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Entpersönlichung



Die Forschung hat viel geleistet in der Aufdeckung der Zusammenhänge, die zwischen Baudelaire und den Romantikern bestehen. Wir haben hier aber von seiner Andersartigkeit zu sprechen, von dem, was ihn befähigte, romantisches Erbe umzuwandeln in ein Dichten und Denken, das seinerseits die Lyrik der Späteren hervorrief.
      Die Fleurs du Mal sind keine Konfessionslyrik, kein Tagebuch privater Zustände, so viel auch aus dem Leiden eines Vereinsamten, Unglücklichen, Kranken in sie eingegangen ist. Keines seiner Gedichte hat Baudelaire datiert, wie Victor Hugo das tat. Keines ist aus biographischen Tatsachen in seiner eigentlichen Thematik aufhellbar. Mit Baudelaire beginnt die Entpersönlichung der modernen Lyrik, mindestens in dem Sinne, daß das lyrische Wort nicht mehr aus der Einheit von Dichtung und empirischer Person hervorgeht, wie dies, zum Unterschied von vielen Jahrhunderten früherer Lyrik, die Romantiker angestrebt hatten. Man kann nicht ernst genug nehmen, was Baudelaire selbst dazu sagt. Es mindert seine Aussagen nicht, daß sie im Anschluß an ähnliche von E. A. Poe erfolgen, rückt sie vielmehr in die richtige Linie.
      Außerhalb Frankreichs hat Poe am entschiedensten Lyrik und Herz voneinander getrennt. Er wünschte als ihr Subjekt eine enthusiastische Erregung, die aber nichts zu tun hat mit der persönlichen Leidenschaft und nichts mit . Vielmehr meint er mit ihr eine umfassende Ge-stimmtheit, nennt sie wohl Seele, um sie überhaupt zu benennen,fügt aber jedesmal hinzu: . Baudelaire wiederholt derartiges wörtlich und variiert es mit eigenen Formulierungen. , im Gegensatz zur . Hier ist zu berücksichtigen, daß Baudelaire die Phantasie als ein intellektuell gelenktes Operieren auffaßt; das wird später zu zeigen sein. Von dieser Auffassung fällt das nötige Licht auf die eben zitierten Worte. Sie fordern das Absehen von jeder persönlichen Sentimentalität zugunsten einer hellsichtigen Phantasie, die schwerere Aufgaben auf bessere Weise bewältigt als jene. Er legt einmal dem Dichter die Devise zu: . In einem Brief spricht er von der , womit gemeint ist, daß sie jede mögliche Bewußtseinslage des Menschen auszusprechen vermögen, mit Vorliebe die extremsten. Tränen? Ja, aber solche, . Baudelaire rechtfertigt die Poesie in ihrem Vermögen, das persönliche Herz zu neutralisieren. Noch geschieht das tastend, vielfach verhüllt durch ältere Vorstellungen. Aber es geschieht so, daß der künftige Weitergang von der Neutralisierung der Person zur Enthumanisierung des lyrischen Subjekts in seinem geschichtlichen Zwang zu erkennen ist. Immerhin liegt bei ihm schon diejenige Entpersönlichung vor, die später von T. S. Eliot und anderen zur Voraussetzung für die Genauigkeit und Gültigkeit des Dichtens erklärt werden wird.
      Fast alle Gedichte der Fleurs du Mal sprechen aus dem Ich. Baudelaire ist ein völlig über sich selbst gebeugter Mensch. Doch sieht dieser Selbstbezogene, wenn er dichtet, kaum auf sein empirisches Ich. Er dichtet von sich, insofern er sich als Erleider der Modernität weiß. Sie liegt wie ein Bann über ihm. Oft genug hat er gesagt, daß sein Leiden nicht nur das seine ist. Bezeichnend, daß Reste seiner persönlichen Lebensinhalte, sofern sie seinen Gedichten noch anhaften, nur ungenau zur Sprache kommen. Verse wie etwa diejenigen Victor Hugos auf den Tod eines Kindes hätte er nie geschrieben. Mit einer zähen methodischen Gründlichkeit schreitet er in sich selbst alle Phasen ab, die unter dem Zwang der Modernität entstehen: die Angst, die Ausweglosigkeit, das Zusammenbrechen vor der glühend gewollten, aber ins Leere sich entziehenden Idealität. Er spricht von seiner Besessenheit, jenes Schicksal auf sich zu nehmen. und sind zwei seiner Schlüsselwörter. Ein weiteres ist , und daneben Zentralisierung des Ich>. Ermacht sich den Ausspruch Emersons zu eigen: . Die Gegenbegriffe lauten: und . Der letztere - aus den französischen Illuminaten des 18. Jahrhunderts stammend - meint Selbstpreisgabe, unerlaubtes Ablassen vom geistigen Schicksal, Flucht zu den anderen, Verrat durch Zerstreuung. Das sind die Symptome der modernen Zivilisation, wie Baudelaire betont, Gefahren, vor denen er selbst sich zu hüten hat - er, der , kraft der Sammlung auf ein Ich, das den Zufall der Person ausgeschieden hat.
     

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