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Der mediale Charakter literarischer Texte und die Reichweite literaturwissenschaftlicher Textanalyse



Wer literarische Texte untersucht, tut gut daran zu beachten, dass bei genauer Betrachtung in der Literatur wie in der bildenden Kunst im Grunde nicht ein einziges Medium, sondern mehrere Medien Verwendung finden. Diese grundlegende Vielfalt ihrer Ausdrucksmittel entspringt zunächst dem Unterschied zwischen der Mündlichkeit von Texten der Volkskultur und der Schriftlichkeit der übrigen Sprachkunst. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob innerhalb der Literatur Lyrik, Prosa und Drama nicht als drei sehr unterschiedliche, in mancherlei Hinsicht sogar gegensätzliche Medien zu fassen sind, die einander ebenso ergänzen und miteinander ebenso konkurrieren wie Musik, bildende Kunst, Literatur usw. in der Kultur. Oft werden diese Gestaltungsweisen vor dem Hintergrund ihrer Alternativen wahrgenommen, nicht selten übernehmen sie Kommunikationsstrategien von ihren Konkurrenten, und oft überlagern sie einander zu hybriden Mischformen. Analoges gilt für das Verhältnis zu benachbarten Künsten sowie zu angrenzenden kulturellen Feldern wie der Philosophie, der Wissenschaft und dem Journalismus. Wie die innerliterarischen Medien Lyrik, Prosa und Drama konkurrieren auch Lyrik-, Dramen- und Prosaanalyse miteinander. Während in den 1960er bis 80er Jahren Verse und Theaterstücke nicht selten wie Prosatexte gelesen und interpretiert wurden, macht sich heutzutage die Neigung bemerkbar, alle Texte entweder wie Lyrik oder aber wie Dramen zu lesen.

      Während die Untersuchung der Lyrik als Wortkunst im engeren Sinn wie die Analyse der Musik die Aufmerksamkeit besonders auf die sinnliche Wahrnehmung ihres materiellen Substrats, hier den Laut und die Buchstaben sowie ihre Kombinationen, richten muss, während sie zudem das lyrische Ich als den oft einzigen Wahrnehmungs-, Denk- und Redehorizont des Textes fassen kann, konzentriert sich die Prosaanalyse auf die Perspektivierung des Erzählten zumal mit Blick auf Raum, Zeit und Person sowie auf die im Fokussieren greifbare Instanz des Erzählers im Verhältnis zu den Figuren sowie zum abstrakten Autor. Anders als beim lyrischen Gedicht ist bei der Analyse des Erzählens der Vorgang des

Sprechens vom Besprochenen in aller Regel klar zu trennen. Nicht selten finden wir ein vielstimmiges Geflecht alternativer Standpunkte.
      Untersuchen wir die Rede des Dramas, ist besonders auf die Perfor-manz, auf die Einstellung des Dramas auf seine Aufführung zu achten. Ihr ist das Spannungsverhältnis zwischen verkörperndem Schauspieler und verkörperter Figur sowie zwischen sprachlichem Dramentext und außersprachlichem Spiel von Mimik, Choreographie des Körperverhaltens, Bühnenbild und Beleuchtung zu verdanken.
      Schließlich ist zu beachten, dass jeder betrachtete Text in die Vorgänge von autorbezogener Herstellung, kulturgeprägter Präsentation und publikumsabhängiger Rezeption eingespannt ist. Kraft der Einsicht in seine Intertextualität werden wir auf seine Vorgeschichte verwiesen, dank des ihn umgebenden literarischen Feldes und des vom lesenden oder zuhörenden Publikum repräsentierten Erwartungshorizonts erfassen wir seinen Gegenwartsbezug, und in seinem Anspruch auf eine künftige Wirkungsgeschichte entwerfen wir seinen Zukunftsbezug. Neben den Rezeptionszeugnissen der Leser und Hörer, neben der Literaturkritik zählen zu dieser Wirkungsgeschichte auch literaturwissenschaftliche Analyse und Interpretation. Sie bestimmen mit, ob ein Text dem Vergessen ausgeliefert oder in einen Kanon der nationalen, vielleicht sogar der Weltliteratur aufgenommen wird.
      Die Kompetenzen der Lyrikanalyse lassen sich auch auf das Erfassen der Machart von Werbesprüchen anwenden wie «Geiz ist gei» oder von Wahlslogans wie «Arbeit, Arbeit, Arbeit» und «Gleicher Lohn für gleiche Arbeit» . Wer die Techniken des Fokussierens, des Spiels mit Zeit und Fiktion in der literarischen Prosa durchschaut hat, dem wird auch die Bedingtheit von Zeugenaussagen oder historischen Abhandlungen nicht verborgen bleiben. Und Fertigkeiten in der Dramenanalyse nützen nicht nur beim Deuten von Theaterstücken, sondern auch beim Verstehen der Zeitbedingtheit und Wirkungsweise von Spielfilmen und Videoproduktionen.
     

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