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Andersch, Alfred



Geb. 4.2.1914 in München; gest. 21.2.1980 in Berzona
A. entstammt einer Generation, die zu ihrem Selbstbewußtsein gelangte, als die Weimarer Republik bereits deutliche Auflösungserscheinungen zeigte und die Nationalsozialisten ihren Herrschaftsanspruch anzumelden begannen. Diese Generation wuchs inmitten eines dramatischen kulturellen Bruchs auf zwischen einer auf die Individualität ausgerichteten bürgerlichen Welt und der neuen Ideologie der Volksgemeinschaft, die der Auffassung vom souveränen Einzelnen widersprach, ja, seine endgültige und vollständige Vernichtung meinte. Ihre Alternative bestand nicht in innerer Emigration oder Exil, sie mußte standhalten mit neuromantischem Blick zurück, mit völlig ungewisser Zukunft. Mit dem Kriegsende 1945 konnte sie nicht, wie die ganz junge Generation der Notabiturienten und Flakhelfer, bei >Null< beginnen. Es blieb ihr auch nicht der Rückgriff auf den spätexpressionistischen Ã"sthetizis-mus, die sozialistisch-kommunistische Parteilichkeit, die im Exil überlebt hatte, oder den Kulturkonservatismus, der sich während des Dritten Reichs fastunsichtbar verschanzt hatte. Diese Generation saß ideologisch, sprachlich, literarisch zwischen allen Stühlen. Dies erklärt, weshalb sie sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs demokratisch engagierte, aber auch dem Existenzia-lismus anhing, zu politischem Fatalismus neigte und sich den hämischen Vorwurf der Besinnung auf das >Eigent-liche< am Menschen einhandelte.
      A. ist noch inmitten wilhelminischer Verhältnisse aufgewachsen. Der streng autoritäre, rechtskonservative Vater schickt ihn auf das Witteisbacher Gymnasium in München, das er wegen schwacher Mathematik- und Grie-chisch-Leistungen vorzeitig verlassen muß. Von 1928 bis 1930 absolviert er eine Buchhandelslehre; sein Lehrherr Lehmann ist wie A.s Vater Mitglied der ultrakonservativen Thulegesellschaft, die sich im Kampf gegen die Münchner Räterepublik einen Namen gemacht hat, antisemitische Propaganda betreibt und offen die NSDAP unterstützt. Im Anschluß an seine Ausbildung als Buchhändler ist A. - von 1931 bis 1933 -arbeitslos. Er betätigt sich im Kommunistischen Jugendverband und leitet dessen Organisation in Südbayern. Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 wird er verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau gebracht, im Mai entlassen, im Herbst nochmals verhaftet und anschließend unter die Aufsicht der Gestapo gestellt. A. findet Arbeit als Büroangestellter, heiratet Angelika Albert, zieht nach Hamburg, weil er dort, durch die Alberts gefördert, Leiter der Werbeabteilung einer Photopapierfabrik werden kann. 1940 wird er als Bausoldat eingezogen und ist in Frankreich stationiert. Er wird für kurze Zeit aus der Wehrmacht entlassen, setzt seine 1939 in Hamburg begonnenen Schreibversuche fort - die Kölnische Zeitung veröffentlicht im April 1944 Erste Ausfahrt. A. wird erneut eingezogen und desertiert am 6. Juni 1944 in Süditalien. Er läuft zu den Amerikanern über und wird im August in die USA gebracht. Im Kriegsgefangenenlager Fort Kearney schreibt er zahlreiche Beiträge für den Ruf, eine Zeitschrift für die deutschen Kriegsgefangenenlager in den USA, die er 1946 zusammen mit Hans Werner Richter auf deutschem Boden neu herausgeben wird. Nach seiner Enttäuschung an der Kommunistischen Partei trägt ihn nun der Glaube an die »Vier Freiheiten« Franklin D. Roose-velts, an Religionsfreiheit, Redefreiheit, Befreiung von Not und Furcht, in deren Zeichen die Welt nach dem Sieg über Hitler-Deutschland neu geordnet werden soll.
      Die Wirklichkeit nach 1945 hat sich als weitaus bescheidener und komplizierter erwiesen. Mit den Augen von Jean-Paul Sartres Orest kehrt A. in die Trümmerlandschaft Deutschlands zurück: »Blutbeschmierte Mauern, Millionen von Fliegen, ein Geruch wie von Schlächterei ... verödete Straßen, ein Gott mit dem Gesicht eines Ermordeten, terrorisierte Larven, die sich in der dunkelsten Ecke ihrer Häuser vor die Brust schlagen. Das war Deutschland.« Sein Glaube an eine Synthese von Freiheit und Sozialismus die sich nicht zuletzt in der Redaktionspolitik des Ruf niedergeschlagen hat, zerbricht rasch an den Gegebenheiten des zwischen der Sowjetunion und den westlichen Alliierten ausgebrochenen Kalten Kriegs. Sein Begriff des Engagements, für deutsche Ohren neu, reduziert sich für ihn auf das dem Einzelnen existentiell Mögliche, auf Literatur . Ein biographischer Grund hat bei diesem Konzept den Ausschlag gegeben, A.s Einsicht in das Versagen der Kommunistischen Partei im Widerstand gegen Hitler, gegen den Faschismus, das er später auch als eigene, persönliche Schuld, als Ausweichen vor der Entscheidung zu erkennen gegeben hat: »Ich werfe mir vor, daß ich nicht am spanischen Bürgerkrieg teilgenommen habe. Ich hattein einem deutschen KZ gesessen, ich war aus ihm entlassen worden, es wäre nicht schwer gewesen, über die deutsche Grenze zu gehen und in den spanischen Krieg zu ziehen. Ich habe eine feine Entschuldigung: ich bin überhaupt nicht auf die Idee gekommen ... daß ich nicht ein einzigesmal daran gedacht habe, es zu tun, ist eigentlich unentschuldbar«. Er ist von Anfang an hellwach bei den Lesungen der Gruppe 47 dabei, die für das neue literarische Selbstverständnis stehen soll, leitet von 1948 bis 1950 das »Abendstudio« des Senders Frankfurt a. M. und wirkt damit stilbildend für die nachfolgenden literarisch-essayistischen Abend- und Nachtprogramme; er propagiert in seinem Programm -wie später mit dem kritisch-progressiven »radio essay« des Senders Stuttgart von 1955 bis 1958 - nicht nur die junge deutsche Schriftstellergeneration, sondern versucht auch, seine Hörer an die infolge des nationalsozialistischen Kahlschlags weitgehend unbekannten Autoren des westlichen Auslands - amerikanische Realisten wie Hemingway und Faulkner, französische Existentiali-sten wie Jean-Paul Sartre und Albert Camus - heranzuführen.
      1952 erscheint sein autobiographischer Bericht Die Kirschen der Freiheit, an dessen Anfang A. das Bild der Münchner Räterevolutionäre gestellt hat, die 1919 vor den Augen des Fünfjährigen durch die Leonrodstraße zur Erschießung geführt worden sind. An dessen Fnde steht, als logischer Schlußpunkt einer stets gefährdeten Jugend in Deutschland, A.s Desertion in Etrurien, mit der er in die Arme der freiheitlichen Welt überläuft. A.s beherrschendes Thema der Flucht und der Entscheidung -seinem Buch hat er eine Sentenz Andre Gides vorangestellt: »Ich baue nur noch auf die Deserteure« - geht einher mit einem Literaturkonzept, bei der sich das Engagement überraschend traditionell ausschließlich an der Intensität des Erzählerischen mißt: »Was heißt dennhandeln? Ist es nur die Aktion, die mich in eine Beziehung zu anderen setzt? Heißt lesen nicht auch handeln? Oder Nachdenken? Wo beginnt der Prozeß, der zu einem Verhalten führt?«
1957 ist A.s erster Roman Sansibar oder der letzte Grund erschienen. Wieder steht mit der Geschichte der Rettung einer Jüdin und eines Kunstwerks, des »Lesenden Klosterschülers« von Ernst Barlach, vor dem drohenden nationalsozialistischen Zugriff, das Thema der Flucht in die Freiheit im Vordergrund und spiegelt zugleich A.s eigene Aussichtslosigkeit, aber auch Unentschlos-senheit während des Dritten Reichs: »Man mußte weg sein, aber man mußte irgendwohin kommen. Man durfte es nicht so machen wie Vater, der weggewollt hatte, aber immer nur ziellos auf die offene See hinausgefahren war. Wenn man kein anderes Ziel hatte als die offene See, so mußte man immer wieder zurückkehren. Erst dann ist man weg, dachte der lunge, wenn man hinter der offenen See Land erreicht«.
      1958 hat sich A. nach Berzona im Tessin zurückgezogen, seinem Wohnsitz bis zum Tod. Einer der Hauptgründe für die von nun an eingenommene Distanz zur Bundesrepublik und deren Kulturbetrieb mag darin bestanden haben, daß für ihn Franklin D. Roosevelts Vision einer einigen und friedlichen Welt endgültig gescheitert war und in den militanten, reaktionären Tendenzen des neuen demokratischen Staates keine Zukunft mehr zu erkennen war. Es war aber auch eine nachgeholte Emigration, an die A. seit 1937 dachte, weil er mit einer »Halbjüdin« verheiratet war. Die ausschließliche Konzentration auf die Literatur war so nur eine logische und notwendige Konsequenz. Mit der Roten erschien 1960 ein Roman, bei dem das Motiv Flucht und Entscheidung nicht mehr zu tragen schien, weil es außerhalb des politischen Erfahrungsraums angesiedelt war und die private Geschichte einer Frau erzählt wird, die in
Mailand von ihrem Mann flieht und in Venedig bei einem ehemaligen Spanienkämpfer endet. Es ist A.s umstrittenster Roman, der trotz der versuchten Anlehnung an Stilmittel des italienischen Neorealismus auch heute noch nicht von dem Vorwurf der Oberflächlichkeit freigesprochen ist. A. hat ihn 1972 in einer veränderten Fassung nochmals veröffentlicht. Die Verfilmung durch Helmut Käutner greift noch auf die alte Fassung zurück. Früh hatte A. das neue, alltagspolitische Thema der sich emanzipierenden Frau aufgegriffen.
      In den darauffolgenden Jahren veröffentlicht A. Reiseberichte , Erzählungen und gesammelte Hörspiele . Mit diesen Veröffentlichungen und dem Essay-Band Die Blindheit des Kunstwerks ist A. beim Sichten und Sichern seiner literarischen Rollen und seines Selbstverständnisses als Schriftsteller. Während sich in diesen Jahren die Literatur in der Bundesrepublik politisiert, schweigt er. Statt dessen macht er mit seinem Roman Eflraim , der Gestalt des heimatlos gewordenen Juden deutscher Herkunft, aber mit englischem Paß, noch einmal die Fahrt durch die eigene Geschichte und verwirft mit diesem Roman die Unterordnung der Literatur unter politische Zwecke: »Ich mag das Wort Engagement nicht mehr, während das Wort Humanität für mich nichts von seinem Wert eingebüßt hat«; und: »Die Ã"sthetik des Widerstands ist der Widerstand der Ã"sthetik«. Diesen rigorosen, auf die Sprache der Literatur konzentrierten Standpunkt hat A. in einer Auseinandersetzung mit Hans Magnus Enzensberger noch einmal vertieft , um sich von dem puristischen Verdacht zu befreien, er fröne im Tessin einem verräterischen Eskapismus. Zwei Jahre später hat A. mit seinem Gedicht artikel 3 eine Debatte über Radikalenerlaß, Berufsverbot und Meinungsfreiheit im demokratischen Staat ausgelöst, die den Rückzug A.s in den Elfenbeinturm der Literatur vor aller Augen widerlegt hat.
      A., seit 1972 Schweizer Staatsbürger, hat 1974 mit Winterspelt einen letzten Roman veröffentlicht. Er greift auf eine Episode im Zweiten Weltkrieg zurück -ein deutscher Major will sein gesamtes Bataillon den Amerikanern übergeben, ein Plan, der an der bereits angelaufenen Ardennenoffensive scheitert, -und zeigt damit ein resignatives Zusammenspiel von ohnmächtiger persönlicher Integrität und der alles zerstörenden »großen Geschichte«. Kurz vor seinem Tod hat A. eine Erzählung abgeschlossen, die er seinem verstorbenen Freund Arno Schmidt - Außenseiter wie er selbst - gewidmet hat: Vater eines Mörders . Als wolle er den erzählerischen Kreis schließen, den er beschrieben hat, gehl er zurück in seine Jugend und berichtet die Geschichte einer Griechischstunde im Witteisbacher Gymnasium in München, die vom Vater Heinrich Himmlers, der tatsächlich A.s Griechischlehrer gewesen war, abgehalten wird. Der Satz: »Es ist verdienstvoll, das Land zu loben«, wird in all der Grausamkeit durchexerziert, zu der ein autoritäres Erziehungssystem fähig ist. Der in der Schilderung dieser Unterrichtsstunde zutagetretende Mechanismus von Angst und Unterdrückung gibt eine stimmungsgeladene Antwort auf die Frage, wie es zu den Ereignissen von 1933 hatte kommen können: »Angemerkt sei nur noch, wie des Nachdenkens würdig es doch ist, daß Heinrich Himmler, - und dafür liefert meine Erinnerung den Beweis-, nicht wie der Mensch, dessen Hypnose er erlag, im Lumpenproletariat aufgewachsen ist, sondern in einer Familie aus altem, humanistisch fein gebildetem Bürgertum.
      Schützt Humanismus denn vor gar nichts? Die Frage ist geeignet, einen in Verzweiflung zu stürzen«.
     

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