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Abenteuer, Gefühlswelt und Lebensskizzen im Roman der Aufklärung
Aus dem spanischen Schelmenroman, der erfundenen Autobiographieeines Dieners vieler Herren, entwickelte sich Ende des 17. Jahrhunderts
der europäische Abenteuerroman mit einer Fülle an Beispielen, die im
Aufbau sich alle sehr ähnlich waren. Die Grundstruktur war die Dreigliedrigkeit: Die erste Phase reicht von der Kindheit des Helden bis zum Ende seiner Ausbildungszeit im Dienste mehrerer Herren. Dann folgen die abenteuerreichen Wanderjahre, die den größten Raum einnehmen. Den Schluß bilden die Einheirat in eine begüterte Familie und das Leben in bürgerlicher Ordnung. Den größten Erfolg hatte Robinson
Crusoe von Daniel Defoe , der schon 1720 ineiner deutschen Übersetzung vorlag. Im äußeren Aufbau glich er dem Abenteuerroman.
Robinson Crusoe verläßt aus Abenteuerdrang trotz der Ermahnungen seines Vaters, die sichere Existenz eines seßhaften Kaufmanns nicht aufzugeben, das Elternhaus. Er versucht sein Glück im riskanten Überseehandel und erwirbt in Brasilien eine ertragreiche Plantage. Auf der Fahrt nach Guinea, wo er billige Negersklaven einkaufen will, strandet er nach einem Orkan als einziger Überlebender an einer felsigen Insel, auf der er 28 Jahre verbringt, bis ihn ein englisches Schiff wieder in die Heimat bringt. Nach der Rückkehr gründet er mit dem Erlös aus dem Verkauf seiner Plantage einen eigenen Hausstand. Das Besondere dieses Romans war nicht die bereits bekannte Dreigliedrigkeit, auch nicht die abenteuerlichen Ereignisse auf See, sondern die Inselabgeschiedenheit des Helden fernab von der menschlichen Gesellschaft. Auf der Insel wiederholt Robinson Crusoe für sich die Zivilisationsgeschichte der Menschheit.
Aus der Fülle der deutschen Robinsonaden ragt Johann Gottfried
Schnabels Insel Felsenburg heraus, die ursprünglich unter
dem Titel Wunderliche Fata einiger Seefahrer veröffent-licht worden war.
Die Rahmenhandlung des Romans ist mehrfach gebrochen. Dadurch soll der Anspruch unterstrichen werden, daß es sich um eine wahre Geschichte handle. Ein Herausgeber erzählt, wie er an das Manuskript gekommen sei, in dem Eberhard Julius, der Icherzähler, seine Reise zur Insel Felsenburg, seine Erlebnisse dort und, was ihm die Bewohner mitgeteilt hätten, niedergeschrieben habe. Eberhard Julius ist der Urgroßneffe des Altvaters Albert
Julius, der mit einer Frau und zwei Männern auf die Insel verschlagen worden war und im Laufe seines langen Lebens dort ein blühendes Staatsgebilde aufgebaut hatte, das in allem das Gegenbild zu den Mißständen in Europa war. Die Lebensläufe der Felsenburger teilen sich jeweils in zwei Teile, in den Bericht über ihr unglückliches Leben in Europa und in den Bericht über ihr zufriedenes Leben auf der Insel. Kein Felsenburger will die Insel mehr verlassen; denn hier sind die politischen Wunschvorstellungen der Aufklärung in Erfüllung gegangen; aber eben nur im Wunschbild eines Romans. Die soziale Ordnung auf der Insel trägt Züge der Herrnhuter Brüdergemeine und des protestantischen Pietismus. Die Literatur des Barock, im besonderen der Roman, war repräsentativ, d. h. öffentlich. Nicht das Schicksal des einzelnen stand im Vordergrund des Interesses, sondern der Zustand der Welt insgesamt. Dies galt sowohl für den höfischen Idealroman als auch für seine Kehrseite, den Schelmenroman, in dem die Welt von unten her gesehen und dargestellt wurde. Die Aufklärung zielte auf eine Verbesserung der gesellschaftlichen Bedingungen; doch dies sollte nur eine Vorstufe für die private Glückserfüllung des einzelnen Bürgers sein. Das Individuum war eine Entdeckung der Aufklärung, unterstützt und bestätigt von der Bekenntnisliteratur des Pietismus. Beide Richtungen, die politisch-philosophische Aufklärung und die religiöse Verinnerlichung des Pietismus, vereinten sich im sogenannten empfindsamen Roman. Der Begriff 'empfindsam" wurde erst von Lessing geprägt - er schlug vor, Laurence Sternes SentimentalJourney eine 'Reise des Herzens", wie der Autor sie nannte, in der deutschen Übersetzung eine 'empfindsame Reise" zu nennen -, aber die damit charakterisierte, auf das erlebende Ich ausgerichtete Erzählweise war schon einige Jahrzehnte älter. Sie war bereits durch die autobiographische Bekenntnis- und Briefliteratur des Pietismus vorgezeichnet. Schnabels Insel Felsenburg stand an der Wende vom barocken Staatsroman zur privaten Bekenntnisliteratur der Aufklärung; seine utopische Insel war die Projektion eines idealen Staates, in dem jeder die Möglichkeit hatte, sich entsprechend seinen Fähigkeiten zu verwirklichen. Aber dies war eben eine Utopie, angesiedelt in einem Niemandsland. Die Helden des empfindsamen Romans zogen sich in den Bereich der privaten, individuellen Bewährung zurück. Im nachhinein erkennt die Ich-Erzählerin in dem Roman Das Leben der schwedischen Gräfin von G... von Christian Fürchtegott Gellert , daß die Vorsehung ihr Leben weise geführt habe; die Intrigen und Wechselfälle waren nur Bewährungsproben.
Der Prinz, der die junge Frau begehrt, hat ihren Mann - wie einst David den Urias - zu einem Auftrag in die Ferne abgeordnet. Als sie glauben muß, daß ihr Mann umgekommen sei, heiratet sie nach der geglückten Flucht vor dem Prinzen ihren Retter. Doch kurz daraufkehrt der totgeglaubte Gatte zurück. Um den Konflikt zu lösen, wollen beide Männer auf sie verzichten; aber es findet sich eine harmonische, von der Vernunft diktierte Lösung: Der Retter bleibt dem geprüften Paar als gemeinsamer Freund verbunden. Auch nach dem Tode der beiden Männer schlägt die Gräfin den Antrag des Prinzen aus und lebt zurückgezogen als Witwe. Das Thema des Romans ist die Tugend, die sich selbst in den Wechselfällen des Lebens bewährt, da sie nicht vom Gefühl, sondern von der Vernunft geleitet wird. Geliert gilt als der Begründer des empfindsamen, moralischen Familienromans in Deutschland. Die Handlung ist bewußt konstruiert, um die Tugend der Bedrängten um soheller leuchten zu lassen. Die Kritik an absolutistischer Willkür ist nicht zu übersehen. Zwar wählte Geliert noch das Milieu der adligen Gesellschaft, aber das Interieur war bürgerlich. Der gemeinsame Freund, der dem Glück der beiden nicht im Wege stehen wollte, war ein Vertreter des aufgeklärten Bürgertums; sein Verzicht erhob ihn moralisch über die anmaßende Willkür des Prinzen.
Die Form der Ich-Erzählung im empfindsamen Roman ging zum Teil auf den Schelmenroman und auf die pietistischen Bekenntnisberichte zurück, beeinflußt wurde sie aber auch von Samuel Richardsons empfindsamen Briefromanen Pamela und Clarissa , die sehr früh aus dem Englischen übersetzt wurden und in Deutschland begeisterte Aufnahme fanden.
Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim von Sophie von La Roche wird aus der Perspektive einer Freundin erzählt, anhand von 'Original-Papieren und anderen zuverlässigen Quellen", wie es im Untertitel heißt. Die Titelheldin selbst kommt in Briefen zu Wort. Über den Sinn dieses Lebensberichtes sagt die Erzählerin: 'Glauben Sie, es ist ein Vergnügen für mein Herz, wenn ich mich mit etwas beschäftigen kann, wodurch das geheiligte Andenken der Tugend und Güte einer Person, welche unserm Geschlechte und der Menschheit Ehre gemacht, in mir erneuert wird." Die Titelheldin flieht den Intrigen des Hofes, macht sich als Lehrerin selbständig und führt zuletzt, nach mehreren Enttäuschungen, eine glückliche Ehe. In den Romanen der Empfindsamkeit wurde immer wieder unterstrichen, daß tugendhafte Beständigkeit, trotz aller Rückschläge, durch Gottes Fügung zu einem guten Ende führe. Mit Tugend war die bürgerliche Arbeitsmoral gemeint, die ihres Lohnes sicher sein könne. Ein Beispiel dafür ist die autobiographische Lebensgeschichte Johann Heinrich Jung-Stillings . Für Jung-Stilling war der eigene Lebensweg, über den er in der dritten Person berichtet, ein sichtbarer Beweis der göttlichen Vorsehung. Jung-Stilling brachte es vom Schneiderlehrling zum Hochschullehrer und Fürstenberater. Aber es erschienen zur gleichen Zeit auch Romane ohne die optimistischen Perspektiven einer ausgleichenden Gerechtigkeit. Karl Philipp Moritz verarbeitete in seinem Anton Reiser eigene Erfahrungen. Anton Reiser leidet an der drückenden Armut, in der er aufwächst. Die Umwelt erinnert ihn immer wieder an seine Herkunft und demütigt ihn. Er baut sich eine eigene Welt auf; die Phantasiewelt des Theaters wird ihm zum Zufluchtsort. Die Erzählung endet mit dem Bankrott der Theatergruppe, der sich Anton Reiser angeschlossen hatte. Die Phantasie hielt vor der Wirklichkeit nicht stand. Ein historisches Dokument besonderer Art ist Ulrich Bräkers Autobiographie Lebensgeschichte und natürliche Abenteuer des armen Mannes im Tockenburg . Ulrich Bräker, Sohn Schweizer Kleinbauern, erzählt darin seinen wenig glücklichen Lebenslauf. Da er den Eltern helfen mußte, konnte er nur kurze Zeit die Dorfschule besuchen. Betrügerische Werber stecken ihn in das preußische Heer. Er muß am Siebenjährigen Krieg teilnehmen, desertiert und hält sich in der Schweiz mit einem Garnhandel kaum über Wasser. Diese Autobiographie ist eine Geschichte von unten, einfach erzählt. Ulrich Bräker wurde eher von den Umständen getrieben, als daß er sein Leben selbst gestalten konnte.
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