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Verfahrensweisen der Hermeneutik
Wer Kompetenz im Verstehen erlangen will, muss zwei Verfahrensweisenunterscheiden:
1. Ein nicht verständlicher Text wird durch sprachlogische Ana-lyse mit Hilfe der Wort- und Bedeutungsforschung grammatischrhetorisch bestimmt und ausgelegt zu einem verständlichen, mehr oder weniger eindeutigen Text. Aus dem Hildebrandslied werden die Anfangsverse: «Ih gihorta daz sagen / daz sih urheizzun einon rauo-zin, / Hiltibrant enti Hadubrant untar heriun zueim» wiedergegeben mit «Ich hörte erzählen, / dass sich Herausforderer einzeln trafen / Hildebrand und Hadubrand, zwischen zwei Heeren». In Muschgs Roman Der Rote Ritter ist der Ausdruck «saelden überval» dem heutigen Leser nicht ohne weiteres verständlich. Er muss sich das außergewöhnlich Überraschende begreiflich machen, indem er die Bedeutung entweder aus dem Kontext oder aber aus einem Wörterbuch erschließt. 2. Allegorische Deutung dagegen verleiht verständlicher buchstäblicher Bedeutung einen übertragenen Sinn. Goethes Gedicht Sah ein Knab ein Röslein stehn legt den Ausdruck «Röslein» mit Blick auf die Tradition metaphorischer Redeweise aufgrund des weiblichen Geschlechts des botanischen Ausdrucks und der Repräsentation von Schönheit durch sie als bildlichen Ersatzausdruck für nahe. In Muschgs Roman ist so der Ausdruck «Liebeswerk» durch Einbettung in die christliche Tradition als |