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Konzentration und Formbewußtsein; Lyrik und Mathematik



Die Fleurs du Mal sind von einem thematischen Geäder durchzogen, das sie zu einem konzentrierten Organismus macht. Man könnte sogar von einem System sprechen, zumal die Aufsätze, die Tagebücher und auch einige Briefe für die durchdachte Verstrebung der Themen sorgen. Es sind nicht viele Themen. Auch ist erstaunlich, wie früh sie auftreten, schon in den vierziger Jahren. Baudelaire wird bis zum Erscheinen der Fleurs du Mal und bis zu seinem Tode ihren Umkreis kaum überschreiten. Er hat lieber an der Verbesserung eines frühen Entwurfs gearbeitet, als ein neues Gedicht geschrieben. Man hat darin Unfruchtbarkeit sehen wollen. In Wahrheit ist es die Fruchtbarkeit der Intensität, welche die einmal erreichte Durchbruchsstelle nach der Tiefe zu weitet und festigt. Sie aktiviert den künstlerischen Vollendungswillen, weil erst in der Reife der Form die Ãoberpersönlichkeit des Ausgesagten gesichert ist. Die wenigen Themen Baudelaires lassen sich verstehen als Träger, Varianten, Metamorphosen einer Grundspannung, die wir verkürzt bezeichnen können als Spannung zwischen Satanismus und Idealität. Die Spannung bleibt ungelöst. Aber sie hat im ganzen diejenige Ordnung und Folgerichtigkeit, die jedes Gedicht im einzelnen hat.
      Zwei Wege künftiger Lyrik sind hier noch eine Einheit. Die ungelöste Spannung wird bei Rimbaud sich zur absoluten Dissonanz steigern, dabei aber jede Ordnung und Kohärenz zerstören. Auch Mallarme wird die Spannung verschärfen, wird sie indessen auf andere Themen verlagern, hierin wieder eine BAUDELAiRE-ähnliche Ordnung schaffen, diese allerdings dann zurückziehen in eine neue sinndunkle Sprache.
     
Mit der konzentrierten Thematik seines Dichtens erfüllt Baudelaire den Vorsatz, sich nicht an die auszuliefern. Sie mag in der Dichtung auftreten, ist aber noch nicht Dichtung selbst, sondern nur Material. Der zur reinen Dichtung führende Akt heißt Arbeit, planmäßiges Errichten einer Architektur, Operieren mit den Impulsen der Sprache. Baudelaire hat mehrmals darauf aufmerksam gemacht, daß die Fleurs du Mal kein bloßes Album sein wollen, sondern ein Ganzes mit Anfang, gegliedertem Fortgang und Ende. Das trifft zu. Inhaltlich bieten sie Verzweiflung, Lähmung, fiebrigen Aufschwung ins Irreale, Todessucht, morbide Reizspiele. Aber noch können diese negativen Inhalte umschlossen werden von einer durchdachten Komposition. Neben Petrarcas Can-zoniere, Goethes Westöstlichem Divan und Guillens Cäntico sind die Fleurs du Mal das architektonisch strengste Buch der europäischen Lyrik. Alles, was Baudelaire nach ihrem ersten Erscheinen hinzugefügt hat, wird von ihm so angelegt, daß es, wie er brieflich bekennt, in den Rahmen paßt, den er schon um 1845 entworfen und in der Erstauflage ausgebaut hatte. In dieser hatte sogar die alte Gepflogenheit der Zahlenkomposition eine Rolle gespielt. Sie enthielt hundert Gedichte in fünf Gruppen. Das ist ein weiteres Zeichen für den formalen Bauwillen. Daß hierin ein allgemeines romanisches Formstreben spricht, ist sicher. Darüber hinaus legen die in seinen Gedichten erkennbaren Reste christlichen Denkens die Vermutung nahe, daß in seinem auffallend genauen Formgefüge hochmittelalterliche Symbolik nachklingt, die in den Kompositionsformen die Ordnung des erschaffenen Kosmos zu spiegeln pflegte.
      Baudelaire hat in den nächsten Auflagen die zahlenmäßige Rundung wieder aufgegeben, aber die innere Ordnung verstärkt. Sie ist unschwer zu erkennen. Nach einem das Ganze vorwegnehmenden Einleitungsgedicht bietet die erste Gruppe den Kontrast zwischen Aufschwung und Absturz. Die folgende Gruppe zeigt den Versuch eines Ausweichens in die äußere Welt der Großstadt, die dritte den versuchten Ausbruch in das künstliche Paradies. Auch dies bringt keine Ruhe. Daher erfolgt die Hingabe an die Faszination des Zerstörenden: dies ist der Inhalt der vierten Gruppe, die wie der Gesamttitel lautet . Die Folgerung aus allem ist der höhnende Aufruhr gegen Gott in der fünften Gruppe . Als letzter Versuch bleibt übrig, Ruhe im Tod zu finden, im absolut Unbekannten: so endet das Werk in der letzten und sechsten Gruppe, La Mort. Doch spricht sich der ar-chitektonische Plan auch innerhalb der einzelnen Gruppen aus, als eine Art dialektischer Abfolge der Gedichte. Das braucht hier nicht gezeigt zu werden. Denn das Wesentliche ergibt sich aus dem Ganzen. Es ist ein bewegtes Ordnungsgefüge, dessen Linien in sich selbst wechseln und das im Gesamtverlauf eine Kurve von oben nach unten bildet. Das Ende ist der tiefste Punkt. Er heißt , weil nur im Abgrund noch Hoffnung ist, das zu sehen. Welches Neue? Die Hoffnung des Abgrunds hat kein Wort dafür.
      Daß Baudelaire die Fleurs du Mal als Bauwerk angeordnet hat, belegt seinen Abstand von der Romantik, deren lyrische Bücher bloße Sammlungen sind und in der Beliebigkeit der Anordnung den Zufall der Eingebung auch formal wiederholen. Es belegt ferner die Rolle, die formale Kräfte in seinem Dichten spielen. Diese bedeuten weit mehr als Schmuck, als gebührende Gepflegtheit. Sie sind Mittel der Rettung, aufs äußerste gesucht in einer aufs äußerste beunruhigten geistigen Lage. Schon immer wußten Dichter, daß der Kummer sich im Liede löst. Es ist das Wissen von der Katharsis des Leidens durch Verwandlung ins hochgeformte Wort. Aber erst im 19. Jahrhundert, als zielhaftes Leiden in zielloses Leiden überging, in die Verödung, schließlich in den Nihilismus, wurden die Formen so dringlich zur Rettung, obwohl sie, als das Geschlossene und Ruhende, in Dissonanz treten zu den ruhelosen Gehalten. Wieder treffen wir auf eine Grunddissonanz moderner Poesie. So wie sich das Gedicht vom Herzen getrennt hat, so trennt sich Form vom Gehalt. Ihre Rettung ist nur eine solche der Sprache, während der Gehalt in seiner Ungelöstheit belassen wird.
      Baudelaire hat die Rettung durch Formen oft ausgesprochen. So an einer Stelle, deren Sinn weniger harmlos ist, als es nach ihren herkömmlichen Worten scheinen mag:

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Konzentration  Formbewußtsein;  Lyrik  Mathematik    


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