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Serge Doubrovsky: Le Livre brise



Zu den signifikanten Merkmalen der französischen Literatur der letzten 15 Jahre gehört die Renaissance der Gattung Autobiographie. Früher zum Repertoire vieler Autorinnen und Autoren gehörend und als anerkanntes Genre im Gattungssystem fest etabliert, war sie im Laufe der 50er Jahre vor allem vielen Nouveaux Romanciers wegen ihrer Subjektbezogenheit suspekt geworden. Umso erstaunlicher scheint darum, daß gerade auch Vertreter dieser Richtung , aber auch andere zeitgenössischen Autorinnen und Autoren , in den letzten Jahren verstärkt eine Rückkehr zum autobiographischen Schreiben proklamieren. Allerdings, und das weist auf den Prozeßcharakter literaturgeschichtlicher Entwicklung, handelt es sich bei dieser Rückkehr nicht um eine bloße Wiederbelebung einer traditionellen Gattung, sondern um den Versuch einer Neubestimmung dessen, was autobiographisches Schreiben auf der Folie der Moderne und besonders der im Nouveau Roman praktizierten Strategien und Verfahren sein kann. Nicht zufällig hat man sich daher daran gewöhnt, in diesem Zusammenhang von der Nouvelle Autobiographie zu reden.

      Am Beispiel des 1989 bei Grasset erschienenen und auf dem Titelblatt als Roman ausgewiesenen Le Livre brise von Serge Doubrovsky2, der zwar nicht zu den Klassikern des Nouveau Roman zählt, gleichwohl aber als typischer Vertreter der Nouvelle Autobiographie angesehen werden kann, sollen im folgenden einige für diese Gattung charakteristischen Schreibstrategien und Textproduktionsverfahren aufgezeigt werden, um anschließend die Frage zu stellen, welche Funktionen die Revalorisierung einer traditionellen Gattung im literarischen Prozeß haben könnte. Wenn Doubrovsky von seinem eigenen Buch sagt: "...c'est ä la limite de ce qu'on peut lire, c'est ä la limite de ce qu'on peut ecrire"3, dann ist damit ein Grund für die heftigen, bejahenden wie ablehnenden Reaktionen der französischen Kritik auf das 1989 mit dem "Prix Medicis" ausgezeichneten Livre brisegenannt. War für die einen diese "Grenzerfahrung" ein Faszinosum und ein Qualitätsmerkmal, so war anderen Kritikern genau dies - die radikal offene Darstellung nicht nur intimster Details, sondern auch der eigenen Schwächen - ein Stein des Anstoßes. Le Livre brise, als Provokation geschrieben, wurde auch als solche rezipiert; eine distanzierte, neutrale Position einzunehmen, scheint bei diesem ungewöhnlichen Buch kaum möglich, zumindest nicht bei einer ersten Lektüre. Einige Merkmale möchte ich kurz in Erinnerung rufen.
      Zwei Erkenntnisse, beide einer Schockerfahrung gleichkommend, stellen die Arbeit eines Ich an einem Roman, an seinem Roman, radikal in Frage: S. Doubrovsky, über dessen Identität mit diesem Ich nach einigen Seiten Lektüre kein Zweifel mehr besteht, muß am 8. Mai 1985, dem vierzigsten Jahrestag der Kapitulation des deutschen Faschismus, feststellen, daß er, der sich als 15/16-jähriger mit seiner Familie fast ein Jahr lang in Paris vor den Nazis verstecken mußte, nicht mehr weiß, was er am Tag der endgültigen Befreiung und des Sieges getan hat. Und ebenfalls vergessen hat er, wie ihm am gleichen Tag schmerzlich bewußt wird, ein anderes, für sein Leben ähnlich entscheidendes Ereignis, den Tag, an dem er zum erstenmal mit einer Frau geschlafen hat. Die Bewußtwerdung beider Gedächtnislücken, der im Kontext einer klassischen Autobiographie die Bedeutung eines Konversionserlebnisses zukäme, bildet den Ausgangspunkt einer intensiven und angestrengten Erinnerungs- und Schreibtätigkeit, die um die beiden Pole Kindheit, Elternhaus, Okkupation und Befreiung einerseits und Liebesbeziehungen andererseits kreist, um sich dann aber schon bald auf den letztgenannten Bereich zu konzentrieren. Zu diesen beiden Erinnerungslücken tritt eine dritte, konkrete Absenz - "Absences" ist im übrigen auch der Titel des 13 Kapitel umfassenden ersten Teils - die als schmerzlich und bedrohend empfundene Abwesenheit seiner Frau. Vom dritten Kapitel an wird sie, neben Doubrovsky selbst, zur zentralen Figur des Buches, denn mit diesem Kapitel setzt eine den ersten Teil auf nachhaltige Weise strukturierende Zweigleisigkeit ein, dergestalt, daß Doubrovskys Gedanken an jenem 8. Mai und am Folgetag regelmäßig unterbrochen werden durch Gespräche, Diskussionen und Streitereien, die er mit seiner Frau über eben diese Gedanken und deren schriftliche Fixierung hat. Während er um eine eher dezente Darstellung seiner Beziehung zu ihr und deren Geschichte bemüht ist und vor allem darum, seine eigene Geschichte, frühere Liebesbeziehungen inklusive, dabei nicht aus dem Auge zu verlieren, fordert sie, schließlich mit Erfolg und angetrieben durch den Anspruch, in seinem Buch die Hauptperson zu sein, eine radikal offene und vor allem vollständige Darstellung dessen, was die Beziehung zwischen ihr und ihm prägt. Das anfängliche Bild einer harmonischen

Beziehung kehrt sich am Ende um zu einem Zerrbild, zu einem Alptraum, ihre Darstellungen werden zunehmend zur Korrektur, ja mitunter zur Widerlegung seiner Erzählung. Auf dem Höhepunkt dieser Streitereien, als ihr Alkoholkonsum und ihre Depressionen, bis hin zum Selbstmordversuch, immer offenkundiger werden und es von seiner Seite zu tätlichen Ãobergriffen gegen sie kommt, endet der erste Teil. Das letzte Wort lautet: "tragedie". Zu Beginn des zweiten Teils, er beginnt im Dezember 1987, erfahren wir, daß seine Frau gestorben ist, im Alter von 36 Jahren. Offen bleibt zunächst, ob ihr Tod eine Folge des übermäßigen Alkohol- und Tablettenkomsums ist oder Selbstmord. Sie stirbt, allein in Paris, während er sich in seiner Funktion als Dozent in New York aufhält. Der zweite Teil, "Disparition" überschrieben und nicht mehr in Kapitel aufgeteilt, schildert neben seinem Schmerz und seinen Schuldgefühlen, die Bemühungen, mit diesem Ereignis, das dem Buch auch seinen Titel gibt, fertig zu werden, ihn schreibend zu verarbeiten, das begonnene Buch, das trotz aller Auseinandersetzungen ein Buch über die Einheit zweier Personen werden sollte, zu vollenden, obwohl diese Einheit zerbrochen ist. Sollten den 13 Kapiteln des ersten Teils ursprünglich noch zwei weitere folgen, eines "suicides" überschrieben und ein letztes mit dem Titel "hymne", ein Versöhnungskapitel, so tritt an ihre Stelle nun der zweite Teil "disparition". Gleichwohl kann man auch diesen Teil als ein solches Versöhnungskapitel lesen, eine zu späte Versöhnung allerdings, die in dem ohne jeden Beigeschmack einer Niederlage formulierten Eingeständnis liegt, daß es seiner Frau letztlich gelungen ist, sich zum Zentrum seiner Person und seines Buches zu machen und alles andere nebensächlich erscheinen zu lassen:
"...tu voulais etre LA SEULE FEMME DE MA VIE, LA FEMME SUPREME, tu l'es devenue, totalement [...] tu m'accompagnes ä chaque pas, dans tous mes coins et recoins je te retrouve, dans toutes mes fissures tu te glisses, mes moindres 16zardes tu les bouches, je suis plein ä craquer, ä ciaquer de toi, seulement ce plein, c'est du vide, voilä, tu triomphes, ta victoire, ce que tu voulais, je ne pense qu'ä toi, ä tout moment, personne d'autre, rien d'autre n'existe, seulement toi, TU N'EXI-STES PLUS."
Nach dieser summarischen Zusammenfassung, bei der fast ausschließlich die erzählten Ereignisse berücksichtigt wurden, sollen nun andere, insbesondere strukturelle Merkmale des Livre brise verdeutlicht werden.
      Beide Teile stellen auf unterschiedlichen Ebenen eine Reflexion über das Schreiben einer Autobiographie dar, ein ständiges Thematisieren der für ein solches Schreiben zentralen Frage nach dem Verhältnis von Authentizität und Fiktion. Zwei Beispiele mögen dies illustrieren. Im vorletzten Kapitel des ersten Teils schreibt Doubrovsky: "Je veux DU SOLIDE." . "Et puis, une petite lueur s'allume dans ma tete. Une petite idee, ingenue, perverse. L'Autobiographie, ce pantheon des pompesfunebres, l'acces m'en est interdit. D'accord. Mais je puis m'y introduire en fraude. Resquiller, ä la faveur de la fiction, sous le couvert du roman. Puisque j'ai commence par lä. Le fictif cautionnera, chaperonnera le reel. Teile est l'astuce. Si le lecteur a bien voulu me suivre, si j'ai reussi un peu, rien qu'un peu, ä reveiller son interet pour mon personnage, je lui refilerai ma personne" . Und unmittelbar nachdem er vom Tod seiner Frau erfahren hat und sich für ihn die Frage des Weiterschreibens stellt - und wenn ja, wie? - überlegt er: "Je n'avais qu'ä ecrire un roman, comme tout le monde. Un roman, on est maitre de le terminer ä sa guise, d'inventer, envers et contre tous si l'on veut, un heureux denouement. Je revais, au long recit de nos tribulations, une fin joyeuse. Si l'on decide d'ecrire sa vie, la vie decide ce qu'on ecrit. L'enchatnement des episodes, suite et fin, le recit ne nous appartient plus. II se moque bien des tourments et des scrupules de son auteur..." . Was sich im ersten Teil als ein Ausweg aus der Krise anbot, das Schreiben einer Autobiographie nämlich, wird jetzt, nach dem Tod der Frau, zum Problem. Kann der Autor als Romancier mit scheinbar grenzenloser Macht über Leben und Tod seiner Figuren verfügen, so ist dem Autobiographen eine solche Verfügungsgewalt nicht mehr gegeben. Er muß schreiben, was "das Leben diktiert".
      Die Wiederaufnahme eines Merkmals des ersten Teils im zweiten bei einer durch die "brisure" des Todes bedingten Akzentverschiebung, stellt auch ein strukturelles Moment dar, deren es noch mehrere gibt, wie andere Beispiele zeigen. Steht am Ende des ersten Teils das Projekt eines Versöhnungskapitels, zu dem es dann aber nicht mehr kommt, so endet der zweite Teil mit dem Gedankenspiel des eigenen Todes und damit der Möglichkeit einer Wiedervereinigung, zu der es aber noch nicht kommt: "moi je veux aussi crever, les rejoindre" . Schreibt Doubrovsky am Anfang: "si j'ecris, c'est pour tuer une femme par livre" und "si je dis vrai sur eile, sur moi, si j'ecris nos quatre verites, possible qu'elle me quitte" , so trifft genau dies am Ende zu. Ein weiteres Indiz: Der Versuch einer Bewältigung beider Krisen erfolgt jedesmal durch Schreiben, schreiben über sich und die Andere, Schreiben als produktive Möglichkeit einer neuen Sinnfindung: "JJ est temps d'ecrire. Pour me tirer du neant, la seule voie que je connaisse, pas d'autre methode. Dans les mots, j'ai toujours trouve LE remede" , und im zweiten Teil: "il faut que...je me leve, temps de me remettre au travail, si je veux te recreer, je dois ecrire" . Ein letztes Beispiel: Auch eine Analyse der Zeitstruktur macht deutlich, daß Le Livre brise die für autobiographisches Schreiben typische Doppelperspektive von schreibendem und erlebendem Ich aufweist und zwar so, daß dem schreibenden Ich alle Möglichkeiten fiktionaler Gestaltung zuge-standen werden, ohne daß der Wahrheitsanspruch des Geschehenen in Frage gestellt wird. Mit Doubrovskys Worten: "II faut que ma vie fasse roman pour que je puisse ecrire. II faut aussi que les histoires que je raconte soient achevees, forment un tout coherent, pour que je puisse les ressaisir dans une structure, un mouvement d'ecriture qui leur soit propre." Gerade der zuletzt genannte Punkt, die kunstvolle Verknüpfung von Fiktion und authentischen Erlebnissen, die keine der beiden Aspekte dominant erscheinen läßt, da sie beiden ein Optimum an Entfaltung konzediert, dadurch aber auch ihre festen Konturen auflöst und schließlich zur UnUnterscheidbarkeit führt, ist ein Charakteristikum des Livre brise und damit auch der Nouvelle Autobiographie. Doubrovsky hat für dieses Phänomen an anderer Stelle in bezug auf seinen früheren Roman Fils den Begriff autofiction geprägt5, der dann u.a. von G. Genette und Philippe Lejeune übernommen wurde6. Im englischsprachigen Bereich haben R. Federman und R. Sukenick die Bezeichnungen surfwtion und postmodern autobiography vorgeschlagen7; alle diese Begriffe können als Ã"quivalent für Nouvelle Autobiographie verstanden werden.
      Zusammenfassend läßt sich festhalten: Le Livre brise ist eine Autobiographie, die ihr eigenes Entstehen mitreflektiert, indem sie die verschiedenen Brüche, die ihre Genese begleiten und gerade für autobiographisches Schreiben in bezug auf das Verhältnis von Authentizität und Fiktion symptomatisch sind, thematisiert. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, stellt Le Livre brise jedoch nichts Neues bzw. Besonderes dar, da erstens das für eine traditionelle Autobiographie typische Primat der Authentizität, d.h. der Anspruch, dem Leser auf jeden Fall den Eindruck eines wahren Lebensberichtes zu vermitteln, schon lange vor Doubrovsky aufgegeben wurde und zweitens fast jedes autobiographische Schreiben, wie Alain
Buisine formuliert hat, gleichzeitig ein Nachdenken ist "sur ce qu'est une autobiographie en tant que Processus litteraire et existentiel. L'autobiographie personnelle est necessairement mediatisee par un metadiscours sur l'autobiographie".
      Aber, und das ist die Perspektive einer weiteren Lektüre, Doubrovsky geht das Thema "Autobiographie" noch von einer anderen Seite an, die sowohl Inhalt als auch Struktur des Textes betrifft. Denn neben den zahlreichen, bereits genannten Elementen, die sein Buch bestimmen , ist Le Livre brise auch eine Auseinandersetzung mit Sartre, insbesondere mit dessen Autobiographie Les Mots und dessen Roman La Nausee. Auf die komplexe inter-textuelle Vernetzung des Livre brise mit Sartres Les Mots - von der Zweiteilung über wörtliche Zitate bis hin zu ähnlichen oder zumindest ähnlich geschilderten Kindheitserlebnissen oder auch der Funktion der jeweiligen Partnerin als erste Leserin - haben Marie-Mignet Ollagnier und Alain Buisine bereits ausführlich hingewiesen. Doubrovsky hat sich lange vor dem Livre brise mit Sartre beschäftigt, und dessen Abschiedsworte an ihn, kurz vor seinem Tod, "vous etes un peu mon fils" , haben die Abfassung dieses Textes erheblich beeinflußt.
      Im folgenden möchte ich auf eine weitere Funktion aufmerksam machen, die Sartres autobiographische Texte für Doubrovsky haben. Nicht zufällig stehen in Le Livre brise eine Sartre-Eloge und eine Kritik an Autoren wie Foucault, Robbe-Grillet und Ricardou, die die Subjektinstanz in Frage stellen, nebeneinander . Es ist für Doubrovsky wichtig, nicht nur hinter einem philosophischen System, sondern hinter jeder geistigen Schöpfung überhaupt, die "Spur" eines konkreten, d.h. eines auch empfindenden Subjekts, erkennen zu können: "Le gouvernement des idees, avec une poigne de fer. Mais avant, il faut le vertige, la nausee" . Wenn Doubrovsky seinen ersten Sartre-Besuch mit dem Satz "Pour une fois que, derriere les textes, j'apercois lnomme" begründet, so ist dies auch das literarische Credo, das er selbst in Le Livre brise umgesetzt hat. Auch hier stehen "le vertige" und "la nausee" vor dem Entwurf der Gesamtstruktur des Werkes, auch hier bleibtbis in jede Zeile ein konkretes Subjekt, ein Ich erkennbar, spürbar. Daß sich hierfür Elemente der Gattungen Autobiographie und Tagebuch, wie sie für Le Livre brise konstitutiv sind, besonders gut eignen, leuchtet ein. Die Dominanz des Subjektes im Text hat für Doubrovsky aber auch einen existentiellen Aspekt. Auch wenn der Tod der Frau in erster Linie nicht eine Unterbrechung, sondern einen Anlaß, einen Generator für sein Schreiben darstellt, so ist für Doubrovsky dieses Ich-zentrierte Schreiben doch notwendig, um nach ihrem Tod überhaupt noch weiter existieren zu können. Schreiben wird hier zur Therapie, und der bereits zitierte Satz: "Dans les mots, j'ai toujours trouve LE remede" ist nicht nur auf die "heilende" Wirkung der Lektüre von Sartres Text zu beziehen, sondern ebenso auf eine Funktion des Schreibens für Doubrovsky.

     
   Schließlich muß im Kontext dieser Strategien zur "Rettung des Subjektes" eine weitere erwähnt werden, deren Ausgangspunkt auch bei Sartre zu suchen ist und die Doubrovskys Roman ebenso nachhaltig prägt. In seiner schon 1966 veröffentlichten Studie Pourquoi la Nouvelle critique? schreibt er:
"Nous dirons que, pour nous, l'analyse critique se präsente exactement comme une psychanalyse existentielle, selon l'expression inventee par Sartre. Psychanalyse: la connaissance, chez autrui, de ce qui est cache ä autrui ou de ce qu'autrui se cache, met le critique dans la meme position, en face de son texte, que le psychanaliste en face de son patient."

   Auch Le Livre brise kann man als die Umsetzung einer solchen "psychanalyse existentielle" lesen. Die Reflexionen des schreibenden Ich über sich selbst, das intensive Nachdenken über die Kindheit, die ausführlichen Berichte von den Sitzungen beim Psychoanalytiker, vor allem aber die Auseinandersetzungen mit seiner Frau, in deren Verlauf manches, was Doubrovsky vergessen, verdrängt, unterdrückt hatte, wieder in sein Bewußtsein kommt, können als Indiz für die These angesehen werden, daß er ein für die Literaturkritik aufgestelltes Postulat auf das eigene Schreiben, das Schreiben über sich, überträgt.

     
   Die enge Verbindung zwischen dem Literaturkritiker und dem Romancier Doubrovsky, die hier deutlich wird, hat sein Schreiben nicht erst seit der Abfassung des Livre brise bestimmt. Denn dieser "Roman" von 1989 ist der dritte Text einer Reihe von "Autofiktionen", die er 1977 mit Fils begann und 1982 mit Un Amour de soi fortsetzte15, zwei Texte, die auf dem Titelblatt ebenfalls als "Roman" ausgewiesen sind, denen aber auch die Identität von Autor-Erzähler-Person gemeinsam ist. Diese drei Werke verbindet eine ganze Palette von Merkmalen, von denen einige kurz genannt seien. Zunächst - ganz im Sinne der autofiction - die biographischen Elemente, wobei in jedem Roman jeweils eine andere Person im Zentrum steht: Fils handelt im Rahmen der Schilderung eines mit Träumendurchsetzten Tagesablaufs von der Beziehung Doubrovskys zu seiner Mutter, und Un Amour de soi erzählt die Geschichte eines über Jahre dauernden Liebesverhältnisses, vom Kennenlernen bis zum endgültigen Bruch, der zeitlich zusammenfällt mit der ersten Begegnung zwischen ihm und Ilse, seiner späteren zweiten Frau, die dann ja im Zentrum des Livre brise steht. Und wie in diesem, sind auch in den beiden anderen Werken die Spuren des Autor-Subjektes sehr deutlich zu erkennen.
      Eine weitere Gemeinsamkeit ist in den praktizierten Schreibstrategien zu sehen. Ständig wechselnde Stilebenen und Sprachregister, Wortspiele, Alliterationen und Anagramme, unterschiedliche Schrifttypen, Passagen ohne eindeutig markierte syntaktische Einheiten, oder auch das Schreiben in drei verschiedenen Sprachen . Alle diese Verfahren der Textproduktion erinnern an Techniken, die auch für den Nouveau Roman prägend sind. Dieser Umstand macht deutlich, daß Doubrovskys "zurück zum Subjekt" nicht als ein plumpes Ignorieren oder eine radikale Ablehnung neuer Strömumgen der Literatur- und Philosophiegeschichte zu verstehen ist. Im Gegenteil. Die Realisierung seines Konzeptes in Le Livre brise, aber auch in den beiden anderen genannten Romanen - "le texte renvoie vers le monde, et dans le cas de l'auto-biographie, vers le monde tel qu'il a ete vecu par le sujet" - erfolgt vor der Folie dieser Schreibstrategien, d.h. sie werden von Doubrovsky gezielt eingesetzt, um dem in Werken dieser Strömung verlorengegangenen Subjekt in seinem Werk wieder zu seinem Recht zu verhelfen.
      Es muß schließlich noch ein weiteres Merkmal erwähnt werden, das allen drei Werken gemeinsam ist, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung, und mit dem sich Doubrovsky von anderen Nouvelles Autobiogra-phies absetzt. Insbesondere Fils, zu dem Doubrovsky selbst zwei Interpretationen vorgelegt hat19, aber auch Un Amour de soi und Le Livre brise können unter das Motto "ecrire sa psychanalyse" subsumiert werden. Doubrovsky konstatiert für die zweite Hälfte der 70er Jahre eine Akzentverschiebung im Bereich der sogenannten "litterature analytique" oder "ecrits psychanalytiques" - d.h. bei Texten, die von Analytikernund/oder Patienten geschrieben worden sind -, die in einer "Entdeckung" der Literatur, und das heißt in diesem Zusammenhang: des Literarischen, vor allem der erzähltechnischen Verfahren, für diese Texte besteht. Eine besondere literarische Qualität vermag Doubrovsky bei dem Gros dieser Texte jedoch nicht zu erkennen, was seiner Meinung nach vor allem daran liegt, daß diese "ecriture" dem Moment des Unbewußten im Schreibprozeß selbst viel zu wenig Raum läßt, mit seinen Worten: "nul ne touche au signi-fiant." Unter diesem Gesichtspunkt seien viele Texte von Proust, Joyce oder Celine weitaus "psychoanalytischer", obwohl sie es gar nicht sein wollten. Der Roman Fils, so erläutert sein Autor, stellt den Versuch dar, "de mettre par ecrit, de faire passer dans l'ecrit, ce qui fut l'essence ou le vif d'une longue affaire de parole"21, er ist aber auch der Versuch, den "maux", genauer, den eigenen "maux" schreibend die Initiative zu überlassen, was eine Einbeziehung der signifiant-Ebene unmittelbar impliziert. Deutlich wird dieses "ecrire sa psychanalyse" schon im Titel. Fils, "dont la phonetisation, indecidable, oscille entre consonne liquide et sifflante, meme si, semantiquement, le "tissage" englobe la "filiation", trame genealogique"22, macht deutlich, wie ein solches Schreiben aussehen kann. Der Doppelbedeutung des Graphems Fils, die bis zum Ende beibehalten wird und die ein Aspekt dessen darstellt, was Doubrovsky im Anschluß an Ricardou "le champ de la consonance" nennt23, entspricht eine Ambivalenz auch in Doubrovskys realem Leben: "". Er behauptet aber auch, daß die zahlreichen komplexen und poetischen Schreibverfahren, die seine "ecriture" bestimmen, im Unterschied zu Ricardou, nicht von ihm bewußt ausgewählt wurden, sondern "'est venu comme 5a"25, um dann einige Seiten später zu präzisieren: "...eile [l'ecriture, H.W.] se doit d'inventer, dans son propre idiome, et dans une region linguistique parfaitement autonome, un principe de fonctionnement identi-que, ou parallele, accorde, pourrait-on dire, comme on le dit d'un instrument. Pour l'autobiographe, comme pour n'importe quel ecrivain, rien, pas meme sa propre vie, n'existe avant son texte; mais la vie de son texte, c'est sa vie dans son texte."

  
Im zweiten Aufsatz, in dem er sich mit seinem Roman Fils auseinandersetzt, faßt er diese "ecriture", die unbewußt und authentisch zugleich ist, als von der Neurose erfundene. Hier schlägt er auch den Bogen zum Problem des Verhältnisses von Authentizität und Fiktion, also zu seinem Begriff autofiction. Noch einmal Doubrovsky:
"...si l'on delaisse le discours chronologico-logique au profit d'une divagation poötique, d'un verbe vadrouilleur, oü les mots ont pr6seance sur les choses, se pren-nent pour les choses, on bascule automatiquement hors narration realiste dans l'univers de la fiction. Un curieux tourniquet s'instaure alors: fausse fiction, qui est histoire, d'une vraie vie, le texte, de par le mouvement de son ecriture, se deloge instantan6ment du registre patente du reel. Ni autobiographie, ni roman, donc, au sens strict, il fonctionne dans l'entre-deux, en un renvoi incessant, en un lieu impossible et insaisissable ailleurs que dans l'operation du texte. Texte/vie: le texte, ä son tour, opfere dans une vie, non dans le vide."

   Stellt man die drei Romane Fils, Un Amour de soi und Le Livre brise nebeneinander, so ist das Prinzip des "ecrire sa psychanalyse" im ersten Text sicher am ausgeprägtesten realisiert. Zugleich kann man Fils auch als den Roman bezeichnen, dessen Schreibverfahren noch weitaus avantgardistischer, auch experimenteller sind, als in den beiden anderen Werken - was u.a. an deren wesentlich häufigeren Dialogpassagen liegt - ohne daß dort weniger die Initiative den "maux" und den Worten überlassen wäre. Es gibt sicher mehrere Erklärungsmöglichkeiten für diesen Schritt zurück, der keinen Rückschritt darstellt, den Le Livre brise gegenüber Fils in bezug auf die Experimentierfreudigkeit bedeutet. Zwei Aspekte scheinen mir besonders wichtig. Doubrovsky nennt sie selber in seinem bisher letzten Roman, und beide haben wiederum mit dem Thema des autobiographischem Schreibens, d.h. für Le Livre brise, mit der Auseinandersetzung mit Sartre und der Psychoanalyse zu tun. Doubrovsky begründet seine Vorliebe für Sartre vor allen anderen Schriftstellern mit der Lebensnähe, der Authentizität, die dessen fiktionale und philosophische Schriften auszeichne . Doubrovsky ist immer noch "Fils", aber er scheint jetzt eher Sohn seines geistigen Vaters zu sein, dessen Erbe es anzutreten gilt, schreibend in der Form der Rekonstruktion der eigenen Existenz, der "viereelle". Nimmt man beide Texte zusammen, so hat sich Doubrovsky hier sozusagen ein Elternpaar geschaffen, als deren Nachkomme er sich selbst verstehen und damit seine eigene Existenz akzeptieren kann.
      Der zweite Aspekt verhält sich gleichsam komplementär zum ersten. Obwohl Doubrovsky im unmittelbaren Anschluß an die oben zitierte Passage betont, welche Bedeutung die Psychoanalyse, vermittelt durch die Sitzungen bei seinem Analytiker Akeret, für ihn bei der Erkenntnis hatte, daß es neben dem Bewußten auch ein für die Existenz ebenso wichtiges Unbewußtes gibt , fällt doch die Bilanz der mit Hilfe der Analyse geleisteten Erinnerungsarbeit in bezug auf die eigene Kindheit eher negativ aus:
"La psychanalyse m'a ä la fois revele et derobe ä moi- meme. Decouvert et recou-vert. Ce qu'elle m'a fait voir de moi est vrai; j'en suis tout ä fait certain. Cette nourriture qui ne passait pas; ainsi que cela a du se passer. Mais, en m'imposant sa grille, l'analyse m'a mis sous les barreaux. Mon enfance est desormais sous seque-stre. Je suis prisonnier d'une facon d'apprehender. Si j'essaie de mettre la main sur le garcon que j'ai 6tâ,¬, au lieu d'un etre de chair, je trouve le squelette de mon oedipe."
Diese Erkenntnis wird von Doubrovsky im Gesamtzusammenhang der erzählten "Geschichte" des Livre brise genau an der Stelle situiert, wo er als Folge der Bewußtwerdung zweier nicht mehr schließbarer Gedächtaislücken, die beide ein für seine Existenz entscheidendes Ereignis betreffen, beschließt, seine Autobiographie zu schreiben. Denn nur dafür gilt: "Par ecrit, on est inscrit. Plus important encore, par ecrit, notre vie prend sens. Nos actes sont legalises, certifies conformes. Seules, comme on sait, les ecritures authentifient." . Wohlgemerkt: Le Livre brise gibt das Prinzip des "ecrire sa psychanalyse" nicht auf. Aber es wird ergänzt durch ein "ecrire son existence".
      Versteht man Doubrovskys Buch, wie eingangs geschehen, als typisches Werk der Nouvelle Autobiographie, bei aller durch die "formules" Sartre und Psychoanalyse bedingten Besonderheit, so stellt sich abschließend die Frage, warum sich Doubrovsky, warum sich andere Autorinnen und Autoren in letzter Zeit verstärkt dem autobiographischen Schreiben zugewandt haben. Eine erschöpfende Antwort kann hier nicht gegeben werden; ich möchte aber einige Faktoren nennen, die zur Klärung dieser Frage beitragen können. Zunächst kann man ein Argument von Ph.
     
Lejeune geltend machen, der auf die größere Attraktivität autobiographischer Texte für das Leserpublikum und damit auf steigende Verkaufszahlen hinweist.31Auch wenn die finanzielle Seite für Autoren wie Doubrovsky oder Robbe-Grillet sicher nicht so entscheidend ist, bleibt immer noch der ebenfalls von Lejeune konstatierte und noch näher zu untersuchende Effekt einer vermeintlich größeren Nähe zu den Lesenden, der dadurch entsteht, daß jene meinen, durch die Lektüre der autobiographischen Texte nun auch frühere Texte des Autors/der Autorin besser verstehen oder überhaupt erst verstehen zu können. Mit anderen Worten: Es müßte die Rolle des Leserpublikums, und damit natürlich auch die der Medien als die die Lektüre beeinflussenden und prägenden Instanzen, in bezug auf die literarische Produktion genauer analysiert werden. Und schließlich scheint mir noch ein weiterer Punkt bedenkenswert. Die Revalorisierung autobiographischen Schreibens ist nicht von allen Nouveaux Romanciers praktiziert worden, so ist z.B. J. Ricardou seiner Theorie, die er um 1970 konzipiert hat33, bis heute treu geblieben, bzw. hat sie noch weiter entwickelt. Daß dieses Festhalten an einmal entworfenen Theorien bei seinen ehemaligen Weggefährten nicht nur auf Zustimmung gestoßen ist, zeigen z.B. Ã"ußerungen von C. Simon während eines Kolloquiums in New York. Innerhalb des avantgardistischen literarischen Feldes ist ein Machtkampf zu beobachten, ein Machtkampf um die Vorherrschaft in diesem Feld und um die Gunst der Konsekrationsinstanzen. Das Schreiben einer Nouvelle Autobiographie ist daher auch eine Stellungnahme in dieser Auseinandersetzung, d.h die Parteinahme innerhalb dieses Feldes für eine bestimmte Gruppe und gegen Ricardou. Was die Konsekrationsinstanzen betrifft, so wurde von ihnen in den letzten Jahren eindeutig die Nouvelle Autobiographie favorisiert, denkt man z.B. an die Preise, die M. Duras oder S. Doubrovsky verliehen bekamen. Interessant in diesem Zusammenhang ist allerdings die Differenzierung innerhalb des literarischen Feldes, die sich an der Art des Preises, aber auch am Verlag festmachen läßt. Während M. Duras für ihren bei Minuit verlegten Amantden Prix Goncourt erhielt, wurde Doubrovskys Roman, bei Grasset erschienen, wie erwähnt, mit dem Prix Medicis ausgezeichnet. Ist der Stern von Minuit seit jeher ein Symbol für avantgardistische Literatur - nicht zufällig werden Autoren wie Butor, Robbe-Grillet oder Simon bei Minuit verlegt -, so impliziert der Name Grasset immer auch die Konkurrenz zum renommierten Verlag Gallimard. Die Rivalität beider Verlage geht bis in die zweite Dekade des 20. Jh. zurück35, indes der Kampf um bekannte Autorinnen und Autoren schon sehr früh zugunsten von Gallimard entschieden wurde. Heute steht Grasset noch immer für einen auf ein großes Leserpublikum ausgerichteten Verlag, und daß Le Livre brise inzwischen auch als preiswertes Taschenbuch in der "Livre de Poche-Reihe" erhältlich ist, fügt sich nahthlos in diesen Zusammenhang. Damit ist zunächst kein Werturteil über dieses Buch ausgesprochen, dergestalt etwa, daß man es qua Verlag zur Massenliteratur im abwertenden Sinne erklären könnte. Aber der Versuch, neuere Tendenzen in der zeitgenössischen französischen Literatur zu analysieren, zu denen ohne Zweifel auch die Nouvelle Autobiographie als Ausdruck einer nicht mehr eindeutig zu klassifizierenden Gattungsstruktur zu zählen ist, kann solche verlagsspezifischen Faktoren, vor dem Hintergrund der Mechanismen des literarischen Feldes mit allen seinen Implikationen, nicht unberücksichtigt lassen.
     

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Serge  Doubrovsky:  Le  Livre  brise    





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