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Analyse literarischer institutionen

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Verlage



Aus institutioneller Sicht sind es nicht inhärente Eigenschaften von Texten, die bestimmte Werke zu literarischen machen. Es sind die Institutionen des literarischen Feldes, die in ihrem Wechselspiel, in ihrem Konkurrenzkampf und durch die Auffassungen, die sie teilen, einen Text als literarischen legitimieren. So gesehen, ist der Aufbau eines CEuvres kein individuelles Projekt eines Autors, sondern das Ergebnis des Zusammenspiels und Widerstreits der verschiedenen Institutionen.

      In diesem Prozess spielen auch die Verlage eine Rolle. Sie produzieren nicht nur materielle Produkte: bedrucktes und als Buch gebundenes Papier, das sie für einen bestimmten Preis an Großhändler, Buchläden oder Käufer liefern. Zugleich sind sie in die symbolische Produktion von - literarischen - Werten eingebunden, wodurch die Verlage Teil des Universums des Glaubens ausmachen, wie Bourdieu es nennt.
      Bourdieu geht von einer Einteilung des literarischen Feldes in ein Unterfeld der Großproduktion und ein Unterfeld der eingeschränkten Produktion aus. Beim ersteren werden die Positionen der Aktoren zum größten Teil über den ökonomischen Erfolg bestimmt. Beim Unterfeld der eingeschränkten Produktion hingegen geht es darum, dass die Texte als hohe Kunst anerkannt werden, wobei die Ã-konomie nur unter umgekehrten Vorzeichen für die Positionen der Autoren von Bedeutung ist. Die Logik des Unterfelds der eingeschränkten Produktion ist die des «loser wins» - neue Verlage oder Autoren stellen so in der Anfangsphase ihrer Karrieren oft geradezu ostentativ ein Desinteresse an materiellem Gewinn zur Schau. Damit wird das erste Unterfeld heteronom bestimmt - nach ökonomischen Parametern -, das zweite autonom - nach literarischen Parametern.
      Vor diesem Hintergrund unterscheidet Bourdieu zum einen Verlage, die auf den kurzfristigen Produktionszyklus setzen. Sie konzentrieren sich auf die Aktualität und auf den Verkauf von Bestsellern, die sich schnell amortisieren müssen. Diesen Verlagen geht es um Kommerzia-lität - Bourdieu denkt hier an die französischen Verlage Laffont, Presses de la Cite oder Hachette, denen man im deutschen Sprachraum vielleicht Droemer Knaur oder Goldmann zur Seite stellen könnte. Sie operieren im Unterfeld der Großproduktion. Zum anderen gibt es für Bourdieu den Verlagstyp, der sich auf den langfristigen Produktionszyklus richtet. Von diesen Verlagen werden oft Investitionen in Avantgarde-Autoren getätigt, die, wenn überhaupt, erst nach einiger Zeit durch die erfolgreiche literarische Konsekration zu nennenswerten Verkaufszahlen führen. Das kann dann der Fall sein, wenn avantgardistische Autoren zum schulischen oder universitären Curriculum vorstoßen. Bourdieu analysiert in diesem Zusammenhang den Verkauf eines Romans des nouveau roman-KxAors Alain Robbe-Grillet und den Verkauf des absurdistischen Avantgarde-Textes Warten auf Godot von Samuel Beckett. Die Verkaufs-zahlen liegen zunächst relativ niedrig und wachsen dann stetig über die Jahre, weswegen der Verlag, Editions de Minuit, von Bourdieu zum zweiten Typ gerechnet wird - auf der Suche nach einem deutschen Pendant könnte man an Suhrkamp denken.
      Die skizzierte Einteilung hat zwar den Charme einer klaren Opposition, muss aber bei einer genaueren Betrachtung dessen, was Verlage tatsächlich mit dem Werk von Autoren tun, modifiziert werden . So widerspricht z.B. das lange Leben, das manchen Bestsellern wie denen von Alistair MacLean in der Ãobersetzung beschieden ist, der eindeutigen Zuordnung ihres Verlags zum kurzfristigen Produktionszyklus. Umgekehrt machen literarische Avantgarde-Verlage von Vermarktungsstrategien auf eine Weise Gebrauch, die sich nicht von denen der kommerziellen Verlage im Sinne Bourdieus unterscheidet. Hinzu kommt ein vielfach konstatierter allgemeiner kultureller Prozess, der die Grenzen zwischen hoher und populärer Kultur verwischt und bei dem auch Universitätsprofessoren ihre Begeisterung für Harry Potter oder die Filmtrilogie Herr der Ringe öffentlich kundtun. Die renommierten Literatur-Verlage müssen sich also in einem Feld behaupten, in dem die Eliten in zunehmendem Maß zu Omnivoren werden, auch in Bezug auf andere Medien als das Buch.
      Wie kann das Handeln der Verlage im literarischen Feld genauer analysiert werden? Einen wichtigen Zugang zu einem differenzierteren Bild können die Verlagsprogramme in historischer Perspektive bieten, z. B. im Hinblick auf Debütanten, die Frank de Glas exemplarisch anhand niederländischer Prosadebüts aus den Jahren 1961 bis 1965 untersucht hat . So müssen Verlage generell daran interessiert sein, in ihr Programm neue Autoren aufzunehmen - ein kollektives Interesse an Debütanten ist also gegeben. Einem literarischen Verlag, der keine neuen Autoren mehr anzieht, droht über kurz oder lang das Ende.
      Eine Analyse der Verkaufszahlen von Prosadebüts zeigt aber, dass diese für Verlage alles andere als lukrativ sind - weniger als zehn Prozent aller Debütanten brachten es auf eine zweite Auflage, und nur eine verschwindende Minderheit wurde ein wirklicher Verkaufserfolg. Damit unterschreiten Debüts deutlich die Verlagsfaustregel, dass mindestens jedes fünfte Buch Gewinn abwerfen muss. Verlage sind deswegen zumeist auch zurückhaltend beim Veröffentlichen von Debüts, obwohl kein Ver-lag sich prinzipiell auf die Ãobernahme von anderswo bereits erfolgreichen Autoren zu beschränken versucht. Das Risiko wird übrigens noch dadurch erhöht, dass es im hier skizzierten Fall bei fast einem Viertel der Autoren nie ein zweites Buch gab.
      Hinzu kommt für Verlage ein weiteres Problem: Ebenfalls nur zehn Prozent aller Autoren bleiben langfristig im Programm ihres Debütverlags, und so gut wie kein langfristig schreibender Autor publiziert sein Werk ausschließlich bei nur einem Verlag. Autoren neigen offensichtlich dazu, zu Verlagen vorzustoßen, die viel symbolisches Kapital versprechen. Weniger renommierten Verlagen gelingt es deswegen auch so gut wie nie, einen produktiven Debütanten langfristig an den eigenen Verlag zu binden. Zwar haben renommierte Verlage - in Deutschland z. B. Beck, Fischer, Hanser, Klett-Cotta, Luchterhand, Rowohlt oder Suhr-kamp - offensichtlich bessere Möglichkeiten, einen Autor an einen Verlag zu binden, und ihnen gelingt dies auch öfter. Die hier wiedergegebenen Zahlen relativieren aber das prätentiöse Verlagsbekenntnis «Wir haben keine Bücher, wir haben Autoren», auch wenn die Gründe für einen Verlagswechsel in der Regel komplex und auf jeden Fall nicht aus den Verlagsprogrammen abzuleiten sind.
      Den Verlagen kann man einen großen Einfluss auf das kreative Werk eines Autors zusprechen . Sie sind es, die bestimmen, wer zu ihrem Stall gehört und sich damit Schriftsteller nennen darf. Sie betreuen einen Autor und sein Manuskript, sie entscheiden letztlich über die Gestaltung des Buchs und seine Präsentation und schließlich auch darüber, ob sie ein zweites oder weiteres Buch wieder in ihr Programm aufnehmen. Wie dieser Anteil des Verlags-Einflusses genau zu bestimmen ist, ob Verlagsprogramme auf bestimmte Literaturauffassungen zurückgeführt werden können, ob Verlage über die Lebensspanne ihrer zentralen Verleger-Persönlichkeiten hinaus ihr Renommee und ihre Attraktivität für Debütanten halten können, ob Verlage Einfluss auf die Kanonisierungsprozesse haben, all das ist Teil eines weiten Feldes, das großenteils noch der Erforschung harrt. Eine differenziertere Beschreibung des Verlagshandelns als die Anstöße Bour-dieus und einiger von ihm inspirierter Arbeiten verspricht nicht nur Einsichten in das Funktionieren des literarischen Feldes. Darüber hinaus können die Ergebnisse solcher empirischen Un-tersuchungen auch für die Verlage selber interessant werden: Wenn es gelingt, die Faktoren, die für einen literarischen Erfolg wichtig sind, in einem systematischen Zusammenhang herauszuarbeiten, kann man anschließend versuchen, diese bewusst zu steuern - z. B. durch gezielte Förderung von Autoren und Ãobersetzern und durch effizientes eines Buchs.
     

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