Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Autoren

Index
» Autoren
» Cortazar, Julio

Cortazar, Julio - Leben und Biographie



Gemeinsamer Zug aller Texte von Julio Cortazar ist der bisweilen sarkastische, aber immer zutiefst humane Humor, den die Protagonisten als Mittel einsetzen, um dem Absurden ihrer Existenz den lebensbedrohenden Stachel zu nehmen. Dieser Humor und die formale Kühnheit sichern Cortäzars Werk innerhalb der modernen lateinamerikanischen Literatur eine herausragende Stellung.
      Cortazar verbrachte die ersten Lebensjahre in Europa. Ab 1918 wuchs er in kleinbürgerlichem Milieu in Buenos Aires auf. Nach der Ausbildung zum Lehrer arbeitete er bis 1946 in verschiedenen Provinzstädten, zunächst an Gymnasien, dann als Lniversitätsdozent für französische Literatur. Aus Protest gegen den Peronismus gab er diese Laufbahn auf und wurde freier Ãobersetzer. 1951 verließ er Argentinien, um sich in Paris niederzulassen. Dort war er als Dolmetscher für die UNESCO tätig. Neben literarischen Ãobersetzungen veröffentlichte er ab 1951 Erzählungen, Romane, Essays und Collage-Bände. Da er politisch dem Sozialismus nahe stand, engagierte er sich für Kuba und Nicaragua.
      Cortäzars literarisches Schaffen begann mit fantastischen Erzählungen, deren klare Sprache und ausgewogene Komposition an Jorge Luis -> Borges erinnern. Wie dieser führt er den Leser zunächst in eine völlig »normale« Alltagswelt, auf die dann unmerklich das Unerklärliche einzuwirken beginnt. Viele Erzählungen verraten Cortäzars Nähe zum Surrealismus, den er als »das wichtigste Unternehmen des zeitgenössischen Menschen« bezeichnete.
      Cortäzars Romanschaffen setzte erst relativ spät ein mit Die Gewinner , einer mit grotesk-unheimlichen Elementen durchmengten Studie des argentinischen Bürgertums. Schon in diesem Erstling wird deutlich, worauf der Romancier abzielt: Er will die Realität in ihrem wahren Wesen als ein magischen Einflüssen ausgesetztes Perpetuum mobile erfassen, das die Individuen und ihre Schicksale nach der Logik von Träumen miteinander verknüpft. Die formalen Konsequenzen dieses Ansatzes zeigt der experimentelle Roman Rayuela. Himmel-und-Hölle . Darin löst Cortazar die Charaktere und die Linearität von Handlung und Chronologie so weit auf, dass mehrere Lesarten des Textes möglich werden.
      Rayuela. Himmel-und-Hölle
Der zweite Roman von Julio Cortäzar spiegelt den Werdegang des Autors im Paris der 1950er Jahre. Nach seiner Emigration dorthin begann er im täglichen Kontakt mit der in Lateinamerika von jehervon einer mythischen Aura umgebenen Stadt einen Roman zu konzipieren - zunächst als Konglomerat einzelner Szenen und essayistischer Skizzen, die sich um den Exilargentinier Horacio Oliveira anordnen. Cortäzar bezeichnete den Roman nach seinem Erscheinen als »SuperExorzismus«, der ihm in einer existenziellen Krise das Ãoberleben ermöglicht habe. Inhalt: Der Titel Rayuela ist für den Roman in doppelter Hinsicht bedeutsam. Pormal, weil er sich unmittelbar auf die Lektüre bezieht, die nicht linear fortschreitet, sondern vom Leser ein Vor- und Zurückspringen innerhalb der drei Teile verlangt. Der erste Teil schildert Olivei-ras Leben in Paris, der zweite zeigt ihn nach der Rückkehr in seine Heimat; der dritte Teil enthält »entbehrliche« Kapitel, die beim Lesen der ersten beiden Teile zwischengeschaltet werden können.
      Auf inhaltlicher Ebene kommt dem »Rayue-la«-Spiel leitmotivische Punktion zu: Oliveira begegnet dem Kreidestriehgebilde mehrmals bei seinen ziellosen Gängen durch die Straßen von Paris und beginnt es als Symbol zu interpretieren: Himmel und Hölle der menschlichen Existenz sollen wie die Kästchen des Spiels auf einer Horizontalen liegen und so dem Individuum mühelos zugänglich werden. Oliveira sieht diese Möglichkeit in der traditionellen Metaphysik nicht gegeben. Er präsentiert sich dem Leser als ein an sich und der Welt zweifelnder sowie mehr und mehr verzweifelnder Intellektueller, der auf seiner Odyssee zwischen zwei Ländern die Kernfrage des modernen Argentiniens stellt: Wer bin ich?
Das Identitätsproblem der kulturell weitgehend von Europa geprägten La-Plata-Staaten wird an dem Einzelgänger Oliveira und seiner mit grimmigem Sarkasmus durchexerzierten mentalen Selbstzerstörung beispielhaft deutlich. Am Ende seines Pariser Wegs durch die intellektuelle Boheme, durch die Trübsal einer scheiternden Liebesbeziehung zur intuitiv glücklich lebenden Uruguayerin Lucia. die »La Maga« genannt wird, erlebt Oliveira unter seiner Seine-Brücke für einen Moment die Vision eines glückseligen »Kibbutz des Verlangens«. Nach seiner Ausweisung und Rückkehr findet er in Argentinien keinen neuen Halt mehr. Oliveira wird zwar beieinem Zirkus angestellt, aber der Zufall will es, dass der Direktor des Unternehmens umsattelt und statt dessen eine Irrenanstalt kauft. Er stürzt sich aus dem Eenster der Irrenanstalt auf eine »Rayuela«, die Kinder auf das Straßenpflaster gemalt haben.
      Fortsetzung: Mit dem Roman 62/Mode// zum Zusammensetzen versuchte Cortäzar das literaturtheoretische 62. Kapitel aus Rayuela zu realisieren: Er führt den Leser in eine Welt, die ohne Logik und psychologische Motivation auskommt. Eine Handvoll Personen treten trotz großer räumlicher Trennung auf geheimnisvolle Weise miteinander in Verbindung und werden zu Spielbällen eines kosmischen Billards.
      Wirkung: Literaturgeschichtlich kommt Cor-täzars Roman eine bahnbrechende Bedeutung zu: Er gilt als Höhepunkt des »Neuen Romans« in Lateinamerika. Rayuela gehört zu jenen Werken, die den so genannten Boom der laleinamerikanischen Dichtung in Europa auslösten.
      Die wichtigsten Bücher von Julio Cortäzar
Bestiarium 1951 Der erste Band fantastischer Erzählungen machte Cortäzar als Meister dieser Gattung berühmt.
      Die Gewinner 1960 20 Personen aus ganz verschiedenen sozialen Schichten treten in Buenos Aires eine Luxuskreuzfahrt an, die sie in der Staatslotterie gewonnen haben. An Bord erwarten sie mysteriöse Zustände.
      Rayuela. Himmel-und-Hölle 1963 Cortäzars zweiter Roman erzählt von einem Argentinier im Pariser Exil - einem verzweifelten Intellektuellen, dessen Identitätssuche zwischen zwei Kulturen zum Scheitern verurteilt ist.
      62 /Modell zum Zusammensetzen 1968 Cortäzars Versuch einer literarischen Umsetzung des literaturtheoretischen Kapitels 62 aus Rayuela - Himmel-und-Hölle, bei dem der Leser selbst den »roten Faden« knüpfen muss.
      Album für Manuel 1973 Politischer Roman um die Entführung eines argentinischen Diplomaten durch in Paris lebende Exilkreise.
     


 Tags:
Cortazar,  Julio    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com