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Endzeit und Modernität



Auch im Thematischen ist die Wendung zu erkennen, mit der sich Baudelaire von der Romantik entfernt. Was er aus ihr ererbt hat -und es ist vieles -, macht er so sehr zu einer harten Erfahrung, daß im Vergleich zu ihm die Romantiker sich ausnehmen wie Spieler. Sie hatten die seit der Spätaufklärung wieder um sich greifende eschatologische Geschichtsdeutung fortgebildet, wonach die eigene Epoche als Endzeit bestimmt wird. Doch handelte es sich dabei noch vorwiegend um eine Stimmung, entgiftet in den Farbschönheiten, die man dem kulturellen Sonnenuntergang abzugewinnen vermochte. Auch Baudelaire situiert sich und seine Epoche in die Endzeit. Das geschieht aber mit anderen Bildern und Erregungen. Das eschatologische Bewußtsein, das Europa seit dem 18. Jahrhundert durchzieht und bis in unsere Gegenwart reicht, trat bei ihm in die Phase erschreckter wie erschreckender Scharfsicht. 1862 entsteht sein Gedicht Le coucher du soleil romantique. Es enthält eine Folge abnehmender Licht- und Freudegrade, die hinunterführt zu kalter Nacht und zum Grausen vor Sümpfen und widerlichem Getier. Die Symbolik ist unmißverständlich. Sie deutet auf endgültige Verdüsterung, auf Verlust der auch in Untergängen noch möglichen Vertrautheit der Seele mit sich selbst. Baudelaire weiß, daß eine dem Zeitschicksal angemessene Poesie nur zu gewinnen ist im Ergreifen des Nächtlichen und Abnor-nem: es bleibt die einzige Stätte, wo die sich selbst entfremdete Seele noch dichten und der Trivialität des entrinnen kann, in den sich die Endzeit verkleidet. Folgerichtig nennt er seine Fleurs du Mal .
      In einem ganz anderen Maß als die Romantiker hat er den Begriff der Modernität durchdacht. Es ist ein sehr komplexer Begriff. In negativer Hinsicht meint er die Welt der pflanzenlosen Großstädte mit ihrer Häßlichkeit, ihrem Asphalt, ihrer künstlichen Beleuchtung, ihren Steinschluchten, ihren Sünden, ihren Einsamkeiten im Menschengewimmel. Er meint weiterhin die Epoche der mit Dampf und Elektrizität arbeitenden Technik und des Fortschritts. Baudelaire definiert den Fortschritt als progressive Abnahme der Seele, progressive Herrschaft der Materie> , ein andermal als . Wir hören vom unendlichen Ekel> an den Plakaten, an den Zeitungen, an der

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