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Aus der Geschichte der Zeichenpraxis



Während Zeichentypologien die Semiose systematisch gliedern, vermittelt die Zeichenhistorie diachronen Ãoberblick. Die Geschichte der kulturellen Zeichenpraktiken ist durch vier «Zeichenevolutionen» periodisiert worden:
1. Die. jüdische Zeichenrevolution. Das Bilderverbot im ersten Gebot der hebräischen Bibel bekämpfte die Zeichenpraxis der kanaanäischen Umwelt. Es wehrte den Polytheismus ab, der in den Idolen sichtbar war. Bildhaftigkeit und Sichtbarkeit wurden als falsche Formen der Gotteswahrnehmung verworfen. Die jüdische Buchreligion gründet in der Gestaltlosigkeit und Unsichtbarkeit Gottes, die Text und Geschichte zu Quellen der Offenbarung machen. Der Bund zwischen Gott und Mensch beruht auf einem Zeichencode, der menschliche Körper ebenso beschriftet wie Häuser. Der jüdische Gott ist anders als der christliche nicht im Fleisch inkarniert, sondern in der Schrift. Die Thora bietet sich statt als in Zeichen kodierte Botschaft als zeichenhafte Selbstoffenbarung Gottes dar.

      2. Die christliche Zeichenkultur setzte sich gegen die jüdische dadurch ab, dass sie die Zeichen ihrer eigenen Heiligen Schrift, des Neuen Testaments, mit denen des Alten Testaments in ihrem Wert gleichsetzte. Dieses Gleichrangigmachen der Zeichen war vom griechischen Denken inspiriert, das strikt zwischen äußerem, materiellem Zeichen und innerer, immaterieller Idee unterschied. Dabei kam der inneren Zeichenhaftigkeit der höhere Wert zu. Die griechische Trennung von Außen und Innen ist bei Paulus als Scheidung von Buchstabe und Geist wirkmächtig geworden. Die Gleichwertigkeit der Texte ermöglichte das Nebeneinander von Varianten der neuen Heiligen Texte, den vier Evangelien, die zunächst ein und dieselbe Geschichte erzählen und dann in mehreren Sprachen nebeneinander kodifiziert wurden: zuerst Hebräisch und Griechisch, dann Latein und schließlich Kirchenslavisch. Erst die Reformation hat auch den mittel- und westeuropäischen Kulturen die Heilige Schrift in ihren eigenen Sprachen beschert.
      3. Die Zeichenrevolutionen der Neuzeit stärkten den arbiträren Charakter der Zeichen und drängten indexikalische und ikonische Zeichen mehr und mehr an den Rand. Gleichzeitig wurde die Materialität der
Zeichen zunehmend gleichgültig. Im Mittelalter war Gold noch als wertvolle Farbe auch beim Schreiben in Gebrauch. Die Gegenständlichkeit, Ortsgebundenheit oder immanente Ã"sthetik des Zeichenträgers wurde nun immer mehr zugunsten des Ideals einer eindeutig codierten Nachricht geschwächt. Zunehmend differenzierten sich Zeichensysteme aus, die in getrennten Kulturbereichen unabhängig voneinander bestehen: Die Zeichensprache der Astronomie trennt sich vom semiotischen System der Astrologie, und das Symbolsystem der Chemie vom Zeicheninventar der Alchimie. Die Drucktechnik zerstörte die Einmaligkeit der Zeichenexemplare und schuf ihre mechanische Reproduktion, die im Zeitalter der Elektronik nachgerade explodiert.
      Der Protestantismus entfaltete die Einstellung auf das Wort, jenen Logozentrismus, der dem Heiligen Text gegenüber der rituellen Handlung Ãobergewicht verlieh. Der Laie konnte seine Glaubensentscheidung nun auch ohne Teilnahme am Gottesdienst festlegen. 4. In der Moderne werden die neuzeitlichen Zeichenkonzeptionen geschwächt, die noch immer von einer Metaphysik bestimmt waren, da sie Gott, den Weltgeist oder die Geschichte als Vermittler zwischen Erscheinung und Ideen voraussetzten. Die moderne Semiotik hat diesen sinngarantierenden Hintergrund aufgegeben. Die moderne Sprachphilosophie geht von der sprachlichen Verfasstheit des menschlichen Wahrnehmens und Denkens aus. Die Strukturalistische Linguistik trennte sich von Etymologie und Ã"hnlichkeitsforschung, die noch die Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts beherrschten, und zielte auf die Rekonstruktion der semiotischen Ordnung selber.
      Die Semiotik des 20. Jahrhunderts konzentrierte sich im Gefolge von Peirce auf eine Logik der Zeichen und ihrer Verwendung und blendete die Bezugnahme auf Sachen zunehmend aus; sie lässt sich vergleichen mit dem Verzicht kubistischer Malerei auf die perspektivische Festlegung eines einzigen Blickpunkts und der abstrakten Malerei auf Abbildobjekte. Peirce zufolge grenzen Symbole nicht an Dinge, sondern an Symbole. Die Frage der Seinsweise der Zeichen wurde zurückgedrängt zugunsten von Pragmatik , Paradigmatik und Syntaxtheorie .

     
Die Pragmatik fasst den Bezug des Zeichens zu seinem Verwendungszusammenhang, die Paradigmatik das Verhältnis zwischen Zeichen in Zeichenregistern wie Alphabet, Wörterbuch, Liste der Verkehrszeichen, die Syntax das Folgeverhältnis von Zeichen in Zeichenketten wie Syntagma, Satz, Text.
      Im 20. Jahrhundert gewann die Ãoberzeugung an Boden, dass Zeichen stets durch Zeichen erläutert werden, nie durch Dinge. In der Sprachwissenschaft verdrängte die Syntaxtheorie die Bedeutungslehre vom ersten Platz. Die Techniken der neuen Medien gewannen an Bedeutung. Die moderne Semiotik ist selber Zeugnis des heutigen Zeichenverständnisses bei Sprachwissenschaftlern, Literatur- und Kultursemiotikern. Zeichen verweisen nur mehr auf Zeichen, und sinnverweigernde Semiosen geraten mehr und mehr in den Mittelpunkt des literarischen Interesses.
      Muschgs Roman verschränkt mittelalterlich-christliche, neuzeitliche und zeitgenössische Semiose miteinander. Er setzt und attackiert die Trennung von Innen und Außen in der christlich-religiösen Zeichenpraxis . Zugleich nutzt er die christliche Tradition des Relativierens alternativer Diskurse. Und er bettet sie ein in moderne, ja postmoderne Zeichenpraxis: Indem er einsetzt und endet mit dem Schweigegebot «Pst!», spielt er mit der postmodernen These vom Ende der Geschichte und des Romans.
      Haben wir in den vorigen Abschnitten Einblick genommen in theoretische Grundlagen der Textanalyse, so vermitteln die folgenden Abschnitte zur Lyrik-, Prosa- und Dramenanalyse die Fähigkeit, literarische Texte je nach der Textsorte differenziert zu analysieren.

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