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Carroll, Lewis - Leben und Biographie



Lewis Carroll ist Schöpfer eines der bekanntesten Kinderbücher, Alice im Wunderland, und Pionier der Nonsens-Literatur, der Kunst des Absurden und des Surrealismus.
      Der Sohn eines englischen Pfarrers wuchs in behüteten Verhältnissen auf dem Lande auf, studierte in Oxford Mathematik und blieb nach dem Examen bis zu seinem Lebensende mit einer bescheidenen Stelle als Tutor am College. Carroll galt unter den Kollegen als schüchtern und extrem pedantisch. Seinen Verleger und den Illustrator seiner Bücher trieb er mit ständigen Ã"nderungswünschen fast zur Verzweiflung und klagte doch selber oft über die »schlechten Manieren« seiner Mitmenschen. Freunde hatte er kaum, Liebschaften keine. Nur in der Gesellschaft kleiner Mädchen blühte er auf, zeichnete, erfand fantastische Geschichten und schrieb ihnen lange, ernsthafte Briefe. Ihn faszinierten logische Paradoxe und Rätsel sowie ein zu seiner Zeit völlig neues Medium: Carroll war ein bedeutender Fotograf, der die literarischen Größen des viktorianischen England, aber auch kleine Mädchen porträtierte; Letztere nicht selten nackt, was bis heute zu haltlosen Gerüchten über seine sexuelle Veranlagung Anlass gegeben hat.
      Alice im Wunderland
Carrolls /4//ce-Erzählung dürfte das weltweit erfolgreichste britische Kinderbuch vor Joanne -^Rowlings Harry Potter sein. Mit der Fortsetzung Hinter den Spiegeln ist es bis heute der nach Shakespeares Werken und der King-James-Bibel meistzitierte englische Text. Entstellung: Die Geschichte vom Wunderland erzählte Lewis Carroli der etwa zehnjährigen Alice Liddell und ihren Schwestern während einer Bootspartie im Sommer 1862. Die erste Manuskriptfassung war eigentlich als Geschenk für das Kind, nicht zur Veröffentlichung gedacht. Erst verschiedene Bekannte überredetenihn zur Publikation, die ein durchschlagender Erfolg wurde. Seine Arbeitsweise beschrieb der Autor selbst als eine des Sammeins und Aufrei-hens einzelner Episoden - diese Technik hat die Struktur von Alice im Wunderland deutlich geprägt, Carroll bestand darauf, seine Stoffe meist völlig spontan erfunden oder geträumt zu haben.
      Inhalt: Die kleine Alice folgt im Traum einem weißen Kaninchen in dessen Bau und gerät in das unterirdische »Wunderland«. Hier begegnen ihr merkwürdige Wesen und Fabeltiere: u.a. die Cheshire-Katze , lebende Spielkarten, der Märzhase und eine falsche Suppenschildkröte. Sie leben nach einer eigenen Unsinnslogik, der die Heldin ihre in der Schule brav gelernte Erwachsenenvernunft entgegenzusetzen versucht, was immer wieder scheitert. Die Wunderlandbewohner drehen ihr ständig das Wort im Munde herum und benehmen sich ziemlich feindselig. Die Größeren drohen, sie zu fressen, die Kleineren fürchten, von ihr gefressen zu werden. Spiele mit Regeln werden durchgeführt, um deren Ungültigkeit vorzuführen, eine Gerichtsverhandlung wird zur Farce. Nach und nach geraten Werte der viktorianischen Gesellschaft und grundlegende Ordnungskategorien durcheinander: Raum und Zeit, Rationalität und Moral, die Hierarchie von Mensch, Tier und Ding sowie die Logik der Sprache. Auch Alice, die mit Hilfe eines Zauberpilzes ihre Größe manipuliert und inmitten des allgemeinen Chaos mal kindlichen Trieben, mal vernünftigen Ãoberlegungenehorcht, kann sich ihrer eigenen Idenlität nicht sicher sein; ihre märchenhafte Traumwelt bewegt sich bisweilen am Rande des Alptraums.
      Die von Carroll aus der Kinderliteratur der Zeit zitierten Lehr- und Sinnsprüche, die sich seine hilflose Heldin mit immer größerer Mühe ins Gedächtnis ruft, wirken wie Parodien. Schließlich hat Alice genug und erwacht mit einem zornigen Ruf: »Ihr seid doch nichts als ein paar blöde Karten!« Zurück in der heiteren Realität eines sonnigen Nachmittags erzählt sie den Traum ihrer Schwester. Wirkung: Unter dem Einfluss der zeitgenössischen Illustrationen von John Tenniel und verstärkt durch eine Disney-Verfilmung von 1951 sah man jahrzehntelang vor allem die idyllischen und niedlichen Aspekte der Geschichte. Ihre absurden und monströsen Seiten haben im 20. Jahrhundert zunehmend die psychoanalytische Literaturkritik beschäftigt. Die französischen Surrealisten begeisterten sich für Alice, weil sie in Carrolls Schreibweise ein frei sich artikulierendes Unterbewusstsein erblickten; James -»Joyce bezog sich auf ihn in Finnegan's Wake. Die »psychedelische« Kultur der 1960er Jahre interpretierte Alices Abenteuer als halluzinierte Drogenvision - sie knabbert ständig am mysteriösen Pilz. Ãober Carrolls angeblichen Drogenkonsum ist freilich nichts bekannt.
Nonsens-Literatur
Allgemein: Als »Unsinnss-Dichtung gelten Texte, die nicht auf Witz, Humor oder Ironie beruhen, sondern auf bloßer Absurdität, oft auf sprachlichen Klangeffekten. Typische Beispiele sind gewisse Kinderlieder und Abzählreime, als historisches Vorbild gilt die Sprache der Narrenfiguren in Shakespeares Dramen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts erscheint der Nonsens als selbstständige literarische Form, begründet durch den Dichter Edward Lear , den Erfinder des »Limeriek« - und durch Lewis Carroll. Fortgeführt wurde die Nonsens-Tradition u.a. im französischen Surrealismus und Dadaismus.
      Viktorianische Literatur: Die Regierungszeit der sittenstrengen, religiösen Königin Viktoria war eine Epoche rigider sozialer und moralischer Wertmaßstäbe, die sich auch in der Literatur bemerkbar machten. Viktorianische Kinderliteraturwirkt oft betulich, tendiert zum Kitsch und ist voll lehrreicher Sinnsprüche. Lewis Carroll: In Aliceim Wunderland fehlte nicht nur die oben erwähnte didaktische Tendenz weitgehend, sondern sie wurde geradezu lächerlich gemacht. Carroll entband die Sprache von der Notwendigkeit, etwas darzustellen, er ließ dem eigenen Experimentier- und Spieltrieb genauso freien Lauf wie der Fantasie des Lesers. Berühmt ist z. B. sein Gedicht Der Zipferlake am Anfang von Hinter den Spiegeln, wo eine Handlung fast ohne bekannte Worte vor das Auge des Lesers gezaubert wird. Freilich hat die Nonsens-Welt Carrolls immer auch etwas Verstörendes und Beängstigendes und es ist wohl kein Zufall, dass sich hinter dem Zipferlake ein menschenfressendes Monsterverbirgt.
     


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