vordringen neuer Zeit und ihrer Gesinnung«, wozu für A. besonders der Geist der Französischen Revolution gehört. Als Beitrag zur Entwicklung eines »vaterländischen« Bewußtseins sollen die gesammelten Volkslieder eine gemeinsame kulturelle Basis schaffen und damit auch politische Einigkeit ausdrücken. Anders als die Frühromantiker begeistern sich Brentano und A., die zwischen 1805 und 1808 in Heidelberg einen Zirkel gleichgesinnter Freunde und Autoren um sich scharen , nicht aus ästhetischen, sondern aus nationalistischen Gründen für die altdeutsche Kunst und das Mittelalter. In seiner Zeitung für Einsiedler bringt A., neben den zur »Heidelberger Romantik« gerechneten Autoren, altdeutsche Prosa, um über politisch Trennendes hinweg das »gemeinsam Volksmäßige« bewußt zu machen. Die nationale Gesinnung jüngerer deutscher Autoren erhält durch Napoleons Eroberungskriege in diesen Jahren Auftrieb; durch die Niederlage Preußens bei Jena und Auerstedt fühlt sich auch A. betroffen und verfaßt vaterländische Lieder für das Militär. Zu Beginn der Befreiungskriege läßt er sich 1813 sogar zum Hauptmann eines preußischen Landsturmbataillons machen. In Berlin beteiligt sich A. 1811 an der Gründung der »Christlich-Deutschen Tischgesellschaft«, einem privaten, patriotischen Gesprächskreis von Bildungsbürgern, Kaufleuten und Adligen mit unterschiedlichsten Vorstellungen über die politische Erneuerung Preußens. A. stellt zwar selbst auch die Legitimität des Geburtsadels in Frage, verklärt aber in seinen Dichtungen vergangene, hierarchisch gegliederte feudale Gesellschaftsstrukturen. Sein unvollendet gebliebener Roman Die Kronenwächter idealisiert einen »von Gott Begnadeten«, der »alle Deutschen zu einem großen friedlichen gemeinsamen Leben vereinigen wird«. Durch die Fülle anschaulichen historischen Materials aus dem 16. Jahrhundert wird diese ansonsten etwas »verworrene« Geschichte einer Geheimgesellschaft, welche die Krone des künftigen Kaisers schützt, zu einem der ersten bemerkenswerten deutschen historischen Romane. Seine mit zunehmendem Alter konservativer werdende Weltsicht verschließt A. aber nicht den Blick für die grundlegenden gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit. In seiner vielschichtigen Novelle Die Majoratsherren widerspiegeln sich gleichermaßen Untergang und Verfall einer überlebten Feudalgesellschaft wie die kritisch betrachtete Herausbildung kapitalistischer Wirtschaftsverhältnisse. Etwas resignierend wegen ausbleibender Verkaufserfolge zieht sich A. 1814 aufsein Gut nach Wiepersdorf zurück, lebt vorwiegend als Gärtner und Landwirt, schreibt daneben für Zeitungen und Unterhaltungsjournale. Mit dem Wunderhorn und seinen Novellensammlungen hat sich A. zwar »ein Renommee unter Literaten« erworben, ist aber »im Volk ... ganz unbekannt« geblieben, obwohl er »so schön und golden wie weder Tieck noch Novalis« zu träumen versteht . Mit seiner überquellenden Phantasie nimmt A. Bilder, Motive und Erzählweisen vorweg, die später bei anderen Autoren und in trivialisierter Form publikumswirksam werden.

     

 Tags:
Arnim,  Achim    





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