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Analysen zur fiktion in der literatur
Die vorliegenden Analysen zum Begriff der Fiktion in bezug auf Literatur wurden an Erzähl-Texten - als paradigmatischer Beispielfall literarischer Fiktion1 -durchgeführt. Zum Abschluß sollen in einem
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Fiktion und Drama - Das Drama: Text, Partitur, Bühnenrealisation



Die Großgattung Drama wird häufig ganz selbstverständlich zusammen mit der Fpik als liktionale Gattung bezeichnet: man spricht von 'epischer' und 'dramatischer' Fiktion oder unterscheidet zwischen Drama als pragmatischer Fiktion und Epik als semantischer Fiktion. So wird der Eindruck erweckt, als habe man mit dem Begriff Fiktion eine Art gemeinsamen Nenner für die beiden sehr unterschiedlichen Gattungen gefunden. Dabei geht oft das Bewußtsein dafür verloren, daß Epik und Drama zwei in ihrer Text- und Sprachhandlungsstruktur grundsätzlich verschiedene Textsorten bezeichnen und daß erzählende Literatur und die theatralische Realisation von Dramen zwei gänzlich unterschiedliche Phänomenbereiche darstellen. Zur Klärung der Frage, inwieweit die im Hinblick auf Erzähl-Texte erarbeitete Präzisierung des Fiktionsbegriffs auf die Gattung Drama anwendbar ist, sind deshalb einige Vorüberlegungen zum sprachhandlungslogischen Status dramatischer Texte notwendig.

     

Differenzierte Überlegungen zum Drama als Gattung verlangen die Unterscheidung von drei Betrachtungsweisen. Erstens ist das Drama als Text grundsätzlich vom Drama als einem auf einer Theaterbühnc realisierten Texr zu unterscheiden. Neben dieser Abgrenzung der beiden Phänomenbereiche Text und Bühnenrealisation kann zweitens innerhalb des Phänomenbereichs Text - zwischen dem Text als Vortage, Partitur oder Anweisung für eine Umsetzung auf der Bühne und dem Text als sprachlichem Kunstwerk unterschieden werden. Dem Drama können, abhängig von der Betrachtungsweise, unterschiedliche Merkmale zugesprochen werden. So wird das sprachliche Kunstwerk Drama als ein Ganzes betrachtet, bestehend aus gleichberechtigt nebeneinander stehenden Textpassagen. Die Partitur hingegen setzt sich aus verschiedenen Teil-Texten zusammen, die durch die intendierte Art ihrer Umsetzung auf der Bühne unterschieden werden. Das literarische Kunstwerk und die Partitur stellen jedoch beide einen rein sprachlichen, schriftlichen Text dar, die Bühnenrealisation hingegen ist ein gesprochener und mit allen Mitteln des Theaters dargestellter Text.
      Bei einer Bestimmung der Gattungsmerkmale des Dramas gilt es, die unterschiedlichen Betrachtungsweisen auseinanderzuhalten, insbesondere im Hinblick auf Vergleiche mit erzählenden Texten. Mit D. Weber kann man sagen:
Drama und künstlerische Erzählung sind nur dann sinnvoll miteinander zu vergleichen, wenn man entweder beide als Leseliteratur oder beide als Vortragsliteratur nimmt. Alles andere wäre schiel".
      Wie schief solche Vergleiche zwischen narrativen und dramatischen Texten bei Nicht-Beachtung der Unterschiede in den Betrachtungsweisen sein können, zeigt sich insbesondere bei manchen Ausführungen zur Fiktionalität des Dramas.

     
K. Hamburger z. B. ordnet dramatische Texte ihrer Großgattung der mimetischen Texte zu, die Erzählungen - eigentlich nur solche in der dritten Person --, Dramen und Filme umfaßt. Die Schwierigkeiten dieser Zuordnung zeigen sich schon in Hamburgers etwas paradoxer Formulierung, daß das Drama zwar 'im logischen Sinne aus der epischen Substanz gleichsam herausgeschnitten" sei, aber 'eben deshalb in sie hinein" gehöre. Den Hauptunterschied zwischen Erzählungen und Dramen sieht Hamburger darin, daß in Dramen die vermittelnde Erzählinstanz fehlt: '[...] der sprachlogische Ort des Dramas im System der Dichtung ergibt sich allein aus dem Fehlen der Erzählfunktion, der strukturellen Tatsache, daß die Gestalten dialogisch gebildet sind."2'' Auch diese Aussage ist in mancher Hinsicht problematisch. Der Dialog ist nämlich eine Erscheinungsform der von Hamburger für narrativc Texte postulierten fluktuierenden Erzählfunktion. Bei solcher Betrachtung verwischt sich der Unterschied zwischen Epik und Drama, wie Hamburger selbst einräumt. Man kann in Hamburgers Terminologie eigentlich nicht sagen, daß die Erzählfunktion im Drama verschwindet, sondern höchstens, daß von ihr nur der Dialog übrig bleibt. Wohl deshalb verändert I lam-burger stillschweigend das Differenzkriterium, indem sie den Unterschied zwischen Erzählen und Drama mit der Behauptung, der dramatische Dialog sei 'von anderer struktureller und stilistischer Art" als der epische, zu retten versucht. ' Mit dieser grundsätzlichen Differenz zwischen dramatischem und epischem Dialog wird eigentlich bereits eine ebenso grundsätzliche Differenz zwischen dramatischer und epischer Fiktion gesetzt.' Spätestens aber, wenn behauptet wird, daß im dramatischen Text Bühne und Schauspieler die Fiktionalität generierende Erzählfunktion des epischen Textes ersetzen, zeigt sich, daß hier sehr unterschiedliche Phänomene verhandelt werden: die im narraliven Text sich sprachlich manifestierende Erzählfunktion einerseits, die Merkmale der außerhalb des Dramentextes liegenden Auffülirungskonstellation andererseits.
      Bühne und Schauspieler sind ein anderes Material oder Medium als das der epischen Erzählfunktion, sie gehören nicht wie diese zur Dichtung selbst, als deren Substanz, sie sind nicht vom Dichter gestaltet und ausgestaltet, ja sie entziehen sich seiner Kompetenz
Trotz dieser Einsicht in den grundsätzlichen Unterschied zwischen Bühnenrealisierung und Erzählfunktion bestimmt K. Hamburger das Drama durch die letztlich willkürliche Analogisierung der Aufführungsbedingungen dramatischer Tex-te mit strukturellen Besonderheiten erzählender Texte. Das Drama, das nur auf der Betrachtungsebene sprachliches Kunstwerk mit dem Erzähl-Text vergleichbar ist, wird hier über Merkmale seiner Bühnenrealisation charakterisiert.
      Ein weiteres Beispiel für problematische Aussagen über den Status von dramatischen Texten im Vergleich zu Erzähl-Texten bietet H. Fricke. Dramatische Texte, so Fricke, seien durch die Irrealität und damit Fiktionalität ihrer Sprechsituation gekennzeichnet, während narrative Texte durch die Fiktionalität ihrer Behauptungen zu beschreiben seien. Zum einen zeige dieser Unterschied sich darin, daß im Gegensatz zu Behauptungen in narrativen Texten 'Behauptungssätze auf der Bühne durchaus behauptende Kraft" hätten, was wiederum daran zu sehen sei, daß Behauptungen auf der Bühne auch falsch sein könnten. Zum anderen werde im Drama durch pragmatische Abweichung eine neue Sprechsituation errichtet.
      Die an die Konstellation von Raum, Zeit und Personen gebundenen sprachlichen 'Indikatoren' wie 'ich', 'du', 'wir', 'hier' und 'jetzt' werden in normwidriger Weise nicht auf die tatsächlich gegebene Sprechsituation bezogen: der Schauspieler auf der Bühne, der Vorleser eines Dramas und auch schon der schreibende Dramatiker meinen nicht sich selbst, wenn sie 'ich' sagen."'
Beide Argumente kranken offensichtlich daran, daß die Dialoge des Dramas mit rein narrativen Passagen in Erzähl-Texten verglichen werden. Figurenrede ist aber nicht dramatischen Texten vorbehalten und die Figuren der Erzähl-Texte können in ihren Dialogen genauso irren und lügen wie ihre Kollegen im Drama. Vergleicht man also Dramendialoge mit Dialogen in narrativen Texten findet sich kein sprachpragmatischer Unterschied. Auch Frickes These der Errichtung einer neuen Sprechsituation durch die abweichende Verwendung deiktischer Pronomina oder Adverbien gilt offensichtlich nur für die Schauspieler auf der Bühne. Nur in dieser besonderen Situation ist der Gebrauch deiktischer Pronomina durch die Schauspieler Ausdruck einer besonderen, das Verhältnis Bühne-Publikum kennzeichnenden Sprechsituation. Weder für den Dramen-Vorleser noch für den Dramatiker ist die abweichende Verwendung deiktischer Ausdrücke grundsätzlich verschieden von der des Vorlesers oder Produzenten narrativer Texte. Auch der Roman-Vorleser meint nicht sich selbst, wenn er 'ich' sagt, ebensowenig tut dies der Autor, wenn er bei der Niederschrift eines Figuren-Dialogs 'ich' schreibt. So funktioniert auch Frickes Bestimmung des Dramas als fiktional-iiterarische Gattung nur mit Hilfe von Merkmalen des realisierten Textes.
      Die einzige Möglichkeit, solche schiefen Vergleiche zu vermeiden, ist eine rigorose Trennung der theoretischen Beschreibung des Dramas als Dramen-Text von der theoretischen Erörterung der besonderen Bedingungen des Dramas als Bühnenrealität." Für die Frage der Fiktionalität des Dramas bedeutet die Unterscheidung von dramatischem Text als Sprachphänomen von der Realisation des Textes in einer Aufführung, daß die Fiktionalität des Dramento-tes nicht mit Hilfe von Merkmalen der Bühnenkonstellation expliziert werden kann. Meint man mit 'dramatischer Fiktion" den besonderen Status der Bühnenrealität gegenüber der Zuschauerrealität, dann zielt man auf die Bedingungen und Merkmale der theatralischen Bühneninszenierung ab/'' Fiktion in bezug auf Drama bezeichnet in diesem Fall einen völlig andersartigen Phänomenkomplex als Fiktion in bezug auf Erzähl-Texte: 'son |la fiction dramatiquej mode de pre-sentation est [...] d'un tout autre ordre."

  

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