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Die leere Idealität



Indessen versteht man von diesem ruinösen Christentum her eine weitere, für die Folgezeit bedeutsame Eigentümlichkeit Baudelaire-schen Dichtens. Sie haftet an Begriffen wie , , . Aber Aufstieg wohin? Da und dort wird Gott als Ziel genannt. Viel häufiger aber hat es nur unbestimmte Namen. Was ist es? Antwort gibt das Gedicht tlevation. Gehalt und Tonführung weisen Höhenlage auf. Drei Strophen sind Anrede an den eigenen Geist, Aufforderung, über Teiche, Täler, Berge, Wälder,
Wolken, Meere, Sonne, Ã"ther, Sterne sich hinaufzuschwingen in eine jenseitige Feuersphäre, die von den Miasmen des Irdischen reinigt. Dann bricht die Anrede ab. Eine Aussage allgemeinerer Art folgt: glücklich, wer dies vermag und in solcher Höhe die Sprache der verstehen lernt.
      Das Gedicht bewegt sich in einem geläufigen Schema platonischer und christlich-mystischer Herkunft. Nach diesem Schema steigt der Geist in eine Transzendenz auf, die ihn so verändert, daß er rückblickend die Hülle des Irdischen durchdringt und dessen wahres Wesen erkennt. Es ist das Schema der - christlich so benannten - ascen-sio oder elevatio. Die letzte Bezeichnung ist genau die, die den Titel des Gedichts bildet. Doch sind weitere Ãobereinstimmungen zu beobachten. Nach christlich-theologischer Lehre ist der oberste Himmel die eigentliche Transzendenz, der Feuerhimmel, das Empyreum. Bei Baudelaire heißt dies: . Und wenn man weiterhin liest: , so erinnert das an den in der Mystik geläufigen Akt der purificatio. Schließlich: die Mystik pflegte den Aufstieg vielfach in neun Stufen zu gliedern, wobei der Inhalt der Stufen wechseln kann, weil es auf die sakrale Neunzahl ankommt. Sie findet sich auch in unserem Gedicht. Genau neun Bereiche sind es, über die der Geist sich hinaufschwingen soll. Das ist frappant. Liegt eine Nötigung aus mystischer Tradition vor? Vielleicht. Es wäre eine Nötigung ähnlich der, die überhaupt christliches Erbe auf Baudelaire ausübte. Zu entscheiden ist dies nicht, zumal auch an Einwirkungen aus Swedenborg und anderen Neumystikern gedacht werden kann. Doch kommt es uns auf etwas anderes an. Gerade weil das Gedicht so sehr übereinstimmt mit dem mystischen Schema, wird sichtbar, was ihm zur vollen Ãobereinstimmung fehlt: nämlich das Ankommen des Aufstiegs, ja sogar der Wille zum Ankommen. Einst hatte der spanische Mystiker Juan de la Cruz gedichtet: Bei Baudelaire ist das Ankommen nur noch eine zwar gewußte, doch ihm selber nicht gegönnte Möglichkeit, wie die Schlußstrophen ergeben. In vager Weise ist die Rede vom , von der , von den dichthellen Räumen>. Von Gott ist nicht die Rede. Wir erfahren auch nicht, welcher Art die nunmehr verstandene Sprache der Blumen und Dinge wäre. Das Ziel des Aufstiegs ist nicht nur fern, sondern leer, eine inhaltslose Idealität. Sie ist ein bloßer Spannungspol, hyperbolisch angestrebt, aber nicht betreten.
      So ist es überall bei Baudelaire. Die leere Idealität hat romanti-sehen Ursprung. Baudelaire aber dynamisiert sie zu einer Anziehungskraft, die, indem sie übermäßige Spannung nach oben weckt, den Gespannten nach unten zurückschlägt. Sie ist, wie das Böse, eine Nötigung, der gehorcht werden muß, ohne daß der Gehorchende entspannt wird. Daher die Gleichsetzung von und , daher Wendungen wie: . Solche Wendungen sind auch aus den klassischen Mystikern bekannt, bezeichneten dort den schmerzend-lustvollen Zwang der göttlichen Gnade, die Vorstufe der Beseligung. Bei Baudelaire haben die beiden Pole, das satanisch Böse wie die leere Idealität, den Sinn, diejenige Erregung wachzuhalten, die das Entrinnen aus der banalen Welt ermöglicht. Doch das Entrinnen ist ziellos, kommt über die dissonantische Erregung nicht hinaus.
      Das letzte Gedicht der Fleurs du Mal, Le Voyage, das alle Versuche des Ausbruchs durchprüft, endet mit dem Entschluß zum Tod. Was der Tod bringt, weiß das Gedicht nicht. Aber er lockt. Denn er ist die Chance, ins zu führen. Und das Neue? Es ist das Unbestimmbare, der leere Gegensatz zur Ã-de des Wirklichen. An die Spitze der BAUDELAiREschen Idealität stellt sich der völlig negativ und inhaltslos gewordene Begriff des Todes.
      Es ist die Wirrnis solcher Modernität, daß sie bis zur Neurose vom Drang nach Entrinnen aus dem Wirklichen gequält ist, aber ohnmächtig, an eine inhaltlich bestimmte, sinngefügte Transzendenz zu glauben oder sie zu schaffen. Das führt ihre Dichter zu einer Spannungsdynamik ohne Lösung und zu einer Geheimnishaftigkeit um ihrer selbst willen. Baudelaire spricht oft vom Ãobernatürlichen und vom Mysterium. Was er damit meint, versteht man nur, wenn man, wie er selbst, darauf verzichtet, diese Worte mit einem anderen Inhalt zu füllen als mit der absoluten Geheimnishaftigkeit selber. Die leere Idealität, das unbestimmte , mit Rimbaud noch unbestimmter, mit Mallarm£ zum Nichts werdend, und die in sich selbst kreisende Geheimnishaftigkeit moderner Lyrik: das sind Entsprechungen.
     

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