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Sprachmagie



Die Fleurs du Mal sind keine dunkle Lyrik. Sie fassen ihre abnormen Bewußtseinslagen, ihre Geheimnisse und Dissonanzen in verstehbare Verse. Auch die Dichtungstheorie Baudelaires ist durchaus klar.
      Indessen entwickelt sie Einsichten und Programme, die, von seiner eigenen Lyrik nicht oder nur in Ansätzen verwirklicht, dem bald nach ihm einsetzenden dunklen Dichten vorarbeiten. Es handelt sich dabei in der Hauptsache um die beiden Theorien der Sprachmagie und der Phantasie.
      Dichtung, insbesondere romanische, kannte schon immer Augenblicke, in denen der Vers sich zu einer Eigenmacht des Tönens hob, die zwingender wirkte als sein Gehalt. Klangfiguren aus wohlabgestimmten Vokalen und Konsonanten oder aus rhythmischen Parallelen verzaubern das Ohr. Doch hat älteres Dichten in solchen Fällen nie den Gehalt preisgegeben, eher danach getrachtet, ihn eben durch die Klangdominante in seiner Bedeutung zu steigern. Beispiele aus Vergil, Dante, Calderön, Racine sind leicht zu finden. Seit der europäischen Romantik treten andere Verhältnisse auf. Verse entstehen, die mehr tönen als sagen wollen. Das Klangmaterial der Sprache erhält suggestive Gewalt. Im Verein mit einem zu assoziativen Schwingungen gebrachten Wortmaterial erschließt es eine traumhafte Unendlichkeit. Man lese Brentanos Gedicht, das mit dem Vers beginnt: Es will nicht eigentlich mehr verstanden, sondern als tönende Suggestion aufgenommen werden. Stärker als bisher scheiden sich in der Sprache die Funktion der Mitteilung und die Funktion, ein unabhängiger Organismus musikalischer Kraftfelder zu sein. Aber die Sprache bestimmt auch den dichterischen Prozeß selbst, der sich den in ihr liegenden Impulsen hingibt. Die Möglichkeit ist erkannt, ein Gedicht durch eine Kombinatorik entstehen zu lassen, die mit den tönenden und rhythmischen Elementen der Sprache schaltet wie mit magischen Formeln. Aus ihnen, nicht aus der thematischen Planung, kommt dann sein Sinn zustande - ein schwebender, unbestimmter Sinn, dessen Rätselhaftigkeit weniger von den Kernbedeutungen der Worte verkörpert wird als vielmehr von ihren Klangkräften und semantischen Randzonen. Diese Möglichkeit wird in der modernen Poesie zur beherrschenden Praxis. Der Lyriker wird zum Klangmagier.
      Die Erkenntnis von der Verwandtschaft zwischen Poesie und Magie ist zwar uralt. Doch mußte sie neu erworben werden, nachdem Humanismus und transalpiner Klassizismus sie verschüttet hatten. Das erfolgte seit dem endenden 18. Jahrhundert und führte in Amerika zu den Theorien E. A. Poes. Sie empfahlen sich dem anwachsenden, spezifisch modernen Bedürfnis, Dichtung ebenso zu intellek-tualisieren wie an archaische Praktiken anzuschließen. Die Nähe, indie schon Novalis Begriffe wie Mathematik und Magie zueinander rückt, wenn er von Dichtung spricht, ist ein Symptom solcher Modernität. Wir finden die beiden Begriffe von Baudelaire bis zur Gegenwart, wenn die Lyriker über ihre Kunst nachdenken.
      Baudelaire hat Poe übersetzt und ihm dadurch jene Wirkung mindestens in Frankreich gesichert, die bis ins 20. Jahrhundert hinein andauert, worüber allerdings angelsächsische Autoren - zuletzt Eliot - sich zu wundern pflegen. In Betracht kommen hier Poes beide Aufsätze A Philosophy of Composition und The Poetic Principle . Es sind Denkmäler einer künstlerischen Intelligenz, die ihre Ergebnisse aus der Beobachtung eigenen Dichtens gewinnt. Sie verkörpern jenes Zusammentreffen von Dichtung und ranggleicher Reflexion über Dichtung, das ebenfalls ein wesentliches Symptom der Modernität ist. Baudelaire hat den ersten Aufsatz vollständig übertragen, den zweiten in Auswahl. Ihre Theorien hat er sich ausdrücklich zu eigen gemacht. Sie können daher auch als die seinen angesehen werden.
      Der Einfall Poes besteht darin, daß er die von der älteren Poetik angenommene Reihenfolge der dichterischen Akte umkehrte. Was Resultat scheint, die , ist der Ursprung des Gedichts; was Ursprung scheint, der , ist Resultat. Den Anfang des dichterischen Prozesses bildet ein der sinnhaltigen Sprache vorausgehender, insistierender , ein gestaltloses Gestimmtsein. Um ihm Gestalt zu geben, sucht der Autor nach denjenigen Lautmaterialien der Sprache, die einem solchen Ton am nächsten kommen. Die Laute werden an Worte gebunden, diese schließlich zu Motiven gruppiert, aus denen, als Letztes, ein Sinnzusammenhang hergestellt wird. Hier ist zur folgerichtigen Theorie erhoben, was bei Novalis ahnender Entwurf war: Dichtung entsteht aus dem Impuls der Sprache, die, ihrerseits dem vorsprachlichen gehorchend, den Weg weist, auf dem sich die Gehalte einfinden; die Gehalte werden nicht mehr zur eigentlichen Substanz des Gedichts, sondern sind Träger der Tonmächte und ihrer bedeutungsüberlegenen Schwingungen. Poe zeigt, daß z. B. das Wort in einem seiner Gedichte seine Existenz der unstrengen Assoziation aus voraufgegangenen Versen, aber auch seinem Klangreiz verdankt. Kurz danach beschreibt er die - ohnehin beiläufige -Gedankenführung als eine bloße Suggestivität des Unbestimmten, weil auf diese Weise die Tondominante gewahrt und nicht von einer Sinndominante um ihre Wirkung gebracht wird. Solches Dichten versteht sich als Hingabe an magische Sprachkräfte. In der Zuweisungeines nachträglichen Sinnes zum primären Ton hat es von mathematischer Präzision> zu sein. Das Gedicht selbst ist ein in sich geschlossenes Gebilde. Es vermittelt weder Wahrheit noch Trunkenheit des Herzens>, vermittelt überhaupt nichts, sondern ist: the poem per se. Mit solchen Gedanken Poes ist diejenige moderne Dichtungstheorie begründet, die später um den Begriff der poesie pure kreisen wird.
      Wahrscheinlich haben Novalis und Poe die Lehren der französischen Illuminaten gekannt. Von Baudelaire wissen wir es. Zu diesen Lehren gehört eine spekulative Sprachtheorie: das Wort ist nicht menschliches Zufallserzeugnis, sondern entspringt dem kosmischen Ur-Einen; sein Aussprechen bewirkt magischen Kontakt des Sprechers mit solchem Ursprung; als dichterisches Wort taucht es die trivialen Dinge wieder in das Geheimnis ihrer metaphysischen Herkunft und stellt die verborgenen Analogien unter den Seinsgliedern ins Licht. Da Baudelaire mit diesen Gedankengängen vertraut war, mußte ihm die Ãobernahme der vermutlich aus den gleichen Quellen angeregten Dichtungslehren Poes naheliegen. Auch bei ihm hören wir von der Notwendigkeit des Wortes, in einem Satz, den später Mallarme zitieren wird: . Die Formel kehrt häufig wieder, auch auf die bildenden Künste bezogen. Sie ist Ausdruck eines im Vorstellungsbereich der Magie und der sekundären Mystik stehenden Denkens. Wendungen wie , sind nicht minder häufig. Und schließlich stellt sich ein weiteres Stichwort ein: Suggestion; wir haben es später zu erörtern.
      Es verschlägt nichts, daß die Fleurs du Mal nur an wenigen Stellen solche reine Sprachmagie walten lassen, etwa in Form ungewöhnlicher Reimhäufungen, Fernassonanzen, Tonbögen, sinnlenkender, nicht sinngelenkter Vokalabfolgen. In den theoretischen Erörterungen ist Baudelaire sehr viel weiter gegangen. Sie deuten auf eine Lyrik voraus, die zugunsten der magischen Klangkräfte zunehmend auf sachliche, logische, affektive und auch grammatische Ordnung verzichtet und sich aus den Impulsen des Wortes Gehalte zuwerfen läßt,die durch planende Ãoberlegung nicht gefunden worden wären. Es sind Gehalte abnormen Sinnes, an der Grenze oder jenseits der Grenze des Verstehbaren. Hier schließt sich der Ring, hier zeigt sich eine weitere Folgerichtigkeit in der Struktur der modernen Lyrik. Ein Dichten, dessen Idealität leer ist, entrinnt dem Wirklichen durch Erzeugen einer unfaßlichen Geheimnishaftigkeit. Um so mehr kann es sich durch die Sprachmagie unterstützen lassen. Denn mittels Operieren in den Klang- und Assoziationsmöglichkeiten des Wortes werden weitere sinndunkle Gehalte entbunden, aber auch geheimnisvolle Zaubermächte des reinen Tönens.

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