Was ist ein Text? |
| Wer mit Texten umgeht, muss über die Fähigkeit verfügen, Texte von Nicht-Texten zu unterscheiden. Dies ist schwieriger, als es auf den ersten Blick scheint. Wir gehen zunächst von der Beobachtung aus, dass
der Begriff «Text» in der Umgangssprache, obwohl er unterschiedlich gebraucht wird, kaum Miss |
Was ist wichtig bei der Wahl einer Text-Edition? |
| Wer einen Text analysieren will, muss in der Lage sein, die (wissenschaftliche) Zuverlässigkeit der Textgrundlage zu beurteilen, von der er ausgeht. Dazu gilt es, Kriterien zu kennen, die das angemessene Übertragen eines vom Autor hergestellten Textes auf die Buch- oder Bildschirmseiten der Werkaus |
Versuch, eine fremde (Text-)Welt zu verstehen |
| «Liebeswerk; auch das war ein Name für den Gräl; er hatte der Namen viele. Der Gebräuchlichste war: Das Ding. So nannten ihn die Frauen, die ihn auf- und abtrugen. Sie hätten am besten sagen können, was für ein Ding er war: Kessel, Kelch, Stein oder Zaubertisch. Doch gerade sie wußten es nicht. Fast |
Aus der Geschichte der Hermeneutik |
| Der Grundmythos der Hermeneutik beruft sich auf Hermes, jenen Götterboten, der die Botschaften der Unsterblichen aus der Sprache der Götter in die der Sterblichen, der Menschen, übersetzte. Hermeneia ist im Griechischen zunächst die Fähigkeit, sich auszudrücken, dann auch die Ausdrucksweise und schl |
Verfahrensweisen der Hermeneutik |
| Wer Kompetenz im Verstehen erlangen will, muss zwei Verfahrensweisen
unterscheiden:
1. Ein nicht (mehr) verständlicher Text wird durch sprachlogische Ana-
lyse mit Hilfe der Wort- und Bedeutungsforschung grammatischrhetorisch bestimmt und ausgelegt zu einem verständlichen, mehr oder weniger e |
Die moderne Hermeneutik |
| Hermeneutische Kompetenz hat Hans-Georg Gadamers Grundschrift zur Hermeneutik, dem Buch Wahrheit und Methode (1960), zufolge mit drei |
Grundbegriffe der Semiotik |
| Vermittelt die Hermeneutik Kompetenzen zum Analysieren des Lesens und Verstehens, liegt hier also der Schwerpunkt auf dem Verständnis des Menschen als Zeichendeuter, so verleiht die Semiotik Fertigkeiten, den Menschen vor allem als Zeichengeber zu erfassen. Von der Semiotik (griech. Semeiotike) als |
Die Zeichentypen |
| Im Umgang mit der Semiotik ist die Fähigkeit zu erlernen, Zeichentypen voneinander zu unterscheiden. Die Zeichen lassen sich nach ihrer Bil-dungs-, Gebrauchs- und Funktionsweise in sechs Typen untergliedern: (1) indexikalische Zeichen, die manifestieren, (2) ikonische Zeichen, die abbilden, (3) symb |
Aus der Geschichte der Zeichenpraxis |
| Während Zeichentypologien die Semiose systematisch gliedern, vermittelt die Zeichenhistorie diachronen Überblick. Die Geschichte der kulturellen Zeichenpraktiken ist durch vier «Zeichen(r)evolutionen» (A. Assmann 1996) periodisiert worden:
1. Die. jüdische Zeichenrevolution. Das Bilderverbot im e |
Wie Unlesbares gelesen wird: Lyrikanalyse |
| Zur Einführung in die Lyrikanalyse wählen wir zwei Gedichte Paul Celans.
UND KRAFT UND SCHMERZ und was mich stieß und trieb und hielt:
Hall-Schaltjahre,
Fichtenrausch, einmal,
die wildernde Überzeugung, daß dies anders zu sagen sei als so.
(Celan 1983, S. 398)
Erstes Lesen von Celans Gedichte |
Das Aquivalenzprinzip der Wortkunst: poetische Rede |
| Eine gute Grundlage für die Lyrikanalyse bietet die These des russischamerikanischen Sprach- und Literaturwissenschaftlers Roman Jakobson, die Funktionsweise poetischer Rede nutze ein Prinzip, das wir bei Äußerungen in der Prosasprache des Alltags nicht in der Abfolge der Laute, Silben, Wörter, Sät |
Metrik und Reim |
| Weitere Verfahren der Äquivalenzbildung in poetischer Rede bilden Metrik und Reim. Die Metrik gebundener Rede erzeugt durch rhythmischen Aufbau Folgen äquivalenter silbischer Einheiten. In den meisten modernen europäischen Literaturen nutzt sie dazu die geregelte Folge von betonten und unbetonten S |
Vers und Strophen als Konstituenten von Äquivalenz |
| «Vers» kommt von lateinisch vertere, vom Wenden des Pflugs beim Pflügen. Parallel wie die Furchen im Acker liegen die Verse im Gedicht. Anders als die oben zitierten Gedichte von Plath und Gernhardt, die den
Vers mit der syntaktischen Struktur zur Deckung bringen, indem sie den Satz am Versschluss |
Der Stoff |
| Stoff ist das allgemeine Material, aus dem sprachliche Kunstwerke gefertigt sind. Im Fall des Gedichts UND KRAFT UND SCHMERZ von Paul Celan ist der Stoff zunächst das Leben, dann, enger gefasst, das Leben in seiner zeitlichen Ausdehnung und in seiner möglichen klanglichen und allgemeiner: sprachlich |
Das Thema |
| Das Thema ist die Bedeutungs- und Sinneinheit des literarischen Textes oder auch eines Teils dieses Textes: des Kapitels in einem Roman, der Strophe in einem Gedicht. Anders als bei nicht ästhetisch aufgefassten Texten, die vor allem auf die zu übermittelnde Nachricht orientieren, erzeugt der als Wo |
Die Struktur |
| Die Struktur ist das aus Ausdruckssequenz, Folge der gemeinten Objekte und Sinnbewegung gestiftete Gefüge eines literarischen Textes. Die Abfolge von vier Strophen mit den Versmengen drei, zwei, eins, drei (von «UND KRAFT UND SCHMERZ» bis «so») bestimmt im erstzitierten Celan-Gedicht diese Ausdrucks |
Das Motiv |
| Das Motiv ist ein Element, das den literarischen Text in seiner Bauform durch Wiederholung bedeutungs- und werthaft prägt; es hat eine strukturierende Funktion für die Ausdrucks-, Bedeutungs- und Sinnschicht des Kunstwerks, aber auch für sein Wertgefüge (Grübel 1995). Man hat in der Prosa für den Ge |
Bildliche Rede und (Un-)Zulässigkeit der Wortkunst? |
| Michail Bachtin (1979) hat die Wortkunst abgewertet, weil sie nur eine einzige sprechende Instanz - das lyrische Ich - voraussetze und daher monologisch spreche. Dagegen hat Renate Lachmann (1990, S. 171-185) die These vom dialogischen Charakter übertragenen Sprechens gesetzt: Er begründe Mehrdeutig |
Das Problem der Fiktionalität |
| Grundlage der literarischen Prosaanalyse ist das Erfassen der Konstruktion fiktionaler Erzählwelten durch räumliches, zeitliches und personales Perspektivieren. Hier ein Beispiel:
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Schichten des Prosatextes |
| Bei der Untersuchung von Erzähltexten ist es hilfreich, sie zu Untersuchungszwecken in Schichten zu gliedern. Die russischen Formalisten unterschieden bereits Fabel und Sujet (vgl. Hansen-Löve 1978), d.h. chronologisch geordneten Geschehensablauf und von ihm abweichende künstlerische Geschehensordnu |
Die Instanzen Erzähler und abstrakter Autor |
| Bei der Analyse des Gleichsetzens von möglicher und aktueller Welt ist es hilfreich, im fiktionalen Erzählen nicht nur den Erzähler vom Verfasser der Prosa zu unterscheiden, sondern auch den impliziten (in anderer Terminologie: abstrakten) Autor. Dieser generiert die erzählte Welt mitsamt dem Erzähl |
Der Standpunkt in der Prosa |
| Während genuine Lyrik standpunktfrei ist (siehe Teil 2.3), setzt klassische Prosa im Unterschied auch zur ursprünglichen Epik immer einen Fokus voraus, von dem aus wahrgenommen, geurteilt und gesprochen wird. Schon der erste Satz von Kafkas Erzählung entwirft in der sprachlichen Formulierung «überbl |
Redeformen in der Prosa |
| Bei der Analyse von Redeformen der Prosa ist auf das Wechselspiel zwischen Erzähler- und Personenrede zu achten, die oft gegensätzliche Sprecherstandpunkte verkörpern. Die Rede des Erzählers kann sich zu ihrem Gegenstand verschieden verhalten, indem sie beschreibt, schildert oder kommentiert. Anders |
Intertextualität in der Prosa |
| Wie jede andere Form von Literatur bezieht sich die Prosa stets auf andere Texte. Diese Intertextualität bei der Prosa zu rekonstruieren, lehrt, den Bezug des Erzählens nicht auf fiktive Wirklichkeit, sondern auf reale Texte zu erfassen. Prototypen der Intertextualität sind Zitate und Namen, doch ka |
Die Komposition von Prosatexten |
| Wie bei allen anderen umfangreicheren Texten macht es auch für Prosatexte Sinn, auf eine Dreiergliederung in Anfang, Mitte und Ende zu achten. Die Binnengliederung lässt sich bei großen Texten wie den Romanen oft durch Kapitel und Abschnitte erfassen, die auch eigene Überschriften tragen können. De |
Was ist dramatisch? |
| Als das Schauspiel Bonn im Januar 2000 Jeff Koons von Rainald Goetz aufgeführt hatte, las man in der Zeitung:
«Aber ist es überhaupt ein Stück, was Goetz da zu Papier gebracht, aus Splittern und Schnipseln, Alltagsbeobachtungen und Reflexionen, Abgelauschtem und Aufgeschnapptem, Stammel- und Stumme |
Traditionelle Regeln des Dramas |
| 1. Im Gegensatz zum außereuropäischen und frühgriechischen Theater, das Tanz, Chor und Musik, hochstilisierte zeremonielle Abläufe, erzählende und lyrische Texte verband, verkörperte Theater im Europa der Neuzeit Reden und Taten auf der Bühne durch dramatisches Spiel, das unter der Vorherrschaft de |
Der Zerfall der dramatischen Struktur im I9. und 20. Jahrhundert |
| Die Schauspiele des 19. Jahrhunderts radikalisieren die Spannung von Sprache und Körper. Heinrich von Kleists Penthesilea (1808) will sich weder von der Wortgewandtheit Achills noch von seiner anmutigen und zugleich brutalen Haltung täuschen lassen. Mit Lippen, Zähnen und Zunge, den Werkzeugen des S |
Der mediale Charakter literarischer Texte und die Reichweite literaturwissenschaftlicher Textanalyse |
| Wer literarische Texte untersucht, tut gut daran zu beachten, dass bei genauer Betrachtung in der Literatur wie in der bildenden Kunst im Grunde nicht ein einziges Medium, sondern mehrere Medien Verwendung finden. Diese grundlegende Vielfalt ihrer Ausdrucksmittel entspringt zunächst dem Unterschied |