Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Analyse literarischer institutionen

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Leser



Angesichts eines Konzepts des literarischen Feldes, das hauptsächlich vom Kampf um Positionen und Macht geprägt ist, verwundert es kaum, dass die Leser als Teil dieses Feldes relativ wenig analytische Aufmerksamkeit aus institutioneller Perspektive erfahren haben. Anders als die Institutionen und die Verfasser von Texten sind die Leser weniger Aktoren im Kampf um symbolisches Kapital als eher Teil der Anlageformen, in denen dieses Kapital sich manifestiert. Hinzu kommt, dass das Verhalten der Leser im Feld sowohl synchron als auch diachron nicht leicht zu untersuchen ist . So ausgerichtete Forschung teilt viele Fragestellungen mit der empirischen Leserforschung . Letztere untersucht Bedeutung als Konstruktion und Problem des Lesevorgangs, nicht als Problem der Sprache, des Textes, des Autors oder des literarischen Feldes. Was sich bei der Lektüre - etwa beim Lesen von Metaphern in Texten, die zur Literatur gerechnet werden -im Kopf des Lesers abspielt, wird deswegen von der Leserforschung in überprüfbaren und wiederholbaren Studien untersucht. Dies geschieht zumeist in einem kognitions-psychologischen Rahmen. Bei dieser Art von Arbeiten geht es um zeitgenössische Leser, nicht um historische .

      Auch die sozial-historische Rezeptionsgeschichte ist am realen Leser interessiert, wie ihr programmatischer Kernsatz in der Formulierung Gunter Grimms belegt: «Wer hat warum was warum wie gelesen?» Hinter dieser auf den ersten Blick recht unschuldig scheinenden Formel verbirgt sich ein kaum zu überblickender Forschungsbereich:
«[Rezeptionsgeschichte] bedürfte jedoch zur Fundierung der Rezeptionsmotivationen und -modalitäten einer breit angelegten Untersuchung der vermittelnden Instanzen: der Institutionen, die Texte kanonisieren, und der Institutionen und Organisationen, die den literarischen Markt lenken oder beeinflussen. Eine solche
Distributionsforschung, die den Einfluß von Schule und Universität, den Einfluß von Mäzenatentum, kulturellen Vereinen, literarischen Gesellschaften, Stiftungen, Akademien, von Theater, Film, Funk und Fernsehen auf die literarische Rezeption und schließlich auch die Produktion untersucht, steht erst in den Anfängen [...]. Rezeptionsgeschichte als Geschichte der kommunizierenden Subjekte überschritte allerdings den literarisch definierten Interessen- und Quellenbereich des Literaturwissenschaftlers; sie erweiterte sich zu einem interdisziplinären Projekt, an dem Literatursoziologie und Leserpsychologie ebenso beteiligt wären wie Geschichts-, Buchwissenschaft, Publizistik, Kommunikations- und Kulturwissenschaft.»
Ein so weit gespannter theoretisch-programmatischer Anspruch muss sich in der Praxis notwendig auf Teilaspekte beschränken. Das gilt auch für die institutionell orientierte Forschung, die in diesem Zusammenhang z. B. untersucht, welche Faktoren die Entscheidung von potenziellen Lesern, ein Buch zu kaufen, beeinflussen. Bei literarischen Neuerscheinungen könnte man annehmen, dass die Literaturkritik eine wichtige Rolle für das Kaufverhalten spielt. Demgegenüber zeigen einschlägige Arbeiten jedoch, dass im Allgemeinen keine Relation zwischen den Verkaufszahlen eines Buchs und der Zahl bzw. der Länge der Rezensionen zu diesem Buch hergestellt werden kann. Als relevante Variablen zur Erklärung des Kaufverhaltens erweisen sich hingegen die Gattung und der Bekanntheitsgrad eines Autors. So wird erzählende Prosa wesentlich mehr gekauft als Lyrik - was vermutlich niemanden überrascht. Interessanter ist hingegen der Faktor des Bekanntheitsgrads. Dieser wurde daran gemessen, dass zum Zeitpunkt der Neuerscheinung eines literarischen Textes mindestens zwei weitere Bücher eines Autors noch lieferbar sein müssten. Auf diese Weise sollen die Autoren ausgewählt werden, die dabei sind, ein umfangreiches Werk aufzubauen und im Schnitt etwa alle zwei Jahre einen neuen Titel veröffentlichen. Tatsächlich stellt sich heraus, dass die unterschiedlichen Verkaufszahlen von literarischen Texten mit dieser Variablen zu einem großen Teil erklärt werden können. Der Grund dürfte darin zu suchen sein, dass Käufer sich von bekannten Namen und in der Vergangenheit aufgebauten Lesevorlieben leiten lassen .
      Auch die Einstellung zur Literatur - worunter hier die kognitive und affektive Motivation, warum man liest, verstanden wird - beeinflusst das Leseverhalten. In einer Studie wurden zunächst drei Typen von reading attitudes unter den 185 Personen, die an der Untersuchung mitwirkten, herausgearbeitet. Diese drei reading attitudes waren im Einzelnen:
- eine auf individuelle Entwicklung und Lernen gerichtete Einstellung, die das Nützliche von Literatur z. B. in Bezug auf Stilbildung, Wortschatzentwicklung, Weltkenntnis, gesellschaftlichen Erfolg usw. betonte;
- eine auf Zerstreuung gerichtete Einstellung, bei der Literatur z. B. zur Entspannung gelesen wird; wenn man sich langweilt; um aus der Alltagsroutine auszubrechen oder weil nichts im Fernsehen läuft;
- eine auf Genuss gerichtete Einstellung, die z. B. mit der Lust am Gelesenen, an der Identifikation mit dem Helden oder am Tagträumen mit Bezug auf die literarischen Phantasiewelten begründet wird.
      Eine positive Relation zwischen Leseverhalten und der Einstellung zum Lesen war jedoch nur bei der dritten Variante festzustellen: Wer aus Vergnügen liest, liest mehr. Darüber hinaus konnten auch Zusammenhänge zwischen Ausbildungsniveau und Leseverhalten nachgewiesen werden: Je höher die Ausbildung, desto mehr liest ein Individuum in seiner Freizeit .
      Bei Untersuchungen wie den zuletzt angeführten wird übrigens oft auf statistische Erhebungen und Analyseverfahren zurückgegriffen. Deswegen kann es sich für Studierende, die im Bereich der institutionellen Analyse arbeiten wollen, empfehlen, Module zu belegen, die statistische Methoden vermitteln.
     

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