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Literaturpolitik, Buchhandel und Bibliotheken



Die in diesem abschließenden Unterkapitel zu besprechenden Inslilulio nen teilen die Eigenschaft, bei der Verteilung symbolischer Anerkennung, weniger wählerisch zu sein als die zuvor besprochenen. Deswegen spielen sie bei der symbolischen Produktion auch nur eine untergeordnete Rolle. Dennoch wird auch im Buchhandel symbolisches Kapital produziert, z. B. über die Bestsellerlisten. Wer nämlich glaubt, diese bildeten einfach absolute Verkaufszahlen ab, so wie die Bundesligatabellen Punkte und Tore wiedergeben, sieht sich getäuscht. Es lässt sich zeigen, dass die Hersteller dieser Listen bei Auf- und Abstieg - zum Teil in Ermangelung absoluter Zahlen - eine Reihe von anderen Faktoren mitspielen lassen wie die Größe des Verlagshauses oder die Verweildauer auf der Liste .
      Was die Literaturpolitik angeht, so wird diese in verschiedenen Staaten so unterschiedlich betrieben, dass generelle Aussagen kaum möglich sind. Der kleinste gemeinsame Nenner liegt wohl darin, dass Politiker die Rahmenbedingungen für das literarische Feld durch Gesetze und Verordnungen in Sachen Autorenrecht, Buchpreis , Ausleihvergütungen usw. schaffen. Auf der Grundlage dieser Regeln operiert der Buchhandel in Deutschland z. B. mit der Buchpreisbindung - im Unterschied etwa zu den USA. Das wichtigste Argument für die Buchpreisbindung ist, dass so eine flächendeckende und die Diversität fördernde Verbreitung des Produkts Buch am ehesten gewährleistet werden kann. Nur so könne man der Gefahr begegnen, dass große, in Städten ansässige Ketten mit den Verlagen niedrigere Preise für Bestseller aushandeln, was dann kleinen Buchhandlungen und weniger marktgängigen Büchern zum Nachteil gereicht. Die Gegner der Buchpreisbindung sehen den Vorteil darin, dass die Ware Buch ohne Preisbindung billiger werden könnte, was ihrer Verbreitung nur zugute kommen würde.
      Wegen der Kulturhoheit der Länder gibt es in Deutschland keine systematische Förderung von Autoren und Büchern auf Bundesebene - von allgemeinen Förderungen wie der Künstlersozialversicherung einmal abgesehen. In den Niederlanden und Flandern z.B. findet man demgegenüber nationale Literaturfonds, die nach bestimmten Kriterien - von denen literarische Qualität, die durch unabhängige Gremien von Kritikern, Literaturwissenschaftlern, Ãobersetzern und Autoren festgestellt wird, das wichtigste ist - Monats- oder Jahresförderungen für bestimmte Projekte vergeben. In Deutschland kommen dieser Art von Förderung die zahlreichen Stipendien noch am nächsten, die von privaten, kommunalen oder Länder-Instanzen verge-ben werden und die man z.B. dem regelmäßig aktualisierten Handbuch für Autorinnen und Autoren entnehmen kann. Bourdieu sieht darin jedoch eine unerwünschte Einmischung in das literarische Feld. Für ihn handelt es sich bei der öffentlichen Literaturförderung, die von den kommunalen und regionalen Literaturbüros und Literaturhäusern bis hin zur Verleihung von Staatspreisen für Literatur reicht, lediglich um Formen «der versteckten und einwandfreien Gewalt der bürokratischen und journalistischen Kräfte, mit der sie exogene Prinzipien des Sehens und Einteilens durchzusetzen versuchen». Hierunter versteht Bourdieu «jene eigentümlichen, wahrhaften Staatsstreiche [...], wie sie all die Versuche der Durchsetzung externer Hierarchisierungsprinzipien unter Einsatz der Macht der Politik , der Wirtschaft , der Presse etc. darstellen.» Die Autonomie des Unterfeldes der eingeschränkten Produktion ist für Bourdieu offensichtlich keine deskriptive Kategorie, sondern eine normative, die er energisch gegen jeden Eingriff von außerhalb des literarischen Feldes zu verteidigen sucht. Das kann es für Studierende der Literaturwissenschaft umso interessanter machen zu analysieren, was Kommunen wie und warum tun, wenn sie Literatur fördern, und ob es sich dabei tatsächlich um «Rückfälle in die Heteronomie» handelt, «wie sie heutzutage zugunsten einer Rückkehr neuer Formen der öffentlichen oder privaten Förderung in Gang kommt» .
     

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Literaturpolitik,  Buchhandel  Bibliotheken    



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