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Collins, Wilkie - Leben und Biographie



Wilkie Collins gilt noch vor Arthur Conan -»Doyle als »Erfinder« des modernen englischen Detektivromans. Obwohl er auch Theaterstücke und zahlreiche Kurzgeschichten verfasst hat, gründet sein Ruhm vor allem auf einer Reihe spannungsgeladener Sensationsromane aus den 1860er und 1870er Jahren, die ihn zu einem der meistgelesenen Autoren der Viktorianischen Ã"ra werden ließen.
      Der älteste Sohn des bekannten Landschaftsmalers William Collins erregte erstmals 1848 mit einer Biografie seines Vaters, The Memoirs ofthe Life of William Collins, größere Aufmerksamkeit; 1850 folgte der historische Roman Antonina. In den 1850er Jahren schrieb Collins häufig für Zeitschriften, u.a. für die von
Charles -^Dickens herausgegebenen Household News; mit Dickens verband ihn auch privat eine enge Freundschaft.
      Den endgültigen Durchbruch brachte 1860 Die Frau in Weiß. Meisterhaft verwob Collins Elemente des Brief- und Sensationsromans mit deT Tradition der Gothic novels. Diesem Erfolgsrezept blieb er in seinen folgenden Romanen treu . Den Zenit seiner Kaniere erreichte Collins mit Der Monddiamant , den T.S.-> Eliot als »ersten und größten englischen Detektivroman« bezeichnete. Auch hier wandte er die für ihn charakteristische verschachtelte Erzählstruktur an.
      Collins hat sich in seinen besten Werken als scharfer Beobachter mit einem Gespür für psychologische Charakterzeichnung und soziale Probleme erwiesen. Seine starken Frauenfiguren haben ihm in jüngster Zeit die Anerkennung der feministischen Literaturkritik eingetragen. Selbst für seinen unorthodoxen Lebensstil bekannt, karikierte er mit beißendem Spott Bigotterie und Standesdünkel seines Zeitalters.

      Die Frau in Weiß
Von dunklen Eamiliengeheimnissen in einer nach außen heilen Gesellschaftsordnung, von Giftmischerei, Intrigen, Geheimbünden und vom sporadischen Einbruch des Ãobernatürlichen in Form erschreckender Visionen handelt dieser »viktorianische Bestseller«. Entstehung: Der Legende zufolge basiert die Ausgangssituation - das nächtliche Zusammentreffen des Helden und hauptsächlichen Erzählers, Walter Hartright, mit der geheimnisvollen, aus einer Irrenanstalt entflohenen Frau in Weiß - auf einem wahren Erlebnis des Autors: In Begleitung seines Bruders Charles und des Malers John Millais sei Collins 1858 einer ganz in Weiß gekleideten Frau begegnet, die aus einer Villa im Regent's Park gefüchtet war, wo sie unter dem Einfluss magnetischer Kräfte gefangen gehalten worden sei. Die Dame hieß im wirklichen Leben Caroline Graves und war ab 1858 für 30 Jahre die Lebensgefährtin von Collins.
      Inhalt: Die Begegnung Walter Hartrights mit der geistig verwirrten Anne Catherick löst eine Kette schicksalhafter Ereignisse aus: Als Walter kurze Zeit später als Zeichenlehrer auf das Gut Limmeridge in Cumberland kommt, erkennt er in seiner Schülerin Laura Fairlie eine Doppelgängerin der mysteriösen Fremden. Die beidenverlieben sich, doch Laura ist einem anderen versprochen. Obwohl er durch das erneute Erscheinen von Anne auf Limmerigde beunruhigt ist, reist Walter aus Taktgefühl ab. Die scheinbar zusammenhanglosen Warnungen der Frau in Weiß erfüllen sich: Die Ehe von Laura und Sir Percival Glyde entpuppt sich als reine Geldheirat. Glydes Busenfreund Conte Fosco schmiedet einen perfiden Plan, der die Identitäten von Laura und ihrer Doppelgängerin vertauscht: Die unter einem Vorwand nach London gelockte Anne stirbt im Haus des Conte an einem Herzleiden und wird in Limmeridge unter Lauras Namen beigesetzt, während die echte Lady Glyde - durch die Ereignisse psychisch und körperlich zerrüttet - im Irrenhaus landet. Lauras tatkräftiger Halbschwester Marian gelingt es, sie aus dem Sanatorium zu befreien. Indem er die Geschichte der Frau in Weiß - in Wirklichkeit Lauras illegitime Halbschwester väterlicherseits -rekonstruiert, gelingt es Walter Hartright, die Ehre und den guten Namen Lauras wiederherzustellen. Als seine Frau wird sie in ihre alten Rechte wieder eingesetzt, ihr neugeborener Sohn wird der Erbe von Limmerigde. Aufbau: Collins bedient sich einer Erzählweise, die Augenzeugenberichte,Tagebuchaufzeichnungen und Briefe der beteiligten Personen kombiniert. Die verschiedenen Perspektiven gaben dem Autor Gelegenheit, in den Tonarten aller Gesellschaftsschichten zu brillieren. Ganz in der Tradition des Fortsetzungsromans »dosiert« Collins die Informationen und Andeutungen und lässt die Spannungskurve zum Ende der Kapitel rapide ansteigen.
      Wirkung: Schon die dreibändige Erstausgabe wurde von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen und erfuhr allein im Erscheinungsjahr sieben Auflagen. Alle Arten von Gebrauchsartikeln, Kleidungsstücke, sogar ein Walzer wurden nach der Frau in Weiß benannt. Der Stoff wurde mehrfach für Kino und Fernsehen verfilmt, u.a. in der Sowjetunion, wo das Buch große Popularität genoss. In Deutschland setzte eine verstärkte Collins-Rezeption erst Mitte der 1960er Jahre ein, nachdem Arno -^Schmidt 1965 den hierzulande fast vergessenen Autor wieder entdeckt und seine brillante Ãobersetzung der Frau in Weiß vorgelegt hatte.

Hauptfiguren in »Die Frau in Weiß« von Wilkie Collins
Walter Hartright: Der positive Held ist Zeichenlehrer in London, Initiator der von verschiedenen Personen verfassten Niederschrift der Ereignisse und hauptsächlicher Erzähler. Laura Fairlie, Lady Glyde: Sie wird nach der Heirat mit Sir Percival zum wehrlosen Opfer einer auf ihr Vermögen abzielenden Verschwörung. Als Figur innerhalb der Ro-mankonstellation bleibt sie eher Projektionsfläche für die Wünsche, Ziele und Begierden der übrigen Personen denn eigenständig handelnde Persönlichkeit. Anne Catherick: Die geistig zurückgebliebene Doppelgängerin und illegitime Halbschwester von Laura Fairlie wird auf Geheiß von Sir Percival Glyde in einem Sanatorium versteckt, da er sie für die Mitwisserin seines Geheimnisses hält. Ehe sie ein Opfer des Conte wird, erliegt sie in dessen Haus einem schweren Herzleiden. Marian Halcombe: Lauras Halbschwester mütterlicherseits ist die eigentliche Heldin der Geschichte. Sie ist von herb-maskulinem Aussehen, aber gebildet, aufrichtig und energisch - der positive Archetypus der tatkräftigen Collins-Heldinnen, die unter den Beschränkungen gesellschaftlicher
Konventionen leiden. Ihr negatives Gegenstück ist die schöne Schurkin in Armadale . Sir Percival Glyde: Der angesehene Baron, der Titel und Güter einem Betrug verdankt, ist der Komplize und Busenfreund Conte Foscos. Er brüskiert seine Gattin durch sein rohes, brutales Auftreten und stirbt bei einem Brand in der Sakristei von Alt-Wel-mingham, wo er das von ihm gefälschte Kirchenbuch zu vernichten suchte. Conte Fosco: Der Hauptschurke des Romans, ein italienischer Würdenträger mit dubioser Vergangenheit, ist fett, eitel, von öligem Charme und einer eigenen verbrecherischen Ethik. Er ist der rechtmäßige Ehemann von Eleanor Fosco. Als Walter Hartright ihn als verräterisches Mitglied einer Geheimloge entlarvt, wird er von seinen ehemaligen Mitstreitern gerichtet. Madame Fosco, geb. Fairlie: Von ihrem Mann ebenso domestiziert wie sein privater Kleintierzirkus, ist sie ein willfähriges Instrument der Verschwörung. Durch ihren Verwandtschaftsgrad ist sie der indirekte Anlass für das Komplott, da ihr nach Lauras Tod eine große Geldsumme zufällt.
     


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