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Bildliche Rede und (Un-)Zulässigkeit der Wortkunst?



Michail Bachtin hat die Wortkunst abgewertet, weil sie nur eine einzige sprechende Instanz - das lyrische Ich - voraussetze und daher monologisch spreche. Dagegen hat Renate Lachmann die These vom dialogischen Charakter übertragenen Sprechens gesetzt: Er begründe Mehrdeutigkeit. Ist nicht aber das unterschiedliche Standpunkte konfrontierende Dialogische der Prosarede etwas grundlegend anderes als die Mehrdeutigkeit sprachlicher Bilder? Der wortkünstlerische Ausdruck «Fichtenrausch» bringt die physische Welt mit der seelischen durch Metonymie zum Schnitt: Rauschen erzeugt Rausch. Die rhetorische Figur der Metonymie gründet in der Verschiebung der Bedeutung innerhalb eines Feldes der Wirklichkeit, z.B. des Werks auf den Autor , des Inhalts auf das Gefäß , von Teilen aufs Ganze , hier: vom Motivierenden aufs Motivierte.

      Die «Spaltstunde» markiert als Metapher durch den Sprung aus der einen Bedeutungseinheit in die nicht benachbarte andere das Gebrochene und Brechende vermeintlich dauerhafter Zeit. Während die Metapher als Bildfigur eine semantische Einheit nach dem Prinzip der Ã"hnlichkeit ersetzt, ersetzt die Metonymie Bedeutungseinheiten aufgrund einer Realbeziehung. Aber setzen die sprachlichen Bilder die eine Wahrheit gegen die andere, spielen sie eine Weltsicht gegen eine alternative aus, lassen sie als Teile der Wahrheit erst zusammen die ganze Wahrheit ahnen? Sie bringen das Metonymische und das Metaphorische vom Grund her zur Geltung: das eine, das im anderen nur zum Teil enthalten, und das eine, das zugleich das ganz andere ist.
      Als Paul de Man , einer der wichtigsten Vertreter der Postmoderne in der Literaturwissenschaft, den Verdacht aussprach, bildliches, figuratives Sprechen verstelle die Wahrheit, indem es das eine für das andere nehme, zog ein Metonymiker in den Streit gegen die Metapher. Soll nicht aber auch das Sprechen in der Kultur seinen Bestand haben, das im Sagen bereits dem Gesagten zugesteht, dass es immer schon ein anderes ist, ehe es der Gesprächspartner, Zuhörer oder Leser von seinem Standpunkt her zu einem anderen macht?
Der deutsch-jüdische Philosoph Theodor W. Adorno hat nach dem
Zweiten Weltkrieg die Frage aufgeworfen, ob angesichts der Schrecken von Auschwitz Lyrik überhaupt noch möglich sei. An diesem Zweifel kann nicht vorübergehen, wer sich der Lyrikanalyse zuwenden will. Die deutschen Gedichte des jüdischen Lyrikers Paul Celan geben Antwort auf diese Frage in der Sprache der Lyrik. Paul Celan pariert Adornos Skepsis mit Gedichten, die bekunden: Leid dieses Ausmaßes ist nicht zu erzählen, Wortkunst aber kann diese Unerzählbarkeit ebenso bezeugen wie die Ungreiflichkeit der Welt.
      Gernhardt hat Adornos Zweifel im Gedicht Die Frage ebenso entschieden im leichten Ton pariert. Sein Text widerruft das im dreimaligen «Nein» scheinbar definitive, durchs Ausrufungszeichen rigorose Verbot gerade vermöge seiner sinnlich wahrnehmbaren Gestalt:
Kann man nach zwei verlorenen Kriegen, Nach blutigen Schlachten, schrecklichen Siegen,
Nach all dem Morden, all dem Vernichten, Kann man nach diesen Zeiten noch dichten?
Die Antwort kann nur folgende sein: Dreimal NEIN!
Poetische Rede hat sich dergestalt wiederholt gegen aus der Sicht der Prosa vorgetragene Thesen ihrer UnStatthaftigkeit mit Erfolg zur Wehr gesetzt. Beide, Verdacht und Gegenwehr, entspringen dem agonalen Charakter literarischer Medien.
     

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