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Das Motiv



Das Motiv ist ein Element, das den literarischen Text in seiner Bauform durch Wiederholung bedeutungs- und werthaft prägt; es hat eine strukturierende Funktion für die Ausdrucks-, Bedeutungs- und Sinnschicht des Kunstwerks, aber auch für sein Wertgefüge . Man hat in der Prosa für den Geschehensfortgang notwendige, «gebundene» von «freien», für ihn verzichtbaren Motiven unterschieden. Motive bilden prägnante Elemente des intertextuellen Bezugs zwischen Texten. In Celans Gedicht UND KRAFT UND SCHMERZ ist das Motiv des Haltens negiert. Das zeigt der verborgene, im Gedicht nicht verwirklichte Reim «Halt - Schalt». Rilkes Gedicht Herbst spricht vom Halten noch im Präsens, fängt das Fallen durch den Reim «fällt - hält» auf, stellt den semantischen und lautlichen Ausgleich her zwischen Abstieg und Aufstieg. Die lyrische Sprache Celans bezieht sich vielfältig auf die poetische Rede in Rilkes Lyrik:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten, sie fallen mit verneinender Gebärde.
      Und in den Nächten fällt die schwarze Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit.
      Wir alle fallen. Diese Hand da fällt, Und sieh dir andre an: es ist in allen.
      Und doch ist einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.
      Das im «Entsteigen» variierte Motiv des Steigens verweist im Gedicht UNLESBARKEIT auf alte jüdisch-christliche Traditionen, auf eine lange Zivilisationsgeschichte. Der Aszendenz, dem Aufsteigen, ging Deszendenz, der Abstieg, voraus. Das Motiv begegnet in der Höllenfahrt Christi des Neuen Testaments, in Dantes Divina Commedia und in Goethes Faust. Bei Celan scheint ein anderer intertextueller Bezug von noch größerer Bedeutung auf, der Verweis auf Rilkes oben bereits zitier-tes Sonett: «Da stieg ein Baum. [...]» Das dort an Nietzsches Ausdruck «Ãobermensch» angelehnte Neuwort «Ãobersteigung» zeigt jenes extreme Aufsteigen an, dem sich Celans «Du» verweigert. Es geht in keine Höhe, sondern es kommt aus eigener Tiefe. Dieser Ausstieg aus äußerster Tiefe, in die das lyrische Ich geklemmt ist, kennt keine Rückkehr. Dem Versteigen entgegengesetzt, ist Entsteigen Abschied vom eigenen Inneren für immer. Alles ist doppelt, doch bleibt das Tiefste, dem das Du entsteigt, unlesbar, undeutbar, es ist aus dem Untiefen, in das es geraten ist, nicht sinnfähig. Untiefe verdoppelt zwar das Tiefe, ist ihm aber nicht zeichenhaft verbunden. Es gibt kein Bedeutungs- oder Sinnband zu dem Anderen, welches das Ich verlässt, in jener Spaltstunde, die das Unten vom Nicht-mehr-Unten unwiederbringlich trennt. Das Motiv des Steigens ist seines ursprünglich zyklischen Charakters beraubt, der es noch mit dem Auf- und Untergehen der Sonne und mit dem Kommen und Gehen der Jahreszeiten verknüpfte. Wie die jüdische, heilsgeschichtliche Kultur der zyklischen heidnischen, erteilt das Gedicht dem Entwurf des Kreislaufs eine Absage. Hier ist, wie die starken, wahre Zeit weisenden Uhren heiser ansagen, jeder Tag der letzte. Wie die Rauheit des «heiseren» Klangs der Uhren lenkt die aufgeraute Klanglichkeit lyrischer Rede die Aufmerksamkeit auf die Hörbarkeit der Stimme des Sprechenden. Durch die Orientierung auf den Ausdruck extremer Steigerung verknüpft Rilkes «Ãobersteigung» Celans Gedicht UNLESBARKEIT auch mit der «Ãoberzeugung» in UND KRAFT UND SCHMERZ.
      Das im Topos gefestigte Motiv der Lesbarkeit der Welt wird von Celans Gedichteingang und -Ãoberschrift verneint. Die Schöpfung ist keine verständliche Schrift, gerade weil sie verdoppelt. Hier gibt es keinen Code, der zwischen Welt und Text vermittelt. Indem das Gedicht die Lesbarkeit dieser Welt bestreitet, widerlegt es die These der Dekonstruktivisten vom Trug bildlichen Sprechens: Celans Gedichte enthüllen Verborgenheit, sie sind apokalyptisch, ohne metaphysischen Trost zu spenden.
      Das Motiv ist ein Element des literarischen Textes, das ihn durch Wiederholung in seiner bedeutungs- und werthaften Bauform prägt; es strukturiert die Ausdrucks-, Bedeutungs- und Sinnschicht des Kunstwerks sowie sein Wertgefüge. Es dient oft der Bildung von Intertextualität.
     

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