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Bacchelli, Riccardo - Leben und Biographie



Riccardo Bacchelli beeindruckt durch sein in sechs Jahrzehnten gewachsenes, umfangreiches und vielseitiges Gesamtwerk, das literarische Essays und historische Abhandlungen, Kritiken, Reisebeschreibungen und Lyrik sowie historisch-politische Romane umfasst.
      Nach dem Ersten Weltkrieg war Bacchelli Mitglied einer literarischen Gruppe um die Zeitschrift LaRonda, die in Frontstellung zur Avantgarde ein traditionelles,klassizistisches Litera-turprogramm vertrat. Dabei gehörte er zum Typus des gelehrten Dichters, der für seine besonders ausgedehnten geschichtlichen, ökonomischen und technischen Kenntnisse im historischen Roman die adäquate Form fand. Sie sicherte ihm mit Werken wie Der Teufel auf dem Pontelungo oder Die Mühle am Po bleibenden Nachruhm - zumindest bei der italienischen Leserschaft, der er farbige Bilder aus der nationalen Vergangenheit präsentierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte sich der Romancier sowohl an biblischen Stoffen wie an aktuell politischen [Der Sohn Stalins, 1953), wobei sich seine ausgeprägte Neigung zu gelehrten Exkursen bisweilen störend bemerkbar machte.
      Die Mühle am Po
Im Schicksal einer Familie über drei Generationen hinweg spiegelt der dreibändige Roman Die Mühel am Po den mühsamen Weg der italienischen Nation zu Einheit und Unabhängigkeit und wird deshalb auch als ein »Nationalepos« des modernen Italien bezeichnet. Inhalt: Erzählt werden die Schicksale der Familie Scacerni aus der Provinz Emilia, die eine Mühle am Po betreibt.
      Im ersten Band Möge Gott dich behüten kommt der Soldat Lazzaro Scacerni während Napoleons Russland-Feldzug in den Besitz eines Juwelenschatzes, der aus einem Kirchenraub stammt. Vom Erlös kann er nach seiner Heimkehr die Mühle bauen, die der Roman-Trilogie den Titel gibt. Zwischen Gewissensbissen und Erwerbseifer hin und her gerissen, bringt er es zu Ansehen und Wohlstand. Immer wieder ist es vor allem das Hochwasser des Po, das Wohlstand und Leben der Familie bedroht. Mit seiner Ehefrau Dosalina hat Lazzaro den Sohn Giuseppe, der seine Eltern jedoch verachtet und von Grundstücksspekulationen lebt. Er zwingt die vitale Cecilia, die der Vater einst aus den Fluten des Po gerettet hatte, in eine unglückliche Ehe.
      Im zweiten Band, Das Elend kommt im Boot, lernt Cecilia ihren charakterschwachen Mann verachten, pflegt ihn jedoch aufopfernd, als er nach einer weiteren Ãoberschwemmung den Verstand verliert.
      Im dritten Band Alte Welt, ewig neu, muss Cecilia erleben, dass einer ihrer Söhne in Garibaldis Freiheitsarmee fällt, während der zweite für einen Totschlag bestraft wird, mit dem er die Ehre seiner Schwester zu verteidigen suchte. Der dritte Sohn, Giovanni, adoptiert den unehelichen Lazzaro, der im Ersten Weltkrieg fällt. Aufbau: Die Roman-Trilogie will Familienroman und »Roman einer Epoche« zugleich sein - darin ist sie etwa Thomas -> Manns Buddenbrooks eng verwandt. Die Schicksale der einzelnen Familienangehörigen fügen sich in einen generationsübergreifenden Zusammenhang. Bacchelli beschreibt Aufstieg und Niedergang einer Familie, die symbolisch durch ihr Haus -hier also die Mühle am Po - repräsentiert wird. Zugleich sind die familiären Ereignisse eingebunden in die Geschichte des italienischen »Ri-sorgiomento«, also des Kampfes für nationale Einheit und Unabhängigkeit im 19. Jahrhundert. Besonders akzentuiert wird diese politische Dimension dadurch, dass der regionale Handlungsraum in der Provinz Emilia als Grenzgebiet zwischen Habsburg und dem Kirchenstaat besonders umstritten ist. Ein klassisches Vorbild für diese Verschränkung von Fa-milien- und Nationalgeschichte fand Bacchelli in dem Roman Die Verlobten von Alessandro -> Manzoni.
      Sein Sprachstil wechselt zwischen verschiedenen Tonlagen, ist einerseits pathetisch und melodramatisch, andererseits auch humoristisch. Sprichwörter, Redensarten und Dialekt geben die Sicht des Volkes wieder, werden insgesamt aber von einer rhetorisch geprägten und altertümlich wirkenden Erzählersprache überlagert. Die Kritik vieler Leser an der Neigung des Erzählers zur Belehrung hat den deutschen Ãobersetzer Stefan Andres die Konsequenz ziehen lassen, solche lehrhaften Exkurse zu streichen. Wirkung: Die Mühle am Po ist aus dem Kanon der italienischen Nationalliteratur nicht mehr wegzudenken: Inhaltlich bietet es sich als Projektionsfläche für den italienischen Patriotismus an; literarisch führt es die historische Erzählkunst in Manzonis Nachfolge mit den für Italien so wichtigen regionalistischen Traditionen zusammen. Film-und Fernsehfassungen haben seine Popularität erneuert.


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Bacchelli,  Riccardo    


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