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Schichten des Prosatextes



Bei der Untersuchung von Erzähltexten ist es hilfreich, sie zu Untersuchungszwecken in Schichten zu gliedern. Die russischen Formalisten unterschieden bereits Fabel und Sujet , d.h. chronologisch geordneten Geschehensablauf und von ihm abweichende künstlerische Geschehensordnung. Analog trennte Genette die Geschichte auf der Grundlage von Zeitdarstellung und Modus, der Perspektive also, von der Erzählung. Von ihr wiederum hob er die erzählerische Darstellung durch die Stimme ab, durch die Position des Erzählers gegenüber den Rezipienten also.

      Iser hat dieses Erzählschema mit den Schichten «Geschehen», «Geschichte» und «Erzählung» präzisiert, und Wolf Schmid hat es zu einem Vierschichtenmodell der Narration fortentwickelt, indem er ihm die «Präsentation der Erzählung» anfügte, d.h. die Rücksicht auf die sprachlich-mediale Ausformung des Erzähltextes.
     

Schema zunehmender Differenzierung der Erzähltextebenen
Formalismus Genette Iser Schmid

Fabel histoire Geschehen Geschehen
recit Geschichte Geschichte

Sujet narration Erzählung Erzählung
Präsentation der Erzählung
Schmids Vierschichtenmodell stuft die Ebenen des Erzähltextes schrittweise nach fallender Nähe zur erzählten Welt bzw. steigender Nähe zum darstellenden Medium: Geschehen, Geschichte, Erzählung und Präsentation der Erzählung. Diese vier Schichten sind weder Substanzen der Erzählung noch Stadien ihrer Entstehung, sondern nar-ratologische Gliederungsebenen, deren Unterscheidung das Beschreiben, Deuten und Werten von Erzähltexten erleichtert.
      1. Das Geschehen im Prosatext: Auf der Ebene der erzählten Welt liegt die Schicht des Geschehens, die von der Gesamtheit der Erscheinungen und Vorkommnisse, Personen und ihren Handlungen samt ihren ungenannten raumzeitlichen und personalen Kontexten erfüllt ist. In Kafkas Text finden wir unter diesem Aspekt: das ungenannte Herkunftsland des Reisenden mit seinen Bewohnern, das gleichfalls unbestimmt bleibende Gewässer sowie das Verkehrssystem, mit dem er an- und abreist; das Land, in dem die Strafkolonie gelegen ist; das Militär mit seiner sozialen Ordnung, von dem der Offizier, der Soldat und der Verurteilte nur einen Teil ausmachen; das Leben des früheren Kommandanten mitsamt der Erfindung und Erprobung der Exekutionsmaschine, sein Tod und seine Ersetzung durch den Nachfolger; das Leben des Forschungsreisenden und seiner Familie, seine Anreise und sein weiterer Lebensweg nach der Abreise; das weitere Schicksal des freigelassenen Verurteilten und des Soldaten. Das anzunehmende Gesamtgeschehen können wir uns als in unendlich kleine Geschehensteilchen zerlegt vorstellen, in jeden einzelnen Schritt, jede Wahrnehmung, jedes Gefühl und jeden Gedanken aller dieses Universum bewohnenden Menschen.
      2. Die Geschichte im Prosatext: Aus der potenziell unendlichen und in unendlich viele Teile zerlegbaren Welt des von der Erzählung vorausgesetzten und nur zum geringeren Teil ausdrücklich gemachten Geschehens bildet die Geschichte eine Auswahl an Personal, Zeit und Raum sowie an Zuständen, Geschehnissen und Handlung. Die Geschichte ist der zeitlich und räumlich, kausal, psychologisch und soziologisch geordnete Zusammenhang von Zuständen, Geschehnis-und Handlungsmomenten. Geschehnis und Handlung führen Zustandsänderungen herbei und versetzen eine Figur im Ereignis über eine «semantische Grenze», d.h. aus dem einen Bedeutungsraum in einen anderen . Kafkas Strafkolonie bildet einen solchen vom Herkunftsort des Reisenden abgehobenen Bedeutungsraum. Das Geschehnis hat anders als die Handlung keinen Handlungsträger, es unterliegt modernem Verständnis gemäß keiner Willensmacht .
      Das besondere Verhältnis, in dem Zustände, Geschehnisse und Handlungen zueinander stehen, charakterisiert den jeweiligen Prosatext. In der Strafkolonie begegnen kaum Geschehnisse, alles ist - wie in der archaischen Welt - von Handlungsmächtigen bestimmt und verleiht so der erzählten Welt einen epischen Charakter. Zugleich zielt alles auf Situationsänderung, auf geschehnishaftes Ablösen des bisherigen Zustandes durch eine neue Art der Strafausübung. Wenn wir die Auswahl von Zeitabschnitten , von begrenzten Räumen , von Geschehens- und Handlungsteilen sowie von Personal rekonstruieren, erhalten wir aus dem potenziell unendlichen Geschehen die endliche Geschichte. Die Geschichte blendet Kontexte gezielt aus, in die das Geschehen eingebettet ist. So erfährt der Leser bei Kafka nichts über die familiären Zusammenhänge der Figuren. Durch unumgängliche Auswahl von Anteilen aus dem Geschehen verhält sich die endliche Geschichte zum unendlichen Geschehen wie begrenztes Leben zum unbegrenzten Kosmos.

     
3. Die Erzählung des Prosatextes: Die Erzählung können wir von der Geschichte im erzähltechnischen Sinn durch die spezifische Anordnung des Geschehensmaterials abheben. Sie erlangt so nicht nur, wie Thomas Mann im Zauberberg notierte, «zweierlei Zeit», die Zeit der erzählten Welt und die Erzählzeit, sondern auch zweierlei Raum. Bei Kafka finden wir den impliziten geographischen Ort der fiktiven Strafkolonie, der erst durch die Erzählung zum fiktionalen Raum der Exekution wird. Die Kolonie in den Tropen könnte auch als Ort der Erfindung humaner Bestrafungsverfahren erzählt werden, als Raum der Abschaffung der zu Tode zeichnenden Gerechtigkeit, als Platz der Gnade etwa, auch als Lebenswelt der Hafenarbeiter oder gar als weiblicher Lebensraum der den neuen Kommandanten umgebenden Frauen und ihrer Dienerinnen, ja als Ort des Aufstands der Frauen gegen die männliche Rachewelt. Das Verhältnis zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit ist mit seinen Abweichungen von Reihenfolge und mittlerer Dauer das augenfälligste und daher am besten untersuchte . In Kafkas Strafkolonie mit ihrer strikt chronologisch und in weitgehend gleichmäßiger Zeitraffung erzählten Haupthandlung folgen wir nicht einmal einem ganzen Tag. Die Vorgeschichte, die Erfindung der Exekutionsmaschine, der Bericht von der Verfehlung und Verurteilung des Delinquenten, sein letztes Essen , der Ablauf früherer Exekutionen sind in die Haupthandlung durch Rückblicke und Rückgriffe eingegliedert. Die geraffte Nachgeschichte wird als Anhang der Kernerzählung beigefügt . So überdeckt der gleichmäßige, unaufhaltsame analoge Gang von erzählter Zeit und Erzählzeit hin zum Umschlagspunkt und über ihn hinaus die nachgetragene frühere Zeit der stabilen alten Ordnung und die erhoffte künftige Zeit ihrer Wiederherstellung.
      Eingebettet in das chronologische Erzählen finden sich Vorausdeutungen aus dem Mund des Offiziers auf den Strafablauf sowie auf den von ihm erwarteten Einspruch des Reisenden gegen das Abschaffen der bisherigen Strafprozedur . Diese ausgedehnten Voraussagen gehen jedoch nicht in Erfüllung. Die gleichfalls zukunftsgerichtete Ãoberzeugung von der Unveränderlichkeit der Kolonie und ihrer Strafprozedur erweist sich als Irrtum. Mit der
Macht der alten Herrschaft ist auch ihre Kompetenz zukunftsgewisser Vorhersage verfallen. Hier zerbricht die alte Herrschaft mit dem Scheitern ihres Erzählvermögens.
      Literarische Prosa erzeugt einen je spezifischen Typus des Zusammenhangs von Zeit und Raum, den Michail Bachtin in metaphorischer Anlehnung an die Auffassung von Zeit als vierter Dimension des Raums in Einsteins Relativitätstheorie «Chronotop» genannt hat. Kafkas Erzählung erzeugt den Chronotop der ethnographischen Reise eines Forschenden mit unvorhergesehenem Eingriff in die Lebensverhältnisse der besuchten Welt; er führt zum Ende des bisherigen Bestrafungssystems und seines Exekutionsleiters. 4. Die Präsentation der Erzählung im Prosatext: Während der Prosatext in der Schicht der Erzählung sprachenfrei zu denken ist, wird der Prosatext in der Schicht der Präsentation der Erzählung in seiner konkreten sprachlichen Gestalt fassbar. Die gelungene Ãobersetzung von Prosa in eine andere Sprache greift in die Erzählung kaum ein, verändert ihre Präsentation dagegen grundlegend. Im gesungenen Epos gehört jener musikalische Vortrag zur Präsentation, der in stiller Lektüre zumeist außer Kraft gesetzt wird. Beim Druck oder bei der Darstellung im Internet variiert die Präsentation der Erzählung durch Layout, Format, Wahl der Drucktypen und Illustrationen.
      Kafkas Text rückt die Sprache ins Gesichtsfeld des Lesers: Der Offizier spricht mit dem Forschungsreisenden Französisch, der Verurteilte verständigt sich mit dem Soldaten in einer anderen, ungenannten Sprache, ohne dass dies im darstellenden deutschen Text Ausdruck fände. Wir stoßen auf einen manifesten Unterschied zwischen erzählter Sprache und Erzählsprache.
      Für die Redeweise des Offiziers ist der Ausdruck «natürlich» charakteristisch, er bringt das aus seiner Sicht Naturgegebene der Strafprozedur zum Ausdruck. Die im alten Regime todeswürdige Sprechweise des Verurteilten «Wirf die Peitsche weg, oder ich fresse dich» verrät: Er ist mit der Kultur der Kolonialherren nicht vertraut. Unverkennbar verkörpert und konfrontiert die Präsentation der Erzählung die einander widerstreitenden Teilkulturen der erzählten Welt.

     
Ein jeder Prosatext ist in die Schichten Geschehen, Geschichte, Erzählung und Präsentation der Erzählung zu gliedern; es sind dies weder Etappen der Entstehung noch solche der Rezeption des Textes, sondern heuristische Ebenen der Erzähltextanalyse.
     

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