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Was ist wichtig bei der Wahl einer Text-Edition?



Wer einen Text analysieren will, muss in der Lage sein, die Zuverlässigkeit der Textgrundlage zu beurteilen, von der er ausgeht. Dazu gilt es, Kriterien zu kennen, die das angemessene Ãobertragen eines vom Autor hergestellten Textes auf die Buch- oder Bildschirmseiten der Werkausgabe sicherstellen. Dabei ist zu lernen, dass je nach dem Begriff, den Herausgeber sich vom Text machen, aus einer Sprech- oder Schreibhandlung des Autors bei der Edition eine jeweils andere Textgestalt entsteht und wir je nach unserem Erkenntnisinteresse zu derjenigen Text-Edition greifen, die ihr am besten entspricht. Geht es uns mehr um den Einblick in die Dynamik der Textherstellung oder um eine statische Textgröße, die eher eine in sich geschlossene Sinngebung verkörpert? Diese Alternative sei hier an einem jüngeren Fall als Beispiel erläutert.


      Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt einen links aufgerissenen Briefumschlag, auf dem Kopf stehend. Links unten eine 10-Heller-Briefmarke des Ã-sterreichischen Königreichs, Stempelabdruck vom 9.1.1913. Die Anschrift des Adressaten mit schwarzer Tinte, leicht zu entziffern. Am oberen Rand, quer über die Anschrift in der Mitte und den Stempelaufdruck unten, Bleistiftkritzeleien, teils in lateinischen Buchstaben, teils in Sütterlinschrift. Schwer zu lesen. Viele Zeichen sind ein- oder zweimal durchgestrichen, kaum entzifferbar; eine der Unterstreichungen könnte auch eine abgerutschte Streichung sein. Die Anschrift in lateinischen Buchstaben macht keine Mühe. Die Entzifferung der Sütterlinschrift lässt sich rasch lernen. Es fragt sich, was man mit den durchgestrichenen Textteilen machen soll. Die Fotografie dokumentiert heftige oder fahrige Bleistiftstriche, die einzelne Worte wohl unkenntlich machen oder verwerfen sollten, ebenso Reste von Sprachzeichen, die darunter sichtbar blieben.
      Warum wurde dieser Briefumschlag fotografiert? Als Sammelobjekt ist er für Philatelisten ohne Wert. Die ohnehin nicht seltene 10-Heller-Briefmarke ist am linken Rand angerissen. Das Stück Papier hätte niemals den Rang eines «Textes» erhalten, wäre nicht archäologisch behandelt, konserviert, reproduziert und entziffert worden, wenn die gut leserliche Anschrift nicht lautete:

Georg Trakl
Innsbruck

Mühlau

   p. Adrs. Herr von Fiker
Handelte es sich um das Fragment eines Briefes, so hätten wir an diesem Beispiel den Begriff «Text» leicht als schriftliche Form einer kommunikativen Handlung bestimmen können: Die Botschaft ist von einem Sender an einen entfernt wohnenden Empfänger gerichtet, die Post hat das Ding transportiert, die Botschaft wurde als Text verstanden.
      Der voll gekritzelte Umschlag hat diese Funktion offenbar nicht. Trakl, einmal im Besitz des Briefes, hat seine Zeichen auf den Rücken des kommunikativen Aktes gekritzelt und übermalt.
      Besagtes Foto ist ein Faksimile eines handschriftlichen Textes aus der Innsbrucker Ausgabe der Werke von Georg Trakl . Es dokumentiert eine frühe Stufe der Entstehung des Gedichts Gestalt die lange ... In der Innsbrucker Edition steht das Foto in einer Serie anderer Reproduktionen, darunter einige hastig aufgerissene Couverts oder das Schreibpapier eines Cafes mit Bleistift-Notizen, Streichungen, Ãoberschreibungen. Auf der gegenüberliegenden Seite findet sich jeweils die Entzifferung durch die Editoren. In dieser diplomatischen Umschrift bleiben die durchgestrichenen Worte und Satzteile als durchgestrichene vorhanden. Die Editoren dokumentieren also Momentaufnahmen des Schreibprozesses. Die Ausgabe ist weniger als herkömmliche Editionen am Endresultat des Gedichts interessiert als vielmehr an den Vorgängen in der Schreibwerkstatt, indem das vom Autor Verworfene als Verworfenes erhalten bleibt und nicht entsorgt wird. Gerade weil heutzutage die elektronische Schreibtechnik des Computers das Weggeworfene in der Regel unwiederbringlich löscht, erhalten die alten Techniken, Schreibinstrumente, Tinten und Unterlagen einen neuen Wissens- und Ausstellungswert.
      In der Trakl-Edition wird der Text also nicht in der perfekten Gestalt eines abgeschlossenen Kunstwerks präsentiert, sondern als offener Prozess. An die Stelle eines endgültigen «Werks» als Summe aller Fassungen, das dem juristischen Begriff des Testaments als letzter und verbindlicher Willensäußerung entspricht, tritt eine dynamische Entste-hungsgeschichte mit all ihren Ãoberlieferungsvarianten, tritt gleichsam der Prozess der Willensbildung. Ob eine Edition diesem Konzept des prozessualen Schreibens folgt oder ob sie sich an die definitive, eventuell vom Schriftsteller autorisierte Fassung hält - in jedem Fall ist es für den Leser wichtig zu wissen, welche Art Edition er in der Hand hält. Zur Erleichterung der Orientierung im Bereich der Editionen sind drei Typen von Ausgaben zu unterscheiden:
In einer historisch-kritischen Ausgabe informiert der Herausgeber über die Fassung, die der Ausgabe zugrunde liegt, und über die Eingriffe, die er selber vorgenommen hat. Neben dem gesicherten Text breitet die Ausgabe Material zur Entstehungs- und Ãoberlieferungsgeschichte aus und erleichtert das Verstehen des Textes durch einen Kommentar. In einem Kritischen Apparat sind die verschiedenen Lesarten und Varianten verzeichnet.
      Die Studienausgabe bietet zumeist nur einen gesicherten Text, einen Bericht des Herausgebers über die gewählte Textgrundlage sowie ein Verzeichnis aller Herausgebereingriffe .
      Die Leseausgabe verzichtet auf alle Erläuterungen. Sie sollte sich jedoch auf den gesicherten Text stützen.
      Im Idealfall bauen die verschiedenen Ausgaben aufeinander auf . In der Trakl-Edition jedoch sind die Vorstufen und Varianten des Gedichts mit ihren Korrekturen, Unleserlichkeiten und Tilgungen nicht wie in historisch-kritischen Ausgaben am Ende des Bandes in einem Kritischen Apparat versteckt, sondern alle Arbeitsstufen werden gleichrangig präsentiert. Der Begriff vom «Werk» als vollendeter Gestalt der ursprünglichen Intention des Autors wurde hier aufgegeben. Damit ist auch geklärt, warum das fotografierte Ding zum Papier-Fetisch der Trakl-Forschung werden konnte, aber gewiss nicht, warum es ein Text sein soll. Nach einer traditionellen Formel der Textlinguistik kann im Fall unseres Fundstücks von Text nicht die Rede sein, da es heißt:
«Der Terminus bezeichnet eine begrenzte Folge von sprachlichen Zeichen, die in sich kohärent ist und die als Ganzes eine erkennbare kommunikative Funktion signalisiert» .

     
Woran können die Grenzen des Textes festgemacht werden, wenn Anfangs- und Endsignale der Wortfolge nicht mit Sicherheit auszumachen sind? Was fangen Textlinguisten, für die Texte Medien der Kommunikation sind, mit den durchgestrichenen Passagen an? Fällt nach ihren Kriterien das hier vorgeführte Beispiel nicht in die Rubrik «sinnlose Häufung von Zeichen» = «Nicht-Text» ?
Es ist aufschlussreich, den Text als «Element in einem Handlungsspiel der Kommunikation» zu begreifen. Dieses Trakl-Ding, vom Staub der Archive gereinigt, für den Fotografen präpariert, figuriert im Handlungsspiel der Philologie, das mit der Edition eröffnet ist. In diesem Fall findet es im Rahmen einer modernen Konzeption von Literatur statt. Es gehorcht Konventionen, die im Alltag der Kommunikation keine Geltung haben:
- Die Unverständlichkeit von Zeichenfolgen verweist auf die Arbeit am Wort.
      - Streichungen, die einige Spuren des Gestrichenen sichtbar lassen, werden als Indizien der Ambivalenz, der Vielstimmigkeit und des Prozesscharakters von Literatur begrüßt.
      - In der Gleichrangigkeit kommt jeder Notizzettel und jedes Fragment zur gleichen Ehre der Edition wie die Fassung der Erstveröffentlichung oder der Ausgabe letzter Hand.
      In solchen modernen Editionen steht der einzelne Text nicht für sich und verweist nicht auf eine Wirklichkeit außerhalb des Textes. Dies erläutert eine Passage aus Roland Barthes' Buch Die Lust am Text:
«Text heißt Gewebe; aber während man dieses Gewebe bisher immer als ein Produkt, einen fertigen Schleier aufgefaßt hat, hinter dem sich, mehr oder weniger verborgen, der Sinn aufhält, betonen wir jetzt bei dem Gewebe die generative Vorstellung, daß der Text durch ein ständiges Flechten entsteht und sich selbst bearbeitet» .
      Aus dieser Ãoberlegung zu einem Objekt der Trakl-Forschung folgt etwas, was nur im ersten Augenblick paradox klingt: Obwohl der Gegenstand des Fotos weitgehend unverständlich ist, ist er im Rahmen der Text-Edition weitgehend verständlich. Er ist Element des Handlungsspiels, in dem ein Gegenstand der Ã"sthetik verhandelt wird. Hier dürfen Zeichen «dunkel» bleiben - ihre Unverständlichkeit wird zum
Signal dafür, dass sich der Leser in einen Raum begibt, in dem Abweichungen von der Alltagsnorm kommunikativer Handlungen erwartet werden. Die Leser empfinden das nicht als Mangel, sondern erfreuen sich des Unterschieds, der sie von der Monotonie und den Automatismen der Zeitungslektüre trennt.
     

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