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Der Stoff



Stoff ist das allgemeine Material, aus dem sprachliche Kunstwerke gefertigt sind. Im Fall des Gedichts UND KRAFT UND SCHMERZ von Paul Celan ist der Stoff zunächst das Leben, dann, enger gefasst, das Leben in seiner zeitlichen Ausdehnung und in seiner möglichen klanglichen und allgemeiner: sprachlichen Verkörperung und Gestalt. Im Gedicht UNLESBARKEIT ist der Stoff des Gedichts die Welt in ihrer sachlichen Fasslichkeit, zeitlichen Befristung und personalen Wirklichkeit außerhalb des Textes und seines Seins, auf die Textreferenz also. So dienen die «Schaltjahre» der Zeitmessung dazu, den Unterschied zwischen jährlicher Sonnenumlaufzeit und der Anzahl von Tagen im Jahr durch Einfuhr eines zusätzlichen Tages am Ende des Monats Februar auszugleichen. Das Schaltjahr enthält, ja es einen weiteren Tag und gehört als Regelungsverfahren der Weltkalenderzeit zum referentiellen Stoff des Gedichts.


      Zum anderen ist das kulturelle Sinnfeld Stoff des Gedichts. «Halljahr» ist eine auf fremde Texte verweisende, eine intertextuelle Erscheinung der Sinndimension im Celan-Gedicht; es bezeichnet biblischer Ãoberlieferung gemäß das 50. Jahr als Jubiläum, das 49 Jahren der Mühsal folgt. «Das fünfzigste Jahr ist euer Halljahr», heißt es in Mose III, 25,11. In der Feier des Halljahrs hallen die Arbeitsjahre nach, und dies verleiht dem 50. Jahr seinen Sinn, indem der hebräischen Bibel zufolge alles zu sich selbst, «zum Seinen» kommt, die überkommene Bezugsordnung bekräftigt wird. Solche für Celan und für viele andere Dichter bedeutsamen intertextuellen Bezüge auf das Alte und Neue Testament lassen sich mit Hilfe einer Konkordanz-CD recherchieren, die alle oder die wichtigs-ten Wörter der Bibel in alphabetischer Ordnung mit Fundstellen nachweist.
      Die dritte Art von Stoff bildet die Ausdrucksschicht. Bei Celan sind in Strophe drei die Laut- und Buchstabenfolgen H-a-1-l-S-c-h-a-l-t-J-a-h-r-e Material der Verszeile. Dieser Stoff ist im Bereich der Selbstlaute fast ausschließlich und im Inventar der betonten Vokale ganz auf den Vokal «a» beschränkt, und er enthält außer anlautendem «h» und «seh» sowie auslautendem «t» in «Schalt-» nur stimmhafte Konsonanten. Wie das Schaltjahr die Jahresfolge, kippen stimmloses «seh» und «t» die Reihe des Lautmaterials: Ihnen gehen voraus und ihnen folgen nur klangreiche, stimmhafte, Laute.
      Der Stoff ist das weltbezogene, bedeutungshaltige und zeichenhaft ausgedrückte Material, aus dem sprachliche Kunstwerke gefertigt sind.
     

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