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Canetti, Elias - Leben und Biographie



Das Werk von Elias Canetti richtet sich - unter dem Eindruck der bewegten Geschichte des 20. Jahrhunderts - gegen die auf Rationalität angelegte wissenschaftliche Welterfahrung. Zu den wiederkehrenden Themen gehören die Auflehnung gegen die Endlichkeit des Daseins und die Ablehnung abstrakter Denksysteme.
      Das kosmopolitische Leben Canettis begann in einer bulgarischen Kreisstadt, von wo aus seine Eltern, Nachfahren sephardischer Juden, 1911 nach England emigrierten. Nach dem Tod des Vaters 1913 übersiedelte Canetti mit der Mutter nach Wien. Dort lernte er Deutsch als dritte Sprache , in der er auch seine Werke schrieb. Nach Züricher Internatsschule und Abitur in Frankfurt am Main absolvierte Canetti ein Studium der Chemie in Wien.
      Canetti trat mit seinem Roman Die Blendung erstmals an die Ã-ffentlichkeit. In die frühe Schaffensphase fallen auch die zwei Theaterstücke Hochzeit{ 1932) und Komödieder Eitelkeit . Berühmt wurde er durch seine literarischen und sozialwissenschaftlichen Studien zu Massenpsychologie, Machtmissbrauch und die Folgen für das Individuum - Leitmotive, die Canettis eigenen Erfahrungen im krisengeschüttelten Deutschland und Ã-sterreich der 1920er sowie des aufkommenden Faschismusder frühen 30er Jahre entsprangen. Als Ã-sterreich an das nationalsozialistische Deutschland angegliedert wurde, emigrierte Canetti erst nach Paris, dann nach England.
      Ab 1939 arbeitete er an seinem eklektischen sozialwissenschaftlich-philosophischen Hauptwerk Masse und Macht [ 1960). Die eigene Ethik verbot Canetti, sich während dieser Zeit erzählerischen oder dramatischen Werken zu widmen. Lediglich aphoristische Notizen sammelte der Autor als Ausgleich zu seiner theoretischen Arbeit. Sie erschienen 1973 unter dem Titel Die Provinz des Menschen. 1977-85 legte er eine dreibändige Autobiografie vor. 1981 wurde er für sein schriftstellerisches Werk mit dem Literaturnobelpreis geehrt.
      Hauptfiguren in »Die Blendung« von Elias Canetti
Peter Kien: Der Sinologe besitzt eine umfangreiche Privatbibliothek und sieht in der Wissenschaft den höchsten Wert. Kien fürchtet Blindheit und Feuer, obwohl er längst blind ist für die Vorgänge außerhalb seines Studierzimmers. Er heiratet irrtümlich seine Haushälterin und entwickelt zunehmend wahnhafte Fantasien. Therese Krumbholz: Die Haushälterin und spätere Ehefrau Kiens; unansehnliche und mit nur geringem Wortschatz ausgestattete Verkörperung materieller Gier; versucht ihr Ziel, sich das Vermögen ihres Mannes anzueignen, mit erbarmungsloser Logik, psychischem Druck und sogar körperlicher Gewalt durchzusetzen. Siegfried Fischer, genannt »Fischerle«: Parodie auf den Typus des assimilierten Juden; buckliger Zwerg, der in seinem Stammlokal
»Zum idealen Himmel« davon träumt, Schachweltmeister zu werden und nach Amerika auszuwandern. Betrügt Kien um seine Barschaft; wird grausam ermordet. Benedikt Pfaff, genannt »Hausbesorger«: ehemaliger Polizist und gewalttätiger Opportunist, der nach Gelegenheit zum Gebrauch seiner gewaltigen Fäuste sucht; prügelte seine Frau und Tochter zu Tode; liebt Kanarienvögel.
      Georg Kien: Bruder Peter Kiens; erfolgreicher Psychiater und Leiter einer Klinik für Geisteskranke in Paris; seine Patienten gelten ihm als besonders fantasiebegabt, deren Heilung indessen als bedauernswerte Auslöschung eines faszinierenden, eingebildeten Kosmos; stellt die Ordnung in seines Bruders Leben nur vorübergehend wieder her.
      Die Blendung
Elias Canettis Roman zeigt durch groteske Ãoberzeichnung die wahnhafte »Verblendung« der in einer unmenschlichen, zweckorientierten gesellschaftlichen Situation sich orientierenden Figuren. Dominierende Denkschemata werden durch typische Sprechweisen und begriffliche Zwangssysteme dargestellt. Inhalt: Dem berühmten Sinologen Peter Kien, Besitzer der größten Privatbibliothek der Stadt, mangelt es an Sinn für die Realität. Seine hässli-che und dumme Haushälterin Therese nimmt er wegen ihres scheinbaren Interesses für Bücher, die ihm mehr bedeuten als Menschen, zur Frau. Auf ihren Vorteil und ein im Testament festgeschriebenes Erbe hoffend, erobert sie sich die Wiener Wohnung und wirft ihren psychisch wie physisch zugrunde gerichteten Mann hinaus. Im Zwerg Fischerle, der davon träumt, »Schachweltmeister« zu werden und nach Amerika auszureisen, findet der von zunehmenden Wahnvorstellungen geleitete Kien einen Begleiter, der ihn um sein Vermögen bringt: Der vor einer Pfandleihanstalt wartende Kien zahlt für immer das gleiche Bücherpaket eine Auslösesumme in der Ãoberzeugung, dem Wahren und Guten zu dienen. Die Situation eskaliert, als Therese in Begleitung des gewalttätigen »Hausbesorgers« Benedikt Pfaff eintrifft. Fischerle kommt bald darauf ums Leben. Bis zur Ankunft des Bruders Georg bleibt Kien in der Wohnung des »Hausbesorgers«, der bereits Frau und Tochter zu Tode geprügelt hat, eingesperrt. Der in Paris lebende Leiter einer psychiatrischen Klinik, der jede Heilung als Verarmung bedauert und seine Patienten um ihre Fantasien beneidet, unter-schätzt indes den Wahnsinn seines Bruders, nachdem er Therese und Pfaff entfernt und die früheren Verhältnisse wiederhergestellt hat. Allein in der Wohnung erliegt Kien seinem Irrsinn und zündet die Bibliothek an. Aufbau: Die auf acht Bände angelegte »Come-die Humaine des Irrsinns«, die das Wahnhafte durch Ãobertreibung am Typischen und Normalen aufzeigt, konzentriert in einem weltfremden Bildungsideal , einfältiger Gier und nackter Brutalität die heillos verschränkten Tendenzen in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Die Figuren weisen -auch in ihrem Versuch, für ein fehlendes gedankliches Ordnungsmodell Ersatz in symbolhaften Dingen und Handlungen zu suchen - auf den kommenden Faschismus. »Verblendet« von nutzlosem Wissen ist Kien ein »Kopf ohne Welt« , der sich der instinkt-und triebgeleiteten »Welt ohne Kopf« hilflos ausgeliefert sieht. Die Unversöhn-lichkeit von Ideal und Wirklichkeit führt im dritten Teil zur Selbstzerstörung. Canettis Figuren zeichnen sich durch die von untergründiger Aggressivität zeugende Charakteristik ihrer Sprache, eine »akustische Maske« , aus. Die /wanghafte Folgerichtigkeit ihrer Ã"ußerungen macht sie zu Zerrbildern der modernen Gesellschaft.
      Wirkung: Erst nach der dritten Auflage 1963 erhielt Die Blendung gebührende Aufmerksamkeit als eines auf Psychologisierung und Sinnstiftung verzichtenden Romans, der den Ein-fluss von James ->Joyce, Franz -^Kafka und Karl Kraus zu einem nüchtern-beob-achtenden Experiment sprachlicher Ausdrucksformen verbindet.

      Die gerettete Zunge
Einer für chaotisch und unerklärlich geltenden Wirklichkeit setzt Canetti mit seiner Autobio-grafie die Integrität des auf seine Entwicklung zurückschauenden Individuums entgegen, das sich die Stationen seines Lebens im Akt des Schreibens zur selbstgewissen und bedeutungsvollen Einheit zu verknüpfen weiß. Inhalt: Der erste Band der auf drei Bücher angelegten Autobiografie, Die gerettete Zunge, reicht bis zum 16. Lebensjahr Canettis. Geburts- und zugleich symbolischer Ausgangsort des Schriftstellers ist das bulgarische Rustschuk, ein multilingualer Schmelztiegel der Kulturen. Aus der Vielfalt der Sprachen - die Familien waren ehemals aus Spanien eingewanderte sephardische Juden, die einen auch heute noch bestehenden eigenen Dialekt pflegen, die Eltern in Wien erzogen, Freunde kamen aus Russland, Hausangestellte aus Bulgarien, Armenien etc. - wählte Canetti das Deutsche zur »Muttersprache« . Alle Erinnerungen, die Historisches nur gelegentlich berühren, sind auf den späteren Schriftsteller bezogen: neben der Entwicklung einer überreichen Fantasie, Bildungs- und Lektüreerfahrungen sind einzelne Ereignisse besonders herausgehoben, etwa der frühe Tod des Vaters und die damit verbundene Fixierung auf die Mutter. Mit den Bänden Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-31, die im Titel auf den Einfluss von Karl Kraus und dessen Zeitschrift Die Fackel hinweist, und Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-37 komplettiert Canetti die metaphorisch angedeutete Ausbildung der Sinne zu einem Credo dichterischer Subjektivität.
      Aufbau: Die Einteilung des Textes folgt dem Wechsel der Aufenthaltsorte des Autors über Manchester, Wien und Zürich. Der Lebensweg beginnt mit der Drohung, der erst Zweijährige könne seine Zunge verlieren, wenn das Liebesverhältnis des Kindermädchens zu einem Unbekannten offenbar werde. Aus Angst hatte das Kind zehn Jahre geschwiegen und wird künftig darum bemüht sein, seine eigene, der äußeren Gefährdung trotzende Sprache zu finden. Hinter der Maske des Selbstbewusstseins verbirgt sich ein vom Sprachverlust und Ausschluss aus der symbolischen Welt der Worte bedrohtes Ich, das im Erzählen auch gegen den Tod ankämpft. Die selbst geschaffene Ordnung der Geschichten bewährt sich - so wird es dem Kind aus der Perspektive des erwachsenen Autors unterstellt - im Kampf gegen das Unverstandene und Ãobermächtige.
      Wirkung: Intensität erzeugt Canettis Autobiografie dort, wo sich der distanzierte Beobachter der intimen Sichtweise des sich seine Welt aneignenden und erst schaffenden Kindes nähert. Die gegenständliche, auf jede Psychologie und Selbstzweifel verzichtende Beschreibung einer Jugend ist die konsequente Ãoberführung des Lebens in den Text, bei der die Berufung zum Schriftsteller den vorgegebenen Fluchtpunkt darstellt.
      Die wichtigsten Bücher von Elias Canetti
Die Blendung 1935 Roman über den Zusammenhang von Macht und Gewalt, vorgeführt an wahnhaften Figuren, die jeweils für ein falsches Bildungsideal, Gier und Brutalität einstehen.
      Masse und Macht 1960 Philosophisch-dichterische Abhandlung über das Phänomen der Masse in ihrerzum Teil archaischen,jedoch in derZeitgeschichte wiederkehrenden, symbolisch verwandelten Struktur.
      Die Stimmen von Marrakesch 1967 Sammlung von Prosastücken anlässlich einer Reise nach Nordafrika, in der die Begegnung der Kulturen im akustisch-magischen Widerspiel der Stimmen eingefangen ist.
      Die Provinz des Menschen, 1973 Parallel zu Masse und Macht entstandene Notizen, Gedankenmitschriften und Aphorismen, die über die individuelle Existenz hinaus die Bedingungen des menschlichen Seins erörtern.
      DerO/irenzeuge. Fünfzig Charaktere, 1974 Kurzprosa, die der über Sprache vermittelten Identität einzelner, in »akustischen Masken« auftretenden Charakteren gewidmet ist. Typische Figuren treten neben erfundene, surreale Gestalten.
      Die gerettete Zunge, 1977 Erster Band der Autobiografie . In knapper Sprache verteidigt Canetti die dichterische Subjektivität, die den Werdegang auf ein humanes Ethos gründet.
     


Canetti, elias

Geb. 25. 7. 1905 in Rustschuk ; gest. 14.8. 1994 in Zürich »Mein ganzes Leben ist nichts als ein verzweifelter Versuch, die Arbeitsteilung aufzuheben und alles selbst zu bedenken, damit es sich in einem Kopf zusammenfindet und darüber wieder Eines wird.« Wenn auf einen modernen Autor der Begriff d .....
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Canetti, elias

»Mein ganzes Leben ist nichts als ein verzweifelter Versuch, die Arbeitsteilung aufzuheben und alles selbst zu bedenken, damit es sich in einem Kopf zusammenfindet und darüber wieder Eines wird.« Wenn auf einen zeitgenössischen Autor der Begriff des Dichters im emphatischen Sinn noch paßt, dann auf .....
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Groß war das Erstaunen, als zu seinem 90. Geburtstag ein Lvrikband von E. erschien. Unter dem Titel Los der Menschen hatte E. innerhalb von 60 Jahren zusammengetragen, was den Menschen durch Gesellschaftsordnung. Schicksal oder bewußte Entscheidung begegnete und wie sie selbst sich dazu verhielten .....
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Elias canetti: »die blendung« (i935) - der roman als marionettenspiel

Weltblinder Büchermensch Im zweiten seiner autobiographischen Bücher, »Die Fackel im Ohr« , berichtet Elias Canetti von künstlerischen Plänen aus der Wiener Zeit zwischen 1929 und 1931, von Plänen zu einer »Comedie humaine an Irren«. Acht Figuren schweben ihm vor: der Wahrheitsmensch, der Phantas .....
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Johann elias schlegel - vergleichung shakespeares und andreas grypbs bei gelegenheit des versuchs

Wie sorgfältig Shakespeare gewesen, seine Charaktere zu bilden, sieht man daraus, daß er meistens ihre ganzen Charaktere einem andern in den Mund gelegt und sie so beschreiben lassen, daß fast nichts hinzuzusetzen übrig bleibt. [...] Man sieht, daß diese Charaktere alle eine ziemlich große Ã"hnlich .....
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Johann elias schlegel - gedanken zur aufnahme des dänischen theaters

[...] Denn eine jede Nation schreibt einem Theater, das ihr gefallen soll, durch ihre verschiedenen Sitten auch unterschiedliche Regeln vor, und ein Stück, das für eine Nation gemacht ist, wird selten den andern ganz gefallen. Wir können uns hiervon besonders durch den großen Unterschied des franzö .....
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Niebergall, ernst elias

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Schlegel, johann elias

Der Dramatiker, Literaturtheoretiker, Ãobersetzer und Jurist S. wurde als Sohn einer gutbürgerlichen Meißener Familie geboren: der Vater war kursächsischer Appellationsrat und Stiftssyndikus, der Großvater hatte als Oberhofprediger den Adelstitel erhalten, dessen sich aber erst S.s Neffe, der Romant .....
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