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Die Instanzen Erzähler und abstrakter Autor



Bei der Analyse des Gleichsetzens von möglicher und aktueller Welt ist es hilfreich, im fiktionalen Erzählen nicht nur den Erzähler vom Verfasser der Prosa zu unterscheiden, sondern auch den impliziten Autor. Dieser generiert die erzählte Welt mitsamt dem Erzähler. Der Erzähler deckt sich demnach nie völlig mit dem realen Autor. In klassischen Erzähltexten ist er in gewissem Maß fixiert, während der Autor im Leben über die Offenheit seiner Zukunft verfügt. Der Autor kann dort seinen Erzähler vernichten , während der Erzähler keinen Zugriff auf den Verfasser hat.


      Der implizite Autor entspricht dem impliziten Leser, also der vom literarischen Prosatext entworfenen Rezeptionsinstanz. In der Strafkolonie steuert der implizite Autor den Erzählvorgang und damit auch den Erzähler souverän. Er ist auch für die Ãoberschrift verantwortlich: Der Titel In der Strajkolome entwirft einen Binnenraum des Strafvollzugs und beschränkt fast die gesamte Erzählung auf diesen fiktionalen Strafraum. Nur die letzten beiden Absätze überschreiten die Grenze dieses Orts, bleiben aber, in zunehmend fluchtartiger Bewegung, auf ihn bezogen. Der abstrakte Autor verantwortet gleichfalls die Beschränkung der Zeit der Haupthandlung auf kaum einen Tag.
      Stanzeis hilfreiche Typologie des Narrators unterscheidet einen auktorialen Erzähler, der das Geschehen von außen betrachtet und den Erzählvorgang strukturiert, von einer personalen Erzählhaltung, die den Eindruck erzeugt, der Leser erlange direkten Einblick in Gestalt und Geschehen. Dem tritt der in der ersten Person sprechende Ich-Erzähler zur Seite, bei dem Genette zufolge wiederum eine personale von der selteneren auktorialen Form zu unterscheiden ist.
      Beim Ich-Erzähler ist das in der erzählten Welt erlebende Ich vom erzählenden Ich abzuheben. Wo der Erzähler von sich selber spricht, thematisiert er zumeist sein erlebendes Ich. Bei Kafka wird der Offizier zum sekundären Ich-Erzähler und bringt dem Leser die alte Welt brutalen Strafens auf zynische Weise nahe: «[...] ich erstattete die Meldung [...]. [... ] oft hockte ich dort, zwei kleine Kinder rechts und links in meinen Armen.» In Anlehnung an Genette wird für «Sehen» auch der Begriff «Fokus» verwendet, um bei der Erzähltextanalyse die Beschränkung auf visuelle Wahrnehmung zu meiden. Oft ist in diesem Sinn auch von der «Stimme» des Erzählers die Rede.
      Die Erzähltextanalyse unterscheidet den abstrakten Autor als für die gesamte Erzählung verantwortliche Instanz sowohl vom konkreten Autor, der außerhalb des Textes steht, als auch vom Erzähler, der, selbst vom abstrakten Autor geschaffen, in den Text und die Welt des Erzählens integriert ist.
     

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