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Analysen zur fiktion in der literatur

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Heterogenität der Begriffsbestimmungen



Auf Literatur bezogene Standard-Bestimmungen von Fiktion kreisen zumeist um die Tatsache, daß in literarischen Texten, die als Fiktion oderßktional gelten, das Dargestellte gänzlich oder zum Teil ausgedacht bzw. erfunden ist. Die dargestellten Gegenstände, Personen, Orte, Sachverhalte oder Ereignisse haben keine Entsprechung in der Realität und werden deshalb als nicht-wirklich bezeichnet. Auf diese Art und Weise wird Fiktion sowohl in den allgemeinen Wörterbüchern wie auch in den literaturwisscnschaftlichen Lexika bestimmt. So lautet z. B. die L)u-c/ew-Definition für Fiktion:
1. etw., was nur in der Vorstellung existiert: etw. Vorgestelltes, Erdachtes, eine politische, literarische F.; alle Gestalten des Werkes sind dichterische F. [...]. 2. bewußt gesetzte widerspruchsvolle od. falsche Annahme als methodisches Hilfsmittel bei der Lösung eines Problems*
In bezug auf Literatur besagt die Lexikonbestimmung, daß man es in fiktionalen Texten mit Erdachtem, Erfundenem, Nicht-Wirklichem zu tun hat. Ähnliche Bestimmungen findet man in den entsprechenden Standard-Wörterbüchern anderer Sprachen. So werden z. B. sowohl das französische fletion wie auch das englische fiction im Zusammenhang mit Literatur auf das Bedeutungsfeld Erfundenes, Nicht-Wirkliches bezogen. Auch die Erläuterungen in spezifisch literaturwissen-

4 Duden, Bd.3, 1087.
      Interessant ist auch der Vergleich mit der zweiten Bedeutung von erfinden im selben Wörterbuch: "sich ausdenken, phantasieren, eine Ausrede, Geschichte e; die Gestalten dieses Romans sind frei erfunden." So kann man wohl nicht umhin, dichterische Fiktion und freies Erfinden quasi als Synonyme anzusehen. Zu der besonderen Erwähnung erfundener Gestalten vgl. Kap. 3.4.2 dieser Arbeit
Für das französische fiction findet man die Bestimmung "invention de choses imagi-naires" und die Umschreibung "Tout ce qui, dans le domaine litteraire ou artistique, est pure creation de l'esprit" , für den englischen Begriff fiction liest man im OED u.a. "a Statement or narrative proeeeding from mere invention" und "invention as opposed to fact" . Die Berücksich-schaftlichen Nachschlagewerken sehen in der Darstellung von nicht-wirklichen bzw. nicht auf die Wirklichkeit bezogenen Sachverhalten ein zentrales Bestimmungskriterium von literarischer Fiktion. So gibt Gabriel im neuen Reallexikon die Eingangsbestimmung: "ein erfundener einzelner Sachverhalt oder eine Zusammenfügung solcher Sachverhalte zu einer erfundenen Geschichte." Interessanterweise wird in literaturtheoretischen Untersuchungen zur Fiktion zumeist versucht, die in allen allgemeinen Lexikon-Erläuterungen zentrale Bestimmungs-Komponente der Nicht-Wirklichkeit des Dargestellten zu umgehen. Die Gründe für diese Ausweichmanöver sind vielfältig, und noch zahlreicher sind die daraus entstehenden Deutungsansätze.
      Aus einem gewissen Unbehagen daran, literarische Texte betreffende Phänomene mittels der Bezugnahme auf Außersprachliches, wie z. B. die Wirklichkeit, zu beschreiben, wird versucht, Fiktion ausschließlich durch den für die Beschreibung literarischer Texte vorgeblich einzig adäquaten Bezug auf Sprach-, Diskurs- oder Textstrukturen zu erläutern: "the cssential fictiveness of literary artworks is not to be discovered in the unreality of the characters, objeets, and events alluded to, but in the unreality of the alludings themselves." Dieser Rückzug auf die Sprach- bzw. Diskursebene kann unterschiedliche Formen annehmen. Naheliegend ist der Versuch, aufgrund einer Art Verpflichtung zur Textimmanenz Fiktion mit Hilfe charakteristischer Texteigenschaften zu bestimmen. Fiktion wird dann als sprachlich-grammatisches Phänomen präsentiert und ausschließlich an spezifischen Textmerkmalen, wie z. B. episches Präteritum oder ein bestimmtes Vorkommen von Verben der inneren Vorgänge,tigung der Bedeutungen von Fiktion in verschiedenen Sprachen ist notwendig, da die literaturtheoretische Diskussion um den Begriff der Fiktion international geführt wird Überlegungen zur literarischen Fiktion sollten die Probleme, die sich aus unterschiedlichen Bedeutungsnuancen in den verschiedenen Sprachen ergeben können, im Auge behalten. .
      G. Gabriel: "Fiktion", 594. In ähnlicher Weise spricht Wilpert von der "Schilderung eines nicht wirklichen Sachverhalts in einer Weise, die ihn als wirklich suggeriert, ohne indessen einen nachprüfbaren Bezug zur außerdichterischen Wirklichkeit zu behaupten," . Metzlers Literaturlexikon bestimmt Fiktion ebenso als "Grundelement der [...] Dichtungsarten, die reale oder nichtreale Sachverhalte als wirkliche darstellen, aber prinzipiell keine feste Beziehung zwischen dieser Darstellung und einer von ihr unabhängigen, objektiv zugänglichen und verifizierbaren Wirklichkeit behaupten ." .
      So die oft zitierte These in B.H. Smith: On the Margins of Discourse, 11 u. 29.
      Zum Zusammenhang zwischen Strukturalismus und Textimmanenz vgl. G. Genette: "Structuralisme et critique litteraire".
      Vgl K. Hamburger: Die Logik der Dichtung, 64-80.festgemacht. Solche Ansätze müssen jedoch von der fragwürdigen Prämisse ausgehen, daß sich Fiktionalität stets an der Textoberfläche manifestiert.
      Eine weitere Ursache der Ablehnung der Definitionsversuche von Fiktion als Erfundenem liegt darin, daß die Dichotomien Wirklichkeit/Nicht-Wirklichkeit, Fakten/Fiktionen sowie die damit oft verbundene Unterscheidung zwischen realen und nicht-realen Objekten als ontologisch oder erkenntnistheoretisch zweifelhaft gelten und deshalb als Grundlage für theoretische Überlegungen zu literarischen Texten grundsätzlich in Frage gestellt werden. Ein Schritt in diese Richtung stellt z. B. Isers Versuch dar, durch seine Theorie der "Akte des Fingie-rens"" der Dichotomie Fiktion/Wirklichkeit zu entkommen. Das seiner Ansicht nach nicht mehr adäquate "stumme Wissen" vom Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit soll verabschiedet und durch die Triade das Reale/das Fiktive/ das Imaginäre ersetzt werden. Es ist jedoch fraglich, ob es Isers Versuch, das Fiktive als den Akt bzw. als das Ergebnis einer Durchdringung von Realem und Imaginärem zu erklären," tatsächlich gelingt, die Dichotomie Wirklich/Nicht-Wirklich zu verabschieden: Wird diese Dichotomie nicht vielmehr durch die Postulierung eines Imaginären als Gegenpol des im fiktionalen Text enthaltenen Realen unter anderen Vorzeichen zementiert und durch die Bestimmung dieses Imaginären als ein grundsätzlich Unbestimmtes noch zugespitzt? Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, daß gerade der für eine rezeptionsorientierte Literaturwissenschaft international bekannt gewordene lser mit seinem Versuch, Fiktion mit Hilfe eines intentiona-len Aktes zu beschreiben, neuerdings einen produktionsorientierten Ansatz wählt. So kann man Isers Theorickonzept mit anderen Versuchen, Fiktion als ein Merkmal der Produktion von Sätzen oder Texten zu erläutern, in Verbindung bringen. Solche Versuche gehen jedoch ihrerseits zumeist von völlig anderen Prämissen aus und bestimmen Fiktion als spezifische Sprachhandlung des Autors, so z. B. Searles Beschreibung fiktionaler Rede als das Vorgeben von Behauptungen oder Gabriels Bestimmung dieser Rede als Rede ohne Anspruch auf Referenzialisier-barkeit - wobei allerdings bei letzterem nicht ganz klar ist, ob seine Bestimmung tatsächlich als produktionsorientiert verstanden werden soll bzw. kann.
      In einem direkten Gegensatz zu den produktionsorientierten Bestimmungen stehen Theorien, die Fiktion als spezifischen Modus der Textkonstitution durch den Leser beschreiben. In manchen Veröffentlichungen wird inzwischen ganz selbstverständlich davon ausgegangen, daß Fiktion eine "Rezeptions- oder Kom-


   munikationsweise"14, einen "Verarbeitungsmodus und keine Texteigenschaft" bezeichne. Diese Bestimmungen grenzen sich dann auch von den an Textmerkmalen orientierten Definitionen ab, da sie zumeist die These vertreten, daß die für Fiktion spezifische Haltung des Rezipierten gegenüber dem Text unabhängig von den Merkmalen des betreifenden Textes eingenommen werden kann.
      Die Unterschiedlichkeit der literaturtheoretischen Deutungen von Fiktion läßt sich auch an den verschiedenen Verwendungsweisen der beiden mit dem Substantiv Fiktion verbundenen Adjektive fiktiv und ßktional verdeutlichen. Bei I. Klemm z. B. wird fiktiv als Gegen begriff zu wirklich verstanden und fiktional nur insofern bestimmt, als durch "fiktionale Rede [...] fiktive Begebenheiten, auch fiktive Redeereignisse, fiktive Figuren usw. erzeugt weiden" können. In D. Lampings Analyse des Zusammenhangs zwischen Lyrik und Fiktion wird eine Unterscheidung zwischen "fiktiver Rede" als "pragmatischer Fiktion" und "fiktionaler Rede" als "semantischer Fiktion" getroffen. .1. Landwehr hingegen unterscheidet die aus den Adjektiven gebildeten Substantive Fiktivität und Fiktionalität wie folgt: "Während 'Fiktivität' definitionsgemäß den intentional umgedeuteten Seinsmodus von Gegenständen und Sachverhalten bezeichnet, meint 'Fiktionalität' den Bezug einer Äußerung zu fiktiven Konstituenten des Kommunikationsprozesses." K. Kasics wiederum aktiviert die Adjektive zu Verben, bevor er diese substantiviert, und unterscheidet "Akte der Fiktivierung" als Veränderung der Rezipientenrolle und "Akte der Fiktionalisierung" als Veränderung der Produzentenrolle im Rahmen der literarischen Kommunikation.
      Die offensichtlichen, sowohl konzeptionellen wie terminologischen Divergenzen bereits der wenigen erwähnten Deutungsversuche und Bestimmungsan-sätze können den Eindruck erwecken, daß immer weniger klar ist, was mit der Rede von Fiktion in bezug auf Literatur eigentlich gemeint wird bzw. was mit Hilfe des Begriffs Fiktion und seiner Derivate über literarische Texte ausgesagt werden soll und kann. Dieser Eindruck entsteht nicht zuletzt dadurch, daß die verschiedenen Ansätze unverbunden nebeneinander stehen, entweder weil sie einander nicht zur Kenntnis nehmen oder weil sie sich auf unfruchtbare Art und Weise voneinander abgrenzen.2'
In den folgenden Überlegungen wird der Versuch unternommen, die negative Diagnose der scheinbar unüberbrückbaren Bestimmungsdivergenzen in gewisser Weise ins Positive zu wenden. Es soll versucht werden, gerade die beschriebene lleterogenitäl der Deutungsansätze für eine möglichst umfassende Erläuterung der Möglichkeiten, aber auch der Grenzen einer Rede von Fiktion in bezug auf Literatur fruchtbar zu machen. Dabei wird davon ausgegangen, daß h'iktion aus einem Zusammenspiel mehrerer Komponenten besteht und sich durch die spezifische Art der Integration dieser Komponenten konstituiert. So kann der Begriff h'iktion sinnvoll nur in einer komplexen Bestimmung erläutert werden, die weder versucht, die Erklärung auf einen Beschreibungszusammenhang zu reduzieren, noch die Unterschiedlichkeit der Beschreibungskomponenten in einer globalen Formulierung zu ignorieren und zu überspringen. Es gilt deshalb, zum einen die divergierenden Bestimmungen von Fiktion in ihrem jeweiligen Zusammenhang zu würdigen - d. h. in vielen Fällen, den der Bestimmung oft nur implizit zu-grundegelcgten Theoriediskurs explizit zu machen und dadurch die Erklä-rungsebene und Reichweite des Ansatzes zu bestimmen ■- und zum anderen Wege zu linden, die unterschiedlichen Bestimmungen zueinander in Beziehung zu setzen. So soll die Heterogenität der Bestimmungsmöglichkeiten herausgearbeitet und akzentuiert werden, mit dem Ziel jedoch, diese Bestimmungen - soweit möglich - in ein Gesamtkonzept zu integrieren.
      Die Erarbeitung einer solchen komplexen Bestimmung von literarischer Fiktion erfordert einen theoretischen Rahmen, der es erlaubt, alle relevanten Beschreibungsebenen zu berücksichtigen, sie in ihrer Verschiedenheit klar zu unterscheiden und sie systematisch in einer pluralistischen Explikation miteinander in Beziehung zu setzen. Ein solcher Rahmen wird in Kapitel 2 aus einem sprach-handlungstheoretisehen Textverständnis entwickelt. Des weiteren sind einige teils grundsätzliche und teils pragmatische Eingrenzungen notwendig, um die theoretischen Überlegungen in einem ausreichend konkreten Gegenstandsbereich zu verankern. Die grundsätzliche Eingrenzung der Analysen auf sprachlich-ästhetische Fiktionen ergibt sich aus den Überlegungen zum Begriff der Literatur im folgenden Abschnitt. Die pragmatische Eingrenzung der Betrachtungen auf narrative

Texte wird im Zusammenhang der Darstellung der sprachtheoretischen Grundlagen in Kapitel 2.2 begründet werden.
      Am Ende dieser einleitenden Überlegungen zur Heterogenität der Fiktions-Bestimmungen ist in Anbetracht der Uneinheitlichkeit der Begriffs Verwendungen eine terminologische Klarstellung notwendig. Das Substantiv Fiktion wird im folgenden allgemein für den noch eingehend zu bestimmenden Phänomenbereich, auf den sich die Überlegungen beziehen, verwendet. Die Adjektive fiktiv und flktional werden gemäß den entsprechenden Duden-Definitionen gebraucht. Fiktiv wird dort ähnlich wie h'iktion u.a. mxifrei erfunden umschrieben und bezieht sich auf die Nicht-Wirklichkeit des Dargestellten. Die Bestimmung von fiktional lautet nach Duden auf einer Fiktion beruhend. So werden im folgenden Texte, in denen Fiktives dargestellt wird, als fiktional bezeichnet. In derselben Weise werden die aus den Adjektiven abgeleiteten Substantive verwendet: so wird von der Fiktivität des Dargestellten und der Fiktionalität eines Textes gesprochen.
     

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