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Belyj Andrej - Leben und Biographie



Der russische Symbolist Andrej Belyj vollzog eine Stilwende in der russischen Literatur durch die experimentelle die Zusammenführung literarischer Formen mit Kompositionsprinzipien anderer Künste.
      Das Interesse für Natur- und Geisteswissenschaften, Kulturgeschichte, Theosophie und Anthroposophie erweiterte die formale Komplexität seiner Werke um einen Ideengehalt, der sich in einem weit gespannten literaturtheoretischen und kulturphilosophischen CEuvre niederschlug. Dem Bewusstseinsroman Petersburg, einem Hauptwerk der Moderne, verdankt der Autor den Rufeines »russischen James Joyce«.
      Im ersten Dezennium des 20. Jahrhunderts war Belyj, Sohn eines Mathematikprofessors, ein maßgeblicher Mitgestalter der literarischen Landschaft von Moskau und Sankt Petersburg. 1912-16 lebte er im Umkreis von Rudolfe Steiner, dem Begründer der Anthroposophie, und war am Bau des ersten Goetheanums in Dornach bei Basel beteiligt. Nach der Revolution engagierte sich Belyj für die kulturelle Aufbauarbeit in Russland. 1921-23 nahm erregen Anteil am literarischen »russischen Berlin«. Nach 1924 verließ er die Sowjetunion nicht mehr und bemühte sich unter erschwerten politischen Umständen um eine spirituelle Kultur. Er starb an den Folgen einer Gehirnblutung.

      Petersburg

Petersburg von Andrej Belyj ist der erste russische Roman modernen Stils. Die realistische Erzählweise des 19. Jahrhunderts tritt zu Gunsten einer Verbindung von multiperspektivischem Bewusstseinsstrom mit Stilverfahren unterschiedlichster Genres und Künste zurück. Die Form korrespondiert mit der gleichfalls doppelt angelegten Thematik des Romans, die aus Literatur, Philosophie und Anthroposophie gespeist wird. Im Roman wird deT Niedergang des Abendlandes behandelt, der schließlich in der Kulturkrise des Fin de Siecle gipfelt, die anhand der russischen revolutionären Unruhen von 1905 dargestellt wird. In der Zerstörung alter Werte liegt jedoch eine Zukunftsperspektive verborgen: die Entwicklung spiritueller Bewusstseinsfähigkeiten. Inhalt: Die Handlung spielt in Sankt Petersburg im Herbst 1905, dem Jahr der ersten russischen Revolution. Der Sohn eines Senators hat einer terroristischen Gruppierung das Versprechen zum Mord am Vater gegeben. Ihm wird eine Zeitbombe zugespielt. Nachdem er den Zeitmechanismus ausgelöst hat, entscheidet er sich jedoch gegen den MoTd. Die Bombe explodiert eines Nachts, ohne größere Zerstörung anzurichten. Dennoch erleiden die familiären Beziehungen und die psychische Konstitution des Sohns Schaden. Dieser kehrt erst nach dem Tod seiner Eltern als wandernder Weisheitssucher aus dem Ausland zurück. Zwei weitere Handlungsstränge verfolgen die Liebesbeziehung des Sohns und das Verhältnis des Terroristen, der ihm die Bombe übergibt, zum Chef der Partei.
      Aufbau: Im Schauplatz Petersburg spiegelt sich der kulturelle Konflikt Russlands, symbolisiert durch die Zeitbombe. Die Problematik entspricht den philosophischen Konzepten des Dionysischen und Apollinischen nach Friedrich -> Nietzsche und bestimmt die Struktur des Romans: Der Senator Apollon Apollonowitsch Ab-leuchow verkörpert wie der Gott Apollon Dominanz und Ordnung, während sein Gegenspieler, der terroristische Parteichef Nikolai Stepano-witsch Lippantschenko, für die Ausschweifung steht, ein Prinzip, das dem Gott Dionysos zugeschrieben wird. Indem auf latente Weise Apollon Merkmale seines Gegenspielers zugewiesen werden und umgekehrt, vermeidet Belyj nicht nur Typisierung der Figuren, sondern deutet auch die Idee einer Vereinigung der Gegensätze in einer Person an; hierin sieht der Autor das Entwicklungsziel des Menschen und Russlands. Die Väter-Generation ist dieser Aufgabe nicht gewachsen, die deshalb ihren »Söhnen« gestelltwird: dem Sohn des Senators Nikolai Apollonowitsch und dem Lippantschenko untergebenen Dudkin. Ihre Wege werden kontrastiert: Dudkin, der das Apollinische negiert, endet im Wahnsinn. In ihm gestaltet sich Belyjs Kritik an einer Vereinseitigung des Dionysischen und ihren Vertretern wie dem späten Nietzsche und der Decadence. In Nikolai Apollonowitsch, der zu gleichen Teilen apollinisch und dionysisch angelegt ist, zeigt sich die kulturelle Zeitbombe Russlands. Die Synthese der Pole bleibt Zukunftsperspektive. An der Erzähloberfläche wird Russland scheinbar eine kulturpessimistische Diagnose gestellt. Belyj deutet aber den Weg an, der aus der Krise herausführen soll und für den Russland sich in Gestalt Nikolais prädestiniert zeigt: die Entwicklung eines höheren spirituellen Bewusstseins.
      Wirkung: Die ideelle Dimension des Romans war für die zeitgenössische Diskussion von Interesse. Formal hingegen gab Petersburg der so genannten Ornamentalen Schule Anregungen und hatte maßgebliche Bedeutung für die Entwicklung der modernen russischen Prosa.
     


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